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Archiv für Januar, 2008

Brathahnismus und Berufsgrantlertum

Geschrieben von Johannis am 31. Januar 2008 um 15:40 Uhr

Alle, die schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung der Serie über die Weltreligionen warten, seien gleich gewarnt – hier geht es um andere Angelegenheiten. Das Thema Brathahnismus war selbst für mich bis vor Kurzem noch ein ungeleckter Lolly, aber dann stieß ich eher zufällig auf die gut versteckte Webseite dieser offenbar extrem blutrünstigen Sekte. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt aus meinem blitzsauberen Blog dorthin verlinken soll, weil für mich die Sorge um die geistige Gesundheit meiner Leser natürlich an allererster Stelle steht. Andererseits muss auch gewarnt werden vor dem frevelhaften Treiben eine kleiner Gruppe entmenschter Subjekte, die sich an Slogans wie den folgenden erbauen können:

Wer Andren einen Brathahn brät, hat selbst ein Brathahn-Brat-Gerät

oder

Wer den Brathahn nicht verehrt, wird aus dem Paradies gekehrt

Hier also der Link, in dem sich erschreckenderweise die okkultistische Zahl 666, auch genannt die Hure des Satans, verbirgt. Ein Besuch der Website des Brathahnhistenkults kann nur charakterlich und seelisch gefestigten Menschen angeraten werden. Ich übernehme ausdrücklich keine Verantwortung für eventuelle Traumata und psychische Schäden, welche durch die dort vorgehaltenen Inhalt bedingt sein könnten.

http://www.brathahn666.gmxhome.de/Wir.htm

Dort finden sich auch Abbildungen typischer Brathahnhisten. Es handelt sich um wahrhaft hundsgemeingefährliche und grotesk gotteslästerliche Kreaturen, bei deren Auftauchen man am besten und unbedingt sofort die Straßenseite, wenn nicht sogar besser gleich die Stadt wechseln sollte.
Zum weltweit diskutierten Thema Berufsgrantlertum erreichen mich immer wieder Anfragen und gelegentlich sogar schlimme Anfeindungen. So schreibt mir doch kürzlich eine junge Mutter aus G. in N.

Bei mir formt sich nach Lesen Deines heutigen Blogs die Ahnung, dass Du einfach ein Berufsgrantler bist. Ich finde ja auch ne Menge Dinge auf der Welt zum aus der (oftmals viel zu dünnen) Haut fahren, aber ein Abo auf negative Weltsicht macht doch auf die Dauer arg unglücklich, oder? Aber vielleicht schützt besagtes Gegrantel auch ganz gut vor Magengeschwüren. Womöglich müsste ich mich auch in regelmäßigen Abständen öffentlich schriftlich auskotzen, würde ich nicht ständig ahnungslose Mitverkehrsteilnehmer mit den schmutzigsten Schimpfworten bombardieren. Aber das muss ja jetzt leider ein Ende haben, da kleine unverdorbene Ohren mithören.

Dazu nur die kurze Anmerkung, dass ich früher pro Jahr mindestens 20.000 Kilometer auf den Straßen dieser Welt unterwegs war, hauptsächlich um andere Leute zu schneiden, mit der Lichthupe zu schikanieren, auszubremsen und verbal zur Sau zu machen. Bei den heutigen Spritpreisen und wegen dieser blöden Klimasache kann und will ich mir das aber nicht länger erlauben, und blogge deshalb lieber. Und von wegen negative Weltsicht – die hab ich nicht, sondern einfach nur hyperrealistischen Durchblick. Und nicht mal die leiseste Spur von Magengeschwüren. Ich bin mindestens so glücklich wie ein vollgefressenes und mit Matsch bekleckertes Schwein in der Sonne und benehme mich eben manchmal auch so. Bloggen – weil’s gut tut! Und es ist doch wundervoll, dass auch Kleinkinder ihren Eltern gutes Benehmen beibringen können. Verkehrserziehung, nur eben andersrum.

So liebe LeserInnen, das sollte jetzt aber erstmal wieder reichen, wenigstens für ein paar Tage, oder?

