Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog

Archiv für November, 2007

Heimatfunk

Geschrieben von Johannis am 30. November 2007 um 18:59 Uhr

Auch wenn dieser Blog langsam zum Verbaläquivalent eines endlosen Diavortrags ausartet, wird mich hier nichts bremsen. Schließlich könnt ihr – anders als bei Onkel Heinz und Tante Hilde, wo man bei lauwarmem Bier und Schnittchen nebst Diaprojektorengebläsegebrumm und Furzgemuffel gefangen und zu braven Ahs und Oh-wie-schöns verdammt ist – hier ganz flink und einfach abhauen, ohne dass es wer merkt, sich beleidigt fühlt oder euch womöglich enterbt. Also, wer nicht wegklickt ist selbst schuld, Masochist oder zwanghaft bloggisch.

Was es denn schon wieder gibt, wollt ihr wissen? Nicht viel. Ich bin am Samstag bei Fastfrost und einer Grundhelligkeit, wie man sie sonst nur im begehbaren Kleiderschrank der Vorhölle findet, nach Germanien zurückgekehrt und bereue das von ganzem Herzen. In selbigem rauscht immer noch die sanfte Brandung der arabischen See, scheint die goldene Sonne Goas, duftet es nach Curry, Kokosmilch und Koriander.

Meine eigentlich noch recht gesunde Siemens-Kühlgefrierkombination hat nach zwei Monaten Kompressionspause den geregelten Dienst eingestellt, sie gefriert nun entweder alles nach zentralsibirischer Art oder lässt mein leckeres Tiramisu-Eis soweit auftauen, dass es sogar für Schnabeltässler zahnschmelzschonend mundgerecht ist.

Autos und Frauen soll man ja nicht verleihen, aber da ich schon ewig keinen geregelten Sexualverkehr hatte, wurde die andere Hälfte der Regel auch ignoriert und mein Passat-Kombi (ja, ich weiß, absolut spießige Familien- und Loserkiste) für acht Wochen an den Nachbarn abgetreten. Bis zum nächsten Supermarkt bin ich nach meiner Rückkehr gekommen, dann fiel der Auspuff ab (nein, Tacky, es besteht kein Kausalzusammenhang. War es eigentlