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Archiv für Februar, 2008

Was kucks’ du?

Geschrieben von Johannis am 28. Februar 2008 um 20:00 Uhr

Dortmund ist nicht München. Meine Heimatstadt hat eine nur schlecht als U-Bahn verkleidete Straßenbahn, und ich bin noch kein Rentner. Aber fast hätte ich heute trotzdem kräftig was auf die Schnauze gekriegt. Weshalb? Wegen eines Blicks.

Donnerstag 18:42 Uhr, nach einem grundfrustrierenden Tag voll entgeisterndem Büroschweinekleinkram und nahezu ohne jegliches Erfolgserleben, besuche ich meine PLUS-Filale zum Erwerb fehlender Überlebensmittel. Eigentlich wird der Laden ja vornehm-frankophil PLÜH ausgesprochen, so will es wenigstens ein Münchener Freund von mir. Ja, noch mal München, wegen der U-Bahn-Schläger. Egal.

Auf jeden Fall, ich war bei PLUS. An der Kasse erfreue ich die stellvertretende Filialleiterin Frau W. (sie leidet an Multipler Sklerose, hat aber wohl arbeits- und finanztechnisch keine Wahl und kloppt daher seit Ewigkeiten Schichten vorm Regal und an der Kasse) bis zur Rührung mit meiner Schlagfertigkeit. Befragt, wie es denn so geht, antwortet sie: „Ach, Sie wissen ja, schlechten Menschen geht es immer gut.“ Das ist natürlich ein saublöder Selbstentwertungsspruch, den ich mit „Dann müsste es Ihnen ja die meiste Zeit schlecht gehen“ kontere. Sie fällt mir beinahe um den Hals.

Während ich mein Zeug verstaue, nehme ich zwei Typen wahr, die zielstrebig und ohne Einkaufswagen in den hinteren Teil des Marktes stapfen. Da ich in meiner Jugend ausgiebigst in Super- und Baumärkten geklaut habe, bilde ich mir ein, dass ich potentielle Ladendiebe verlässlich erkenne. Minuten später steh’ ich draußen neben meinem Fahrrad an der Ampelkreuzung und stiere auf der Suche nach verlorenen Gedanken in die hereingebrochene Dunkelheit. Die beiden Powershopper tauchen auf, eindeutig zu schnell, um durch die Kassenschlange gewandert zu sein. Beide um die zwanzig, ein kleiner Stämmiger, der andere groß und stämmig und mit diesem Konturen-Bartstil, von den ich nicht weiß, wie man das nennt. Nur so zwei dünne Stoppelstreifen vom Ohr bis zum Kinn, wie mit der Klinge gezogen. Kennt ihr? Gut.

Und ich mach’ es wieder falsch. Der Bartfritze, dem ein bedrohlich erhöhter Testosteronspiegel und sein Migrationshintergrund überdeutlich ins unterschichtenfernsehtaugliche Gesicht geschrieben stehen, starrt mich mit dem Blick eines schlecht gelaunten Alphawolfs am Ende der Paarungszeit an, und ich starre zurück. Er starrt finster bis feindselig, ich halte seinem Blick scheinbar unbeeindruckt stand. Er grinst eine Sekunde lang, ich grinse nicht. Er fragt: „Was kucks’ du, eyh?“ Ich antworte höflich und kühl: „Du guckst doch, ich gucke nur zurück .“

Das reicht, er kommt angesprungen, die Ampel ist immer noch rot, der Feierabendverkehr braust. Meine Erfahrungen mit Typen wie ihm sind vielfältig, aber durchweg schlecht. Entweder es gibt gleich was auf die Fresse, oder sie wollen sich im Redewettstreit messen. Dann gibt es garantiert später was auf die Fresse. Oder ich wende eine der unzähligen Deeskalationsstrategien an, die ich in knapp 50 Jahren entwickelt habe. Zum Beispiel schnell abhauen. Aber nicht im Dunkeln quer über eine vierspurige Straße mit Feierabendverkehr und Schnellbahntrasse, lieber lass ich mich klatschen.

Der Zlatko-Verschnitt baut sich vor mir auf und fragt mich geraderaus, ob ich ihm einen blasen will. Ich verneine ohne lange Grübelei. Agron, Yilmaz oder Mohammed schiebt noch ein paar Unfreundlichkeiten nach, die Ampel wird grün und er scheucht mich mit den Worten „Los, verpiss dich, Affenkind!“ aufs Rad. Ich bin zwar nicht der blond-arische Typ, aber wie ein Affenkind sehe ich auch nicht gerade aus. Die schnippische Riposte, die ich radelnd über meine Schulter werfe, enthielt keine Anspielungen auf sexuelle Aktivitäten mit nahen Verwandten oder Haustieren. Ich schwöre! Trotzdem darf sich keiner wundern, wenn ich demnächst mit dreifach gebrochenem Kiefer und bewusstlos aufgefunden werde. Egal, lieber tot als feige.