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Dummheit und Arroganz

Geschrieben von Johannis am 28. Januar 2008 um 20:20 Uhr

Für alle die sich schon immer fragten, weshalb ich eigentlich so ungeheuer schlau, kulturell gebildet und universell beschlagen bin, will ich hier und heute ein Geheimnis lüften: Ich lese seit etlichen Jahrzehnten DIE ZEIT, eine handwerklich recht ordentlich gemachte Wochenzeitung aus Hamburg. Für am Kiosk berappte mittlerweile Dreivierzig sauge ich mich von Donnerstag bis Mittwoch voll mit Schlauheit, die wohlverdaut irgendwo als Synapsenballung eingelagert wird. Nun isses raus und ich bin entmystifiziert.

Es gibt natürlich ein paar Inhalte, die ich ignoriere, zum Beispiel die völlig überflüssigen Autotests (gibt es tatsächlich, im ZEIT-Magazin) oder die bescheuerten Koch- und Restaurantgeschichten des elenden Zauselbartes Wolfram Siebeck. Entweder er gurkt aufgeblasen irgendwo in die elsässische Pampa, pennt dort mit seiner Zicke von Frau in einem überteuerten Nobelhotel, säuft unbezahlbaren Wein, frisst sich quer durch die Speisekarte – das Ganze für den halben Monatslohn eines Menschen, der wirklich arbeiten geht – und lobt nachher das Erlebte über jeden Biospinat, oder er gießt Hass und Häme aus über Leute, die nach seiner Meinung nach absolut nicht kochen/einkaufen/essen/richtig-Wein-trinken können und somit keinerlei Existenzberechtigung haben. Er ist amtlicherweise ein stinkarroganter Sack und professioneller Klugscheißer, der hoffentlich sehr bald in Ruhestand oder vor seinen Schöpfer tritt. Dass ich selbst am Herd wie ein von allen Musen geküsster junger Gott agiere, bedarf an dieser Stelle wohl kaum einer Erwähnung.

Mit arroganten Säcken kenne ich mich aus, denn ein authentisches Kriterium arroganter Säcke ist ihre marianengrabentiefe Verachtung, die sie generell für andere arrogante Säcke hegen. Als deutscher Besserwisser und geborener Oberschlauling bin ich natürlich genetisch etwas vorbelastet, aber das gleiche ich aus durch praktizierte Großherzigkeit und ein geradezu übermenschliches Maß an Toleranz. Wenn ich Freunde hätte, könnten die das bestätigen.

Folgenden Satz fand ich kürzlich im Netz, er stand in der von allen deutschsprachigen Intellektuellen hochgeschätzten Auto-BILD: „Das billigste Auto der Welt hört auf den Namen Nano, kostet umgerechnet rund 1700 Euro und sieht auch so aus. Erwartungen an ein spritziges Design erfüllt der indische Billigheimer nicht.“ Macht euch mal selbst ein Bild, ich finde er sieht gar nicht übel aus.

fotodummy.jpg

http://i.i.com.com/cnwk.1d/i/bto/20080111/tata.jpg

Für das Geld bekommt man hier bei uns mit Glück einen Motorroller zweifelhafter Provenienz. Weil die blöden Tintenpisser von der BILD aber noch nicht genug Häme über das vom indischen TATA-Konzern gebaute Autochen gekippt hatten, schoben sie noch einen nach und brachten dieses Foto, auf dem Mittelholm (B-Säule genannt) und Türen geschickt und wahrscheinlich digital entfernt wurden.

fotodummy.jpg

http://auto-presse.de/newssys/galerie/22672/22672_7.jpg

Man sieht spillerige Blechbeine unter den etwas schmächtigen Sitzen, aber der Inder ist eben selten dick – schon gar nicht, ehe er in die verfettete Oberschicht aufsteigen konnte. Dieses Bild ist ungefähr so fies, als würde man die herzensgute Tante Henriette in Marilyn-Monroe-Pose (auffem U-Bahn-Rost mit Rock hoch) ablichten und sowohl ihre beige-braune Miederhose als auch Krampfadern und die bereits von Hand gestopften Arthrosestrümpfe im Close-Up offenbaren. Nicht nett, so was. Schämt euch, ihr BILD-Fritzen!Auch fies ist das letzte Bild, dass ich per Zufall fand. Verdammte Schwerkraft! Vorsicht besonders bei hecklastigen Fahrzeugen – beim Nano kann aber nix passieren, der hat den Kofferraum vorn. Für mich ist schon wieder Zeit zum Einpacken, bis bald also.

fotodummy.jpg

http://thirdrail.smorgasblog.com/archives/donkey.jpg

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Zwischengemenschel

Geschrieben von Johannis am 23. Januar 2008 um 16:21 Uhr

Was ich ja wohl sowas von den Hammer finde sind Leute, die sich einerseits lieber nen Arm abhacken ließen, bevor sie in einem handwerklich recht anständigen Blog einen Kommentar hinterlassen würden, andererseits aber die unglaublich hohe Stirn haben, mich am Mittwoch anzunörgeln, wo denn eigentlich der nächste Blogtext bliebe – sie hätten ja schon x-mal nachgeschaut, aber immer noch nix. Dabei ist der letzte Text erst drei Tage als und damit noch nichmals richtig kalt. Also echt, Leute gibs! Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Is aber einerlei, es gilt wie immer Großmut zu üben und klein beizugeben. Vor allem weil die betreffende Person nachweislich mein olles Geschreibe gut findet und selbst ne Kreative ist, wenn auch eher mit Bildern und so. Also Schwamm drüber. Obwohl, einer muss noch. Du kannst viel wertvolle Arbeitszeit sparen, liebe A., indem du den RSS-Feed abonnierst, das kost’ nix, tut nich weh. Ein Klick links auf Beiträge (RSS), und du wirst im Browser automatisch informiert, wenn ich mal wieder verbal zugeschlagen habe. Nur so als Tipp, woll!

Ansonsten kann ich berichten, dass ich am Sonntag im Auftrag des Königs im Münsterland unterwegs war, aber – weil es derart fies gepisselt hat – statt auf dem Schimmel im Passat, Farbe jedoch fast identisch. Durch diesen Ausritt musste ich allerdings die Fortsetzung des bereits in Teilen bekannten Nachbarschaftsdramas verpassen. Ich habe aber als ehrenamtlicher Blockwart überall meine Informanten und so wurde mir folgendes zugetragen:

15:48 h. Nach gut sechs Stunden Sonntagsruhe wird im ersten Stock links die Stereoanlage wieder voll aufgerissen, turbinenlaut hämmert und peitscht dumpfes UffzickUffzickUffzickUffzickUffzickUffzickUffzickUffzick bei mindestens 150 Minutenbeats durchs Gemäuer. Die Exekutive hat offenbar Herrn K. nach oberflächlicher Ausnüchterung wieder freigesetzt und der will es jetzt den Spießern im Haus mal so richtig zeigen. Muss eben sein.

16:02 h. Zwei Streifenwagen und ein ziviles Polizeifahrzeug halten vor unserem bürgerlichen Domizil und sechs Uniformierte sprinten durchs Treppenhaus. Da er die Wohnungstür nicht öffnet, schallt kurz darauf eine markige Männerstimme durch den Vorgarten: „Herr P. (Name der Redaktion bekannt), wenn Sie nicht SOFORT aufmachen, rufen wir wieder den Schlüsseldienst!“

16:19 h. Der Typ vom Schlüsseldienst macht heute ein Spitzengeschäft und ist gern zu Diensten, ein neues Schloss hat er hier ja bereits verkauft. Der Dumpfbacke von gegenüber kann man ja Vieles nachsagen, Wankelmütigkeit oder mangelnde Konsequenz aber kaum.

16:35 h. Herr P. wird nochmals eindringlich verwarnt, aber offenbar nicht erneut mitgenommen. Mein Informant hat Langeweile und gibt den Stehplatz am Fenster zugunsten seines Fernsehsessels auf. Die Behörde rückt irgendwann ab.

Nachspielzeit

Dienstagnachmittag, 22.01.2008, Vollmond. Ich bekomme Besuch, aber nicht etwa von einem Werwolf, sondern der Nachbar schellt bei mir. Er will mir keine reinhauen, sondern sich entschuldigen. Weil ich mir gerade einen frischen Kaffee aufgebrüht hatte und er so zerknirscht ist, dass er schon krümelt, machen wir es kurz und ich ergreife flink die dargebotenen Hand. Zur Erklärung für sein dummerhaftiges Verhalten gibt er an, „Stress mitte Perle“ zu haben und „sich ne Buddel Wodka reingekloppt“ zu haben. Wenn das man nicht sogar zwei waren. Buddels, nicht Perlen.

Ich bin auf jeden Fall wiedermal heilfroh, dass ich Alkohol und Drogen abgeschworen habe und auch Perlentechnisch voll der abstinente Langeweiler bin. Bei mir läuft eben nix mit Frauen, deshalb randaliere ich auch nicht und ihr könnt darauf hoffen, dass mein Roman eventuell noch in diesem meinem Leben fertig wird.

Obwohl, Montag in der Post am Schalter neben mir, da hab ich eine gesehen, die hat mir ausnahmsweise richtig gut gefallen. Eigentlich viel zu groß und wahrscheinlich gerade gut halb so alt wie ich, aber wie die mich angelächelt hat! Als wennse mich gemeint hätte. Tja, wenn ich bloß nicht so beschäftigt wäre.

Egal und genug für heute.

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Schulz ist schuld!

Geschrieben von Johannis am 20. Januar 2008 um 09:50 Uhr

Meine aufkeimende Winterdepression hat offenbar keine Chance in diesem Jahr. Helles Licht, möglichst schon früh am Morgen, hilft. Zeitig aus dem Bett auch. Wird gemacht, Scheff!

Neuerdings werden mir die Stories frei Haus geliefert und ich muss sie nur noch aufschreiben, in Echtzeit sozusagen. Heute, Sonntag 20. Januar 2008, werde ich um 6:48 h nach einer mehr als fordernden und finster arbeitsreichen Woche wach. Ich schiebe es auf ein leichtes Zwicken im Unterbauch, besuche kurz die Nasszelle und kuschele mich wieder unter die kanadischen Daunen. Kaum umgedreht dringt ein Wummern an mein Ohr – Bässe, Beats und Baselines, trotz Ohropax extrem störend. Wachsstöpsel werden ungläubig entfernt. Jawoll, irgendwer macht Disco im Haus. Dann kommt die Gretchenfrage – aufstehen, Lärm abstellen und hinterher nicht mehr pennen können oder liegen bleiben und gleich nicht mehr pennen können?

Entscheide mich für Aufstehen, rausche im Pyjama in den Hausflur, jawoll, der Nachbar von gegenüber teilt seine Bewunderung für Drum-and-Bass energisch dieser Welt mit. Ich schelle, aber das dünne Pingeln dringt kaum durch den Lärm. Ein paar beherzte Schläge mit der flachen Hand und die Tür geht auf. Dialog auf Ruhrpöttisch: „Sachma, spinnz du, es ist mitten inne Nacht, mach sofort die Musick aus!“ Lallende Retoure: „Wieso, issoch Samstach, eyh.“ „Samstach? Banane, essis Sonntach, gleich sieben. Machsoffotaus, oda ich ruf die Bullen!“ Den weiteren, von wenig Eloquenz geprägten Verbalaustausch will ich den Lesern ersparen, die sich wahrscheinlich eh bereits wundern, wieso ich als gebürtiger Hamburger plötzlich Ruhrpöttisch rede. Machich ehmt manchma.

Wieder eingekuschelt, aber mit gut doppeltem Ruhepuls, grummele ich in mich hinein. Gute alte Zeit und so, als hier noch reichlich wackelige Ommas wohnten, die regelmäßig das Treppenhaus wischten und dem Likör – wenn überhaupt – nur in Maßen zusprachen. Minuten später geht die Musik drüben wieder an, klingelt irgendwer in allen Wohnungen nacheinander Sturm, ist der Traum vom sonntäglichen Ausschlaf endgültig ausgeträumt. Im Bademantel schlappe ich runter und öffne einem klischeehaft TV-tauglichen Polizistenpärchen (sie wirklich hübsch und mit blondem Pferdeschwanz, er ein leicht vierschrötiger Klotz, aber ebenfalls gut aussehend, mit dekorativ-abklingender Schwellung am linken Auge). Die Leute aus Haus Nummer 6 können offenbar auch telefonieren.

Nach einigem Schellen, Gebrüll und heftig-an-die-Tür-Geklopfe macht der Nachbar schwankend auf und lässt die Beamten ein. Selbstverständlich nur aus rein professionellem Interesse lasse ich meine Tür angelehnt und höre unbeteiligt zu. Das Gespräch zwischen den Gesetzeshütern und dem betrunkenen Musikfreund dreht sich nach einigen einleitenden Worten zum Thema Nachtruhe hauptsächlich um die Frage „Lassen Sie denn nun die Musik aus, oder nicht?“ und um die Volksverteidigung. Schnappe den schönen Satz auf: „Schuld, Schulz, schuld is mein Vorgesetzter beier Bundeswehr un darübber wern wir jetzt kommunizieren.“ Es ist ja grundsätzlich nicht besonders klug, Polizisten nur beim Nachnamen anzusprechen. Obwohl die beiden mit den Lederjacken wirklich nett und geduldig sind, fängt sich der Blindfisch von gegenüber beinah eine Schelle ein, als er den bereits abrückenden Beamten ein gellendes „Schulz, komma rauf, wir müssen reden“ hinterherbrüllt. Erneut eindringlich verwarnt und zu Wohlverhalten gemahnt („Wenn wir nochmal gerufen werden, nehmen wir sie mit! Ist das klar?“) wird mein Nachbar verlassen und die Exekutive rückt ab.

7:29 h. Beschließe, dass die Nacht zu Ende ist und hüpfe unter die Dusche, allerdings erst nach Rasur, Teekochen und einigen Verwünschungen in Richtung Treppenflur. Dort randaliert der Nachbar und brüllt immer wieder den Namen Schulz in den lichtlosen Morgen.

Bekanntlich wird das oftmals bereits teilverödete Logikzentrum im Hirn von Alkoholikern im Suff komplett abgeschaltet, und deshalb ist der Fortgang der Geschichte nicht verwunderlich. Aber komplett wahr, ich schwöre!

7:43 h. Es klingelt, diesmal bei mir, ich bin aber nass und seifig. Minuten später darf ich dank Türspion, den Alabasterkörper notdürftig von einem Badelaken verhüllt, miterleben, wie der Nachbar erneut Besuch bekommt, diesmal von vier aufrechten Menschen in Uniform. Der beknackte Hausgenosse hat offenbar den Notruf angewählt und verlangt, mit Schulz zu sprechen. Schulz steht jetzt vor der Tür, aber der Nachbar lässt ihn nicht rein. An-die-Tür-Bollern, Drohungen, sachlich-die-unangenehmen-Konsequenzen-aufzeigen – das volle Programm in ebenso voller Lautstärke. O-Ton Exekutive: „Wenn Sie jetzt nicht sofort aufmachen, rufen wir den Schlüsseldienst und lassen die Tür öffnen, die Kosten tragen dann aber Sie!“ Das Drama zieht sich allerdings ziemlich in die Länge, weil den Deppen von gegenüber der Mumm verlassen hat und der Schlüsselfritze nicht auftaucht.

8:06 h. Da mich besonders das stetig-an-die-Tür-Bollern nervt und ich dem Nachbarn mindestens eine Rechnung vom Schlüsseldienst an den Hals wünsche, schalte ich mich mit einer höflichen Bemerkung ein. „Tut mir leid, dass ich vorhin nicht öffnen konnte, aber ich war unter der Dusche. Übrigens, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie der bestehenden Lärmbelästigung nicht noch Ihrerseits eine hinzufügen würden, der Morgen hat an Lautstärke wahrhaftig schon so Einiges geboten. Lassen Sie die Tür doch ruhig aufbrechen.“ Schulz kontert mit: „Machen wir. Guten Appetit, Herr Jappen!“ So subtil bin ich noch nie zum Frühstück geschickt worden, habe aber noch keinen Hunger.

