Ganjafarians – Teil 1 der neuen Serie über die Weltreligionen
Geschrieben von Johannis am 15. Dezember 2007 um 16:28 Uhr
Wie durch Presse, Funk und Fernsehen ja bereits hinlänglich bekannt gemacht wurde, bin ich ein Gottloser. Nein, kein Loser (sprich: Luhser), dem neben Frau, Yacht, Haus und Aktiendepot auch noch Gott abhanden gekommen ist, sondern schlicht Atheist. DIE von mir seit Jahrzehnten durch regelmäßige Kioskumsätze unterstützte ZEIT brachte im vergangenen Jahr eine mit viel Humptahumptatschingderassapöff angekündigte, aber letztendlich enttäuschend flache Serie über die Weltreligionen. Das kann ich auch und sitze daher schon in den Startlöchern bzw. vor den Tasten.
Damit meine Überlebenschancen nicht sofort gegen Null gehen und auch, weil bei einem religiös motivierten Bombenanschlag ja üblicherweise viele Unschuldige mit in den Tod oder ein unerquickliches Verstümmeltendasein gerissen werden, nicht aber weil ich feige wäre oder etwa die Konfrontation scheue, beginne ich nicht mit dem Islam sondern mit dem Rastafarismus.
Angeblich auch Rastafari (obwohl alle seriösen Religionen auf -mus oder -tum enden) genannt ist dies eine in der schwarzen Bevölkerung Jamaikas den Dreißiger Jahren entstandene, heute weltweit verbreitete Religion mit starken christlichen mythischen sowie alttestamentarischen Bezügen. Die Mitglieder der zahlenmäßig unbedeutenden Bewegung glauben an die Göttlichkeit von Haile Selassie als wiedergekehrtem Messias und lebendigem Gott auf Erden. Jawoll, sicher doch! Damit haben die Rastafaris den mit Abstand popeligsten Heiland von allen, dagegen ist unser dornengekrönter Balkensepp wahrhaft eine strahlende Ikone der Göttlichkeit.
Haile war ein mickeriges Männchen, das in den Dreißigern auf den Thron Äthiopiens gehoben wurde, dort eine Zeit als letzter Kaiser hockte, dann vor Mussolini floh (aufmerksame Leser wissen nun welche Dreißiger gemeint sind) und später aus London wieder nach Addis Abeba zurückkehrte. Als die kiffenden Rastamänner ihn zum Gott ausriefen und zum Antrittsbesuch einluden, war er verschreckt und hat sich in Kingston kaum aus dem Flieger getraut.
Alkohol- und Tabakverzicht sowie vegetarische (aber auch ohne Salz, höchst unbekömmlich in der Tropenhitze der Karibik!) Ernährung sind ja an sich nichts Schlechtes, auch die Ablehnung des westlichen Materialismus ist nicht gänzlich unsympathisch. Als ich selbst noch gekifft habe, fand ich natürlich auch das ewige legalize-it ganz okay. Heute bin ich sicher, dass die Rastas die geldgeile westliche Hure Babylon und damit auch das Leistungssystem hauptsächlich deshalb ablehnen, weil sie meist schlicht zu breitgeraucht sind, um den Arsch hoch und überhaupt irgendwas auf die Reihe zu bekommen. Von ihrer immergleichen Reggaemusik und coolen Yeah-maan-Sprüchen mal abgesehen.
Im Rastafarismus lässt man/frau sich die Haare zu Dreadlocks verzotteln, weil das angeblich an die Mähne des Löwen von Juda erinnert. Tatsächlich sehen Dreadlocks aus wie harzige Cannabisblüten, sie tragen also ihre Lieblingsdroge bildhaft auffem Kopp. (Haare in Bier- oder Weinflaschenform wären vielleicht eine modische Idee für den bekennenden Christen, oder?). Schwulenhass gehört zum Rastafarismus wie Frauenfeindlichkeit zum Islam (ich will hier aber nicht vorgreifen), was nicht nur in fiesen Songtexten sondern auch in der Ermordung des schwulen Bürgerrechtlers Brian Williamson 2004 und des HIV/AIDS-Aktivisten Steve Harvey 2005 seinen blutigen Ausdruck findet.
Letztlich glauben schwarze Rastafaris fest daran, dass sie ins gelobte Land nach Äthiopien zurückkehren werden. Offenbar haben viele von ihnen kein Satelliten-TV, sonst wären sie bestimmt von Herzen dankbar auf einer netten Karibikinsel zu leben, anstatt in einem zunehmend muslimisch dominierten Armenhaus am Horn von Afrika, wo der Durchschnittsmensch mit 150 US$ im Jahr über die Runden kommen muss. Das reicht in Kingston gerade mal für die Grasversorgung plus Gitarrensaiten, Jointpapers und gelegentliche Friseurbesuche zum kunstvollen Verfilzen der Matte. Weiße Rastafaris möchten garantiert schon gar nicht nach Äthiopien und gehen uns deshalb hier mit deutscher/dänischer/schweizerischer Original-Reggae-Musik auf den Keks. Yeah maan!
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