Ich sollte mir wohl doch bald eine Faustfeuerwaffe zulegen, flinkes Mundwerk oder flinke Waden retten mich nicht mehr oft.

 

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Nachrichtenverbrecher

Geschrieben von Johannis am 27. Februar 2008 um 21:54 Uhr

Da mir meist nix Gescheites einfällt, verbrat ich gern Altbackenes erneut. Oder ich hab eben Glück. Dienstag auf der A 1 gen Norden unterwegs, um dem 80. Wiegenfest meines Zeugers beizuwohnen, ich höre wieder WDR. Es wird auf den am selben Tag geborenen und demzufolge nun auch achtzigjährigen Fats Domino hingewiesen. Nur dass die WDR2-Tante zweimal Fetz Domingo sagt.

Is ja auch schwer, wo doch der Placebo Domminoh noch lebt, dieser andere dicke Tenor aber schon tot ist. Die Nachbeben vor der Küste von Sumatra wurden übrigens ausgelöst vom rapide und wegen seiner Leibesfülle höchst unwuchtig im Grab rotierenden Lutschianoh Pavarotti. Oder hieß der doch Papagallo? Oder Papageno. Sauschwer, diese ganzen Namen. Tschau!     

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Hoch und heilig versprochen

Geschrieben von Johannis am 24. Februar 2008 um 15:01 Uhr

Mehrere meiner Leser mahnten mich mitunter mächtig maulig zur Kürze, andere nörgeln gern, es kämen in manchen meiner Sätze zu viele Ms vor, und der Rest ignoriert oder missachtet mich meist. Macht nix. Seit gestern und im gar nicht mehr so zarten Alter von fast Fuffzich weiß ich endlich, was ich bin – ein Schreiber. Writer lässt sich auch mit Schriftsteller, Autor, Sentenzbaumeister, Verfasser, Worthülsendreher, Texter, Satzschreiner, Dichter, Schreiberling und auf siebzehn andere Weisen übersetzen, aber Schreiber find’ ich gut. Der von mir durchaus verehrte amerikanische Schreiblehrer Sol Stein erklärt das Phänomen in seinem Buch „How to Grow a Novel“ so: A writer is someone, who cannot not write. Jemand also, der nicht nicht schreiben kann. Schreiben muss. Mach ich, bin ich. Zu lang meist, aber dafür nur halb so banal und nicht etwa mehrfach täglich wie Matthias von http://www.blog-kade.de/, der allein gestern und vorgestern je drei Beiträge in seinen Blog stellte. Darunter sind solche Kostbarkeiten wie:

Gut

Was für ein schöner Nachmittag. Es kommt nicht auf die Länge, sondern auf den Inhalt an. Mir geht es heute gut, ich habe ein breites Grinsen im Gesicht und freu mich auf das, was noch kommen mag.

Ganz nebenbei: Ich habe heute Abend zu viel gegessen. Vielleicht ist es doch nicht so clever, selber zu kochen.

Schön ist auch unter Einfach weg? zu lesen, wie sein hessischer Klient (Matthes ist Betreuer) besoffen über einen geparkten Mercedes fiel und dabei für 6000,- Euro Schaden anrichtete. Dass Elefanten sich an vergorenen Früchten berauschen und randalieren hab ich schon mal gehört, aber wieso bekommen die vom Sozialstaat einen Jugendbetreuer gestellt? Und wieso keine Wildhüter, sondern solch grundverstrahlte Typen wie den Matthias?

Abschreckend-schaurig-schön ist auch die Seite von Ron Nashville (is’ garantiert sein Taufname), der gegen die schmale Gebühr von 24,80 für Einfaltspinsel, Legastheniker und Faulpelze mundgedrechselte Liebesbriefe schreibt. Um die Spannung zu halten hier nur ein Ausschnitt. Ron schreibt grammatikalisch nicht ganz korrekt an Gudrun:

Mein Herz bubbert jedes Mal, wenn ich an Dich denke und in meinem Bauch habe ich das Gefühl, als wäre dort eine Schmetterlingszucht. Ich frage mich nun schon die ganze Zeit: Ist das nun Liebe?? Wenn sie es ist, dann ist es wahr: Ja, ich liebe dich. Ich sehne mich nach Deiner Nähe. Jeder Tag ohne dich ist für mich ein verlorener Tag. Du bist ein wundervolles Wesen, dass ich nicht mehr missen möchte.

Mehr Geblubber unter: http://www.herzensbriefe.de/index.php?content=beispiel

Wann denn endlich Schluss ist und was das alles mit der Überschrift zu tun hat? Gleich. Und die Überschrift bezieht sich auf Versprecher und Stilblüten.

Im WDR versprach der Nachrichtenmann gestern Nacht für NRW und das südliche Niedersachsen leichten Bibelregen. Traumhaft schönes Bild – pfundschwere Bibeln mit Goldschnitt und edlem, schwarzem Einband fallen aus einem frühlingsgrauen Himmel, treffen Gerechte wie Ungerechte, Frömmler und Heiden, splittern durch Velux-Fenster und Oberlichter, schlagen Dellen in die Dächer von geparkten Mercedessen und erschrecken dabei torkelnde Jungelefanten. Ein göttliches Zeichen! Gott lässt zwar kein Hirn vom Himmel regnen, aber immerhin Bücher. Und sogar Bestseller. Bis zur Belletristik ist es nur noch ein kleiner Schritt, Gott, das schaffst du schon!

Schluss mit lustig!

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Turboverblödung

Geschrieben von Johannis am 22. Februar 2008 um 19:14 Uhr

Um mein Intellektuellenimage nicht zu beschädigen, verweigere ich mich standhaft, ja geradezu erbittert jeglicher medialer Bewerbung. Ich bin schon groß und muss mir nicht durch Postwurf-, TV-, Radio- und andere Sendungen erklären lassen, was ich gut zu finden habe. Konsequenterweise habe ich die Glotze bereits im Sommer 1996 aus meinem Haushalt verbannt und werde nicht müde, dies wiederkäuerisch und gebetsmühlenhaftig zu betonen.

Aber der Schutzschild ist löchrig, lückenlose Abwehr trotz allem unmöglich. Besonders bei witterungsbedingten Frequenzüberlagerungen im UKW-Bereich. Während einer geschäftlichen Besprechung, die ich heute früh im Bad mit mir selbst abhielt [Typisches und durchaus bedenkliches Versingelungssyndrom – nicht nur Selbstgespräche führen, sondern auch noch Meetings im kleinstmöglichen Kreis abhalten. Vorstufe zur Persönlichkeitsspaltung.] dröhnte versehentlich Antenne Unna auf mich ein. Unbeirrt blätterte ich in der letzten Ausgabe der Pardon (Friede der Asche dieses kürzlich und zu Recht verstorbenen Satire-Magazins) als meine Konzentration durch den Slogan „Antenne Unna – 100 % die beste Musik“ jäh zum Entgleisen gebracht wurde.

Grammatik war nie meine Stärke, und das wird auch sicher so bleiben. 100 % die beste Musik ist natürlich grammatikalischer Blödsinn und dazu auch noch dreist gelogen, denn überwiegend spielen sie dort zertifizierten Kernschrott. Aber es erinnerte mich an ein Plakat, dass ich letzten Dienstag in hastiger Vorbeifahrt an einem Buswartehäuschen sah. Die Billigkippenmarke TAWA wirbt in dieser Woche mit dem Satz „Zigaretten sind wir“. Das ist so bescheuert, dass ich hinterm Lenkrad laut lachen musste.

Erinnert sich noch wer an das Befremden, als Ende der 80’er die ersten Filialen jenes amerikanischen Spielzeugdealers auftauchten, der heutzutage von Google mit dem Satz „Die kleine Kinder große Kinder Welt“ vorgestellt wird? TOYS’R’US, wobei das R eigentlich auch noch spiegelverkehrt stehen muss und mit den beiden Auslassungszeichen das Wort are ersetzt. Toys are us > We are toys > Wir sind Spielzeug > Wir kennen uns mächtig aus mit Spielzeug. Man musste nur drei- bis viermal um die Ecke denken können, schon war alles klar, kinderleicht sozusagen.

Und nun die geniale Plagiatorenkampagne „Zigaretten sind wir“ von einer Nicht-Marke, die allenfalls im Unterschichtensegment messbare Verkaufserfolge hat. Wie verzweifelt muss ein Werbefuzzy sein, dass er auf und dem Kunden mit so etwas kommt? Kapiert der potenzielle Käufer oder ist er so dumpfbackig, dass nicht mal sein Unterbewusstes erreicht wird? Verinnerlicht er die Botschaft, derzufolge TAWA mehr Kippenkompetenz hat als West oder Marlboro? Will er gar selbst eine Zigarette werden, um sein Wir-Gefühl zu stärken? Und wenn ja, findet er sich dann womöglich bald exakt so billig, wie die prollige TAWA-Werbung aussieht?

