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Archiv für Dezember, 2007

Ganjafarians – Teil 1 der neuen Serie über die Weltreligionen

Geschrieben von Johannis am 15. Dezember 2007 um 16:28 Uhr

Wie durch Presse, Funk und Fernsehen ja bereits hinlänglich bekannt gemacht wurde, bin ich ein Gottloser. Nein, kein Loser (sprich: Luhser), dem neben Frau, Yacht, Haus und Aktiendepot auch noch Gott abhanden gekommen ist, sondern schlicht Atheist. DIE von mir seit Jahrzehnten durch regelmäßige Kioskumsätze unterstützte ZEIT brachte im vergangenen Jahr eine mit viel Humptahumptatschingderassapöff angekündigte, aber letztendlich enttäuschend flache Serie über die Weltreligionen. Das kann ich auch und sitze daher schon in den Startlöchern bzw. vor den Tasten.

Damit meine Überlebenschancen nicht sofort gegen Null gehen und auch, weil bei einem religiös motivierten Bombenanschlag ja üblicherweise viele Unschuldige mit in den Tod oder ein unerquickliches Verstümmeltendasein gerissen werden, nicht aber weil ich feige wäre oder etwa die Konfrontation scheue, beginne ich nicht mit dem Islam sondern mit dem Rastafarismus.

Angeblich auch Rastafari (obwohl alle seriösen Religionen auf -mus oder -tum enden) genannt ist dies eine in der schwarzen Bevölkerung Jamaikas den Dreißiger Jahren entstandene, heute weltweit verbreitete Religion mit starken christlichen mythischen sowie alttestamentarischen Bezügen. Die Mitglieder der zahlenmäßig unbedeutenden Bewegung glauben an die Göttlichkeit von Haile Selassie als wiedergekehrtem Messias und lebendigem Gott auf Erden. Jawoll, sicher doch! Damit haben die Rastafaris den mit Abstand popeligsten Heiland von allen, dagegen ist unser dornengekrönter Balkensepp wahrhaft eine strahlende Ikone der Göttlichkeit.

Haile war ein mickeriges Männchen, das in den Dreißigern auf den Thron Äthiopiens gehoben wurde, dort eine Zeit als letzter Kaiser hockte, dann vor Mussolini floh (aufmerksame Leser wissen nun welche Dreißiger gemeint sind) und später aus London wieder nach Addis Abeba zurückkehrte. Als die kiffenden Rastamänner ihn zum Gott ausriefen und zum Antrittsbesuch einluden, war er verschreckt und hat sich in Kingston kaum aus dem Flieger getraut.

Alkohol- und Tabakverzicht sowie vegetarische (aber auch ohne Salz, höchst unbekömmlich in der Tropenhitze der Karibik!) Ernährung sind ja an sich nichts Schlechtes, auch die Ablehnung des westlichen Materialismus ist nicht gänzlich unsympathisch. Als ich selbst noch gekifft habe, fand ich natürlich auch das ewige legalize-it ganz okay. Heute bin ich sicher, dass die Rastas die geldgeile westliche Hure Babylon und damit auch das Leistungssystem hauptsächlich deshalb ablehnen, weil sie meist schlicht zu breitgeraucht sind, um den Arsch hoch und überhaupt irgendwas auf die Reihe zu bekommen. Von ihrer immergleichen Reggaemusik und coolen Yeah-maan-Sprüchen mal abgesehen.

Im Rastafarismus lässt man/frau sich die Haare zu Dreadlocks verzotteln, weil das angeblich an die Mähne des Löwen von Juda erinnert. Tatsächlich sehen Dreadlocks aus wie harzige Cannabisblüten, sie tragen also ihre Lieblingsdroge bildhaft auffem Kopp. (Haare in Bier- oder Weinflaschenform wären vielleicht eine modische Idee für den bekennenden Christen, oder?). Schwulenhass gehört zum Rastafarismus wie Frauenfeindlichkeit zum Islam (ich will hier aber nicht vorgreifen), was nicht nur in fiesen Songtexten sondern auch in der Ermordung des schwulen Bürgerrechtlers Brian Williamson 2004 und des HIV/AIDS-Aktivisten Steve Harvey 2005 seinen blutigen Ausdruck findet.

Letztlich glauben schwarze Rastafaris fest daran, dass sie ins gelobte Land nach Äthiopien zurückkehren werden. Offenbar haben viele von ihnen kein Satelliten-TV, sonst wären sie bestimmt von Herzen dankbar auf einer netten Karibikinsel zu leben, anstatt in einem zunehmend muslimisch dominierten Armenhaus am Horn von Afrika, wo der Durchschnittsmensch mit 150 US$ im Jahr über die Runden kommen muss. Das reicht in Kingston gerade mal für die Grasversorgung plus Gitarrensaiten, Jointpapers und gelegentliche Friseurbesuche zum kunstvollen Verfilzen der Matte. Weiße Rastafaris möchten garantiert schon gar nicht nach Äthiopien und gehen uns deshalb hier mit deutscher/dänischer/schweizerischer Original-Reggae-Musik auf den Keks. Yeah maan!

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Endlich!

Geschrieben von Johannis am 12. Dezember 2007 um 20:06 Uhr

Wow! Oder besser noch Megadoppelwow!! Nachdem sich die holde Leserschaft wochenlang versteckt hat und sogar zum Kommentarschreiben meist zu faul oder feige war, kommen doch heute gleich drei Emails, die mir den Kopf zurechtsetzen sollen. Gut und weiter so!

Beginnen wir mit der Nachricht von Sigrid B. aus F. (man beachte ihre Mailadresse):

—– Original Message —–
From: kuschelmaus69@web.de
To: info@kassandrus.de
Sent: Wednesday, 12 December 200712:15 AM
Subject: Sehr schade

Lieber Herr Jappen,
ich finde es bedauerlich, dass ein offenbar gebildeter Mensch wie Sie eine derart primitive Sprache benutzt. Warum schreiben Sie nicht Liebe machen, anstatt solch vulgärer Ausdrücke. Sicher geht es mir wie Vielen, die sich für Ihr Privatleben kaum interessieren. Das ist doch keine Literatur, sondern nur hingeschmiertes Zeug. Ihr Buch werde ich bei Amazon verkaufen. Sehr enttäuscht, Sigrid B.
(Vollständiger Name ist mir bekannt)

Kurze Antwort: Ich werde mich sicher nicht bessern, und mal ganz ehrlich: „anständig Liebe gemacht worden“ klingt nicht wirklich besser als „anständig gefickt“ – oder? Viel Glück bei amazon.de, wenn Sie ein signiertes Exemplar haben, verdienen Sie vielleicht sogar noch was.

Schön auch die Nachricht von Ryszard K., der sich bereits kurz nach Mitternacht zu Recht beschwert:

—– Original Message —–
From: ryszard.k.b@gmail.de
To: info@kassandrus.de
Sent: Wednesday, 12 December 2007 0:22 AM
Subject: neidisch

Was ein Dreck sie schreibn. Lech und jaroslaw waren schon echte stars, als du noch nicht auf Welt warst. bist nur neidisch weil in Deuschland solche Menschen nicht gibt, blöde mistkerl.

Hier muss ich gestehen, dass ich recht froh bin, dass Angela keine Zwillingsschwester hat, mit der sie uns auf den Senkel gehen kann. Oder einen zweieiigen Zwillingsbruder – Angie und Andreas als Hänsel und Gretel des germanischen Politzirkus. Ogottogottogott! Gut, dass die Kaczyński-Buben nur hinter Oder und Neiße wirken, auch wenn sie heute kein Visum mehr brauchen.

Zuletzt die berechtigte Kritik von Bernhard M. aus E., die ich mir zu Herzen nehmen werde. Er schreibt offenbar während der Arbeitszeit:

—– Original Message —–
From: b.moeller@versicherungsvergleich.de
To: info@kassandrus.de
Sent: Wednesday, 12 December 2007 15:34 AM
Subject: Würze in Kürze

Hallo Johannis,
ich lese deinen Blog mit an- und abschwellendem Kamm und gelegentlich sogar mit Vergnügen. Was mich aber stört ist die epische Länge, in der du dich grundsätzlich verbreitest. Dabei schreibst du sogar in der Deko vom Bereich MEHR „weniger ist mehr“. Halt dich mal dran, das täte dir und deinen Lesern gut.
Gespannt ob’s klappt, Bernhard

Mea culpa, mea maxima culpa. Zu den wohlgehüteten Geheimnissen meiner nichtswürdigen Existenz gehört nicht nur das Fehlen regelmäßigen Liebe-Machens, sondern auch die schwere und chronische Erkrankung an Logorrhoe, an der ich seit Kindertagen leide. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Logorrhoe. Beim geschriebenen Wort nennt sie sich auch Typomanie. Diese ebenfalls als Wortdurchfall bezeichnete Symptomatik lässt sich nicht medikamentös behandeln, wirksam sind nur Knebel oder in drastischen Fällen die Notschlachtung beziehungsweise forcierte Sterbehilfe. Ich werde aber die Mail von Bernhard am Freitag in meiner Selbsthilfegruppe thematisieren. Wenn ich dort zu Wort komme.

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Fortschritt

Geschrieben von Johannis am 12. Dezember 2007 um 19:50 Uhr

Hatte eben, beim Hören der BBC-World-News, eine heftige Gänsehautattacke. In Rangun, Hauptstadt von Birma, Burma oder Myanmar, gingen heute wieder Tausende buddhistischer Mönche auf die Straße, um sich als vorbildliche Pazifisten von Polizei und Militär kollektiv zusammen- und vereinzelt leider auch totschlagen zu lassen. Alles für den glühenden Wunsch des Volkes nach Selbst- oder wenigstens Mitbestimmung.

Die Bilder – von Bloggern ins Netz gestellt, freie Medien lässt die Militärjunta nicht zu – ähneln jenen, die ich aus dem Frühjahr 2006 in Kathmandu kenne. LKWs voller schwer bewaffneter Männer in Uniform, die schwarzen Rauchfahnen brennender Autoreifen, fliehende Menschen, verlorene Schuhe auf Asphalt, Platzwunden. Nur sind diesmal eben viele Demonstranten in weinrotes oder safranfarbenes Tuch gehüllt, tragen eine Schulter entblößt und den traditionellen Beutel der Wandermönche über der anderen.

Ich weiß, dass im letzten Jahr viele Menschen in Asien Mut geschöpft haben, inspiriert wurden durch das Beispiel der Nepalesen, die in 19 meist blutigen Tagen ihren despotischen König mit Geduld, Liedern, Spottversen und der Bereitschaft, sich für Demokratie und Menschenrechte erschießen oder wenigsten bewusstlos knüppeln zu lassen, in die Knie gezwungen haben. Gemeinsam haben wir auf die Einsicht der Machthaber gehofft, vor Wut geschrieen und uns Tränen aus den Augen gewischt – nicht immer wegen von der Polizei verschossener Gasgranaten.

Am Sonntag steige ich in eine Maschine nach New Delhi und werde Montag wieder den typischen Mix aus Kerosinschwaden, Holzrauch, Blumenduft und faulendem Abfall einatmen, der die Luft am Flughafen der nepalesischen Hauptstadt erfüllt. Er liegt in der Nähe einer Müllkippe. Es wird meine dreizehnte Reise nach Nepal sein, glaube ich zumindest. In genau acht Wochen soll das nepalesische Volk entscheiden dürfen, wer die neue Verfassung gestaltet und damit auch über das endgültige Schicksal des seit dem Aufstand zahnlosen Tigers, genannt König Gyanendra. Überall in Nepal steigt die Spannung, ob die Wahlen wirklich stattfinden ist weiterhin unsicher.

Im Land geht es wieder mal drunter und drüber, die Maoisten sind aus der Interimsregierung ausgeschieden, Benzin und Diesel war neulich nur gegen Bezugsscheine zu kaufen, in mehreren Landesteilen herrscht Ausgangssperre und vor ein paar Tagen wurden bei blutigen Unruhen rund dreihundert Häuser und eine Moschee niedergebrannt. Dabei hat der wütende Mob mehr als 40 Menschen getötet, man findet immer noch verscharrte Leichen. Dazu gab es in Kathmandu kürzlich und zum ersten Mal Bombenattentate nach AlQaida-Manier – zeitgleich gingen an drei Stellen versteckte Sprengsätze hoch, zerrissen eine Mutter und eine junge Studentin, verletzten Dutzende. Langweilig wird es also auch in diesem Herbst kaum.

Trotzdem, ich freue mich auf die Reise. Dort wie in Rangun bei den demonstrierenden Burmesen geht es wenigstens um Wichtiges, um Freiheit, Gleichheit, Wahrheit. Anders als in München, wo sich die CSU-Oberen mit aller Macht für ein Projekt einsetzen, das man auch mit begrenztem Sachverstand als komplett unsinnig erkennen kann, überflüssig wie der sprichwörtliche bayerische Kropf. Egal ob man die hirnrissigen Aussagen des Wirtschaftsministers aus dem weißblauen Freistaat nimmt oder das Bramabrasieren des grenzdebilen Chefstammlers aus Wolfratshausen – das Volk will offenbar am liebsten Lügen hören. Kostet kaum was, fährt superschnell, wird dringend gebraucht, macht alle glücklich – so gehen die Strophen des Liedes, das der Chor der Heuchler und dummdreisten Lügenbarone mehrstimmig singt.

Die Wahrheit ist bitter: Der Transrapid ist ein teures Abschiedsgeschenk an Ede, die weißhaarige Nervensäge. Eine sinnvolle Lösung – beispielsweise eine schnelle S-Bahnstecke – wäre für einen Bruchteil der Kosten zu haben, aber Bund und Bahn buttern ja kräftig zu, warum also nicht das Geld der Preußen verprassen? Zwar hat Stotter-Ede damit noch keine Märklin-Eisenbahn im Keller, aber die Münchner können dann wenigstens mit der Magnetschwebebahn zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen sausen. Machen in Shanghai ja auch alle, oder? Eben nicht, das Glitzerding auf Stelzen ist dort fast immer gähnend leer.

Als Laienpsychologe könnte man nun auf die Form des schnellen Zuges hinweisen – also, wenn das kein Phallusymbol ist! Meinem Zweifel an der Hirnhaltigkeit einiger Bayernschädel habe ich ja bereits Ausdruck gegeben, nun auch noch auf Defizite unterhalb der Gürtellinie anzuspielen, wäre wahrhaft gemein. So isses auch gemeint, und das soll für heute reichen.

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Fiesiognomie

Geschrieben von Johannis am 11. Dezember 2007 um 22:01 Uhr

Jene drei unvergraulbaren Konsumenten dieser Seite seien hiermit und vorab informiert: Wenn ihr an dieser Stelle heute Lustiges, Leichtes, Liebenswertes oder einfach nur ein nettes Wortgeschwurbel erwartet – vergesst es. Schaut lieber im Schrank nach, ob da nicht noch der halbe Joint mit dem Sinsemilla-Gras liegt, den ihr neulich nicht aufrauchen konntet, weil das Zeug so hämmert. Oder schiebt eine Kassette mit Gute-Zeite-Schlechte-Zeiten rein, Folge 847 war doch supernett. (Daran, dass ich nicht GZSZ schreibe, erkennt der wissende Leser natürlich, dass ich nicht ein halbe Bohne Ahnung habe. De facto besitze ich sogar nicht einmal ein entsprechendes Empfangsgerät, vulgo auch Fernseher genannt. Soviel aus der Abteilung „Das längst überfällige Coming-Out“.)

Ob es an der hartnäckigen Wetterlage (kühles Hochdruckwetter mit Neigung zu Niesel, Hoch- und Bodennebel) oder daran liegt, dass ich seit mehr als ewigen Zeiten nicht mehr anständig gefickt wurde – ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass in mir eine Galligkeit gärt, die ihresgleichen sucht. (Paarungswillige, nur ab und an gallige Frauenzimmer mit IQ von deutlich über 135, EQ irgendwo in den Sternen, BMI zwischen 20 und 25, engelsgleichem Antlitz und knackfrischer Physis, raffiniertem Witz und vor allem Geist, Geist und noch mal Geist, die auf schlaue Nörgler stehen, sollten spätestens jetzt wissen, was zu tun ist!)

Vielleicht ist es nur das drohende Wiegenfest des Heilands nebst all seinem unerquicklich glühweinschwangeren Kommerzgedröhne, oder war sonst was?

Ja, zum Beispiel die hartnäckige Rippenprellung, die ich mir aus Doofheit zugezogen habe, als ich mit meinem mächtigen Brustkorb ein herabfallendes Auto auffing. Lachen, atmen, sich bewegen, husten, niesen und noch ein paar andere Dinge sind seither tabu, aber dadurch schone ich toll das Klima, weil ich weniger CO² ausscheide. Einer musste ja damit anfangen.

Dann Essen. Dort versammelten sich übrigens in der vergangen Woche Zehntausende, denen die Vibrationen in tiefergelegten Kisten und zuviel Benzoldämpfe das Hirn so matscheweich gekocht hatten, dass sie für recht viel Geld die 40ste Motorshow besuchten. Ein recht schüchterner WDR-Reporter befragte dort ein paar grenzdebile Hammerblödlinge, die sich über farblich zum Lederpolster passende beige Fußmatten, Stereoanlagen mit 1600 Watt Ausgangsleistung und anderen Schnickschnack freuen können wie Knecht Ruprecht, wenn er in der Morgendämmerung des ersten Weihnachtstags endlich Sack und Rute in die Ecke pfeffern und sich so richtig einen ballern kann. Größte Ungerechtigkeit im bekannten Universum nach Ansicht der vorm Mikro versammelten Dumpfbacken und Klimaschädlinge: Dass in Deutschland die Beleuchtung des Fahrzeugunterbodens mit farbigen Dioden nicht erlaubt ist. Sachte auf die Sinnhaftigkeit ihrer als Hobby getarnten Zwangsstörungen angesprochen sagte dann einer den Satz: „Wieso, wenn man es sich leisten kann.“ Jau, alles klar, und ab dafür.

Nicht immer macht es der Mensch dem Menschen derart leicht, Charakterschwächen und andere Ich-Deformierungen zu erkennen, wie der gemeine Tuning-Freak. Manch Zeitgenossen muss man ganz genau in die Visage blicken, um darin jene Abgründe zu erkennen, die das Wesen des Individuum gern mal klaffen lässt. Ich frage mich manchmal, ob ich eigentlich der Einzige bin, der den Leuten an der Nasenspitze ansieht was für Naivlinge, Drecksäcke, Pseudoheilige oder einfach höchst an- und bodenständige Zeitgenossen dieselbe im Gesicht herumtragen. Nimmt man mal die beiden Zwillingsstumpen aus Warschau, von denen einer sich zum Glück durch Gier und Blödheit schon ums Regieren gebracht hat, der andere dem polnischen Volk aber noch mindestens zwei Jahre in die Kohlsuppe spucken wird – das konnte man doch sehen, das das zwei ganz (durchtriebene selbstverliebte Arschgeigen – gestrichen, ersetzt durch:) unerquickliche Zeitgenossen sind. Wie blöd sind die Polen eigentlich? Ich will jetzt nicht Beispiele wie Herrn Achmerdienerschatt aus Teheran anführen, der sich schon durch seinen miesen Geschmack bezüglich seiner Anzüge verrät, aber hat noch nie wer was von Psycho-Physiognomik gehört? Eine Pseudowissenschaft, die sich nicht mit Zwergen beschäftigt, sondern Charakterzüge anhand von Gesichtszügen und -proportionen belegen kann und will.

Mehr zum Thema erfährt der geneigte oder aufrechte Leser auf der wunderbar-schrecklichen Website http://www.bunkahle.com/Aktuelles/Diagnose/Psycho_Physiognomik.html, wo er auch die Bekanntschaft mit Manfred Müller, Leiter des Internationalen Instituts für angewandte Psycho-Physiognomik (IIFAPP), machen kann. Manni hat allerdings einen Typberater nötig, der ihm dringend verklickern sollte, dass man mit einem körnig eingescannten Foto, auf dem ein weißhaariger Toupetträger grinst wie der Tombola-Hauptgewinner beim internationalen Pädophilenkongress (nachdem auf seine Losnummer das neunjährige thailändische Zwillingspärchen gezogen wurde) – also dass man mit solch einem Bild keine Kunden gewinnt. Und das muss nun auch schon wieder reichen, denn mir geht’s bereits deutlich besser.

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Bestmensch

Geschrieben von Johannis am 9. Dezember 2007 um 12:06 Uhr

Keiner äußeren, sondern nur der innersten Stimme gehorchend und weil Sonntag ist, will ich meiner stetig wachsenden Leserschaft flugs und erneut ein literarisches Bonbon servieren oder mich zumindest ein bisschen über die Welt, wie sie sich mir in den letzten Tagen zeigte, lustig machen. Auch wenn das nicht einfach ist.

Fangen wir mit den leichteren Themen an. Gestern war ja Licht-Aus, eine im gesamten Universum beachtete Aktion solidarischer Klimafreunde, mit der zum einen tüchtig Leidensbereitschaft bewiesen und andererseits den geldgierigen Energieversorgern wie Vattenfall, RWE und Co. mal so richtig der Stinkefinger gezeigt werden sollte. Genau wie ihr habe ich täglich mehrere Rundmails bekommen, die mich auf Sinn, Zweck und Timing der Aktion hinwiesen und mich zum Mitmachen aufforderten. Bestmensch der ich bin habe ich dies natürlich nicht verweigert, sondern das Soll übererfüllt. Bei mir ging das Licht bereits um 19:54 aus und erst um 22:16 wieder an. ‚Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran’ sangen vor gefühlten hundertzweiundsiebzig Jahren die Musiker der Neuen-Deutschen-Welle-Band Fehlfarben. So isses!

Nur böse Menschen würden jetzt einen Zusammenhang zwischen meiner Plansollübererfüllung und der Tatsache ziehen, dass ich gestern ab 20:00 Uhr einem der kulturellen Highlights dieser Stadt beiwohnen durfte – der zweiten Verleihung des do!PEN-DEW21-Awards (sauschwer richtig zu schreiben) für das ach so harmonisch ausklingende Jahr 2007. Bei der ersten Verleihung im Januar (ja, die Herren der Jury nehmen es mit der Jahrshalbierung nicht wirklich ernst) war ich selbst unter den Preisträgern, und wollte mich deshalb diesmal gemütlich im Publikum in einen der ergonomisch geformten Halbschalensitze fläzen und nach allen Regeln der Kunst erbauen lassen. Letzteres war eher unter Pustekuchen zu verbuchen (huch, ein Stabreim!), mit dem Fläzen klappte es ganz gut.

Platz 2 ging an Isabella Breier aus Wien, die uns eine doppeltschwerverständliche Geschichte über ein Säuferkind, das nicht auf Robbie Williams und anderen Kommerzdreck steht, in ihrem singenden österreichischen Dialekt vortrug. Der Text war sehr professionell deklamiert, aber derart gespickt mit Mundart, dass auch einem Weltreisenden wie mir gelegentlich der Kopf schwirrte. Toll waren die Flackerer der Bühnenbeleuchtung während ihrer Lesung, man konnte regelrecht sehen wie überall im Land schwitzende Techniker sich gegenseitig Befehle zubrüllten, Steuerstäbe in brodelnde Reaktorenbecken senkten, unter infernalischem Krachen und blendendblauen Blitzen armlange Starkstromschalter umlegten und mit letzter Kraft die Republik vor dem totalen Blackout bewahrten. Nur ein Miesmensch würde behaupten, dass es nicht etwa die Spannungsschwankungen des Stromnetzes sondern ein defekter Regler im Lichtmischpult der DEW21-Bühne war, dem wir diese Effekte zu verdanken hatten.

Platz drei – ja, es wurde in der Reihenfolge 2-3-1 gelesen, ein berühmter Literatenalgorithmus – ging an Reinhard Rakow, der das Publikum mit einigen Gedichten (von denen zwei sogar prämiert waren) erfreute und dann unabgesprochen einen fingerdicken Stapel Blätter hervorzog und verlas, auf denen er eine stinklangweilige und in unerträglich manierierter Sprache verfasste Geschichte aufgeschrieben hatte. Anders als ich, der ich vollkommen unabhängig von der Zustimmung meiner Leser lebe und schreibe, existieren die meisten Künstler ja einzig für die Anerkennung des Publikums. Das ist auch okay so. Herr Rakow erinnerte mich in seinem Vortrag allerdings an einen Pornodarsteller, der einer willig vor ihm knienden Bondine/Brunetten/Rothaarigen die volle Ladung ins Gesicht spritzen soll, es aber leider nicht bringt. Es hatte schon etwas Bemitleidenswertes dem Autor auf der Bühne dabei zuschauen zu müssen, wie er sich die Nudel wund rubbelt, aus der dann am Schluss ein paar milchige Tröpfchen herauskommen. Endlich Abgang Reinhard Rakow und Bühne frei für Marcel Maas.

Netter junger Mann mit einer leicht experimentellen Story um einen geklauten Mercedes, der im Teich versenkt wird und eine Rothaarige, die an der Tankstelle Kippen, Sprit und Waschmarken verkauft. Der blutjunge Künstler (20 Jahre) war auf dem Podium fast so nervös wie ich immer, und las gegen Ende in einem atemlosen Stakkato, das vermuten ließ, er wolle nur eines – von der Bühne runter. Hat aber Potential, der Bengel. Trotzdem, ich frage mich, was eigentlich aus einfach gut erzählten Geschichten geworden ist, wo man mitfiebert, von Abscheu erfüllt oder von Glück emporgehoben wird, Klänge, Bilder und Gerüche auf einen einströmen und dergleichen mehr? Bin ich einfach hoffnungslos altmodisch?

Heute früh hab ich dann auf SPIEGEL-Online lesen müssen, dass doch wahrhaftig Bürger dieses Staates die wunderbare Licht-Aus-Aktion konterkarierten, indem sie zum fraglichen Zeitpunkt E-Herd, Durchlauferhitzer und fiese stromfressende Deckenfluter eingeschaltet haben. Angeblich wollten sie damit dramatische Spannungsschwankungen im Netz ausgleichen und das Volk vor Schaden bewahren, aber ich bin sicher, sie haben uns verscheißert. Wirklich schade, so wenig Ernst am Ende einer Woche, in der man schon mal den Überblick verlieren konnte, wo welche Mutter wie viele ihrer Kinder erdrosselt, eingefroren oder sonstwie vom Leben zum Tode befördert hat!

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