8:19 h. Ein Handwerker öffnet die Wohnung des trinkfesten Musikfreundes und Schulz&Co. nehmen ihn wie versprochen mit. Irgendwo über einem unsichtbaren Horizont schiebt sich die Sonne in den Himmel über dem Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet kriegt davon nichts mit, denn seine Bewohnerschaft pennt entweder noch oder mag den Blick nicht ans Firmament richten, weil dort alles mit Regenwolken tapeziert ist.

8:37 h. Im Garten zanken sich zwei Amselhähne, und eine Ringeltaube, von frühlingshaften Temperaturen hormonell verstört, gurrt sich warm. Ein nicht annähernd ausgeschlafener Mann sitzt bei Grüntee an seinem Computer, hört Bach und haut in die Tasten. Das Haus ist still.

9:34 h. Bereits eine Stunde nach den aufwühlenden Ereignissen, die sich heute früh im Haus des Chronisten zugetragen haben, kann die Weltöffentlichkeit einen packenden Bericht darüber lesen. Natürlich nur im Kassandrus-Blog, wo denn wohl sonst!?

 

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Tacheles 1

Geschrieben von Johannis am 15. Januar 2008 um 19:37 Uhr

Ein älterer Herr, sehr kultiviert und mir durchaus herzlich zugetan, der meine Schreibe bisher nur aus dem Buch und meinem (kürzlich verstorbenen) WAZ-Blog kennt, ist neulich in diesen Bereich hineingestolpert. Er ließ mich wissen, dass er die Sprache „nicht sehr erbaulich“ fände. Kann ich verstehen.

Nun ist das Leben ja kein Picknick und Scheiße duftet nicht nach Rosen. Unter den vielen PsychotherapeutInnen, die ich in den letzten Jahrzehnten kennenlernen durfte, war eine, die mich als einen zornigen Menschen bezeichnete. Recht hat sie.

Aber ich bin auch ein abgebrühter Sack, ein emotionales Weichei, ein verbitterter Grübler, verhinderter Selbstmörder und Amokläufer, Klugscheißer, Positivdenker, Träumer und knallharter Hund. Unter anderem. Alles zu seiner Zeit eben, manchmal auch Mehreres gleichzeitig. Und nicht immer hab ich Lust auf Feingefühl und wohlgesetzte Worte, haue manchmal lieber voll Schwung und Freude mit derbem Klotz auf die vielen groben Keile, über die mich das moderne Leben so stolpern lässt. Man soll ja Ärger nicht in sich reinfressen, sonst kriegt man Magengeschwüre oder Schlimmeres. Ich sorge also gut für mich, indem ich hier ab und an vom Leder ziehe.

In den Roman, an dem ich schreibe, lasse ich gerade die Mutter des Protagonisten an Darmkrebs sterben, da ist weiß Gott einiges an Sensibilität gefordert. Auch sonst hat die Gegenwart manch Unrecht, Verlogenheit und reichlich Deprimierendes zu bieten. Darauf kann man mit Resignation reagieren oder auch stinkwütend werden. Da weltweit mindestens fünfhunderttausend Medien- und Werbefuzzies damit beschäftigt sind uns zu verdummen, abzustumpfen und butterweich zu lullen, ist es doch nur recht und billig, wenn ich ab und an ein bisschen stänkere. Nur zum gerechten Ausgleich.

Und da ich weiß, dass meine Ergüsse hier nur von drei bis sieben denkenden Menschen regelmäßig gelesen werden, richte ich wohl kaum ernsthaften Schaden an. Selbst wenn, verglichen mit Hessen-Koch oder Guido Schwesterwelle ist meine Rede wahrhaft und wohlgesetzt.

Genug für heute, beste Grüße.

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