Fragen über Fragen, die natürlich auch heute von den Lesern dieser Zeilen unbeantwortet bleiben werden. „Kommentarverweigerer sind wir“ – das könnte doch der neue Slogan der Kassandrus-Leser werden, oder?

Die Welt in Verwirrung gestürzt durch schwarz-weiß-rote Plakate an der Bushaltestelle. Zum Glück passiert dort heute nicht viel, denn wir haben ja Warnstreik. Ich war sogar mit der Kamera unterwegs, konnte aber in meinem Stadtteil keine TAWA-Poster finden. Wahrscheinlich weil hier die Schlauen und Besserverdiener wohnen, wir kaufen Philip Morris oder Rothmans. Eigentlich müsste ich mir jetzt erstmal eine anstecken, aber Rauchen ist bei mir/uns auch schon länger tabu. Schlecht ist uns/mir auch so oft genug.

Und Ende.

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Zaunkönig

Geschrieben von Johannis am 20. Februar 2008 um 10:54 Uhr

Und weiter geht es mit brutalstmöglicher Häme, die natürlich nur unsere gebeutelten Großkopfeten trifft, weil sie ihren mehr oder weniger ehrlich erworbenen Reichtum mit vollen Händen, ach was, Schüppen! über den europäischen Gartenzaun gewuppt haben. Nach Liechtenstein, in einen Zwergstaat, der global betrachtet keinerlei Bedeutung hat, außer für die 75.000 Briefkastenfirmen, die dort gute Luft und Ministeuern genießen.

Und natürlich für Zumwinkels & Co. Wie läuft das? Man legt eine Stiftung an, die nur einen Zweck hat, nämlich die Versorgung der eigenen Familie. Steuersatz 0,6 % jährlich, das kann man locker vom Zinseszins berappen. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein ist da großzügig, schließlich hat er nicht allzu viele Untertanen zu versorgen und 0,6 % von etlichen Milliarden sind eindeutig mehr als Krümel im Bett. Oder besser als mit dem nassen Regenschirm ins Auge gepiekt und dann auch noch aufgespannt. Genug Sprüche!

Mächtig Sprüche macht nun aber selbiger Erbprinz von und zu Dingsbums und riskiert dabei eine ähnlich fette Lippe wie kürzlich Herr Erdogan. Germanen-Bashing ist offenbar angesagt in diesem Frühjahr, auch wenn eigentlich noch Winter ist. Unser Steuersystem sei das mieseste weltweit, schlimmer noch als das von Tahiti. Wir sollten das Geld, das der BND seinem Informanten in den Hals geworfen hat, lieber in eine anständige Steuerreform investieren. Er zetert über die kriminelle Energie der Deutschen und beklagt den „Angriff auf Liechtenstein“. Sein Justizminister und stellvertretender Regierungschef Klaus Tschütscher – noch ein Klaus und ein echt blöder Nachname – haut in die gleiche Kerbe und droht uns mit rechtlichen Schritten. Zum Glück haben die keine Atombombe.

Hört mal, Jungs, ihr seid echt mutig. Klingt aber alles ein bisschen wie früher, wenn man den frechen Bengels, die einem grad die Murmeln abgeknöpft hatten, nachrief: „Ich sag’s meinem großen Bruder, der kommt und pinkelt bei euch an’s Kellerfenster.“ Und natürlich hatte man nur ’ne rotznäsige Schwester. Ihr Liechtensteiner habt zwar das weltweit höchste Bruttoinlandsprodukt und verdient pro Nase 90.000 Öhrchen, aber ob ihr das wirklich verdient habt? Eigentlich seid ihr doch nur ein Wurmfortsatz der Schweiz, ohne eigene Währung und kaum jemand würde euch vermissen, wenn ihr mitternächtlich von einer zügellos glühenden Erdspalte verschluckt würdet.

Ingo Insterburg und seine Blödelbarden reimten vor gefühlten hundertunddreißig Jahren: „Fremder kommst du nach Liechtenstein – tritt nicht daneben, tritt mitten hinein.“ Die Konnotation zur Hundekacke war damals und ist jetzt wieder bewusst gewählt. Herr Tschütscher kann mich ja verklagen, wenn er will.

Und Tschüss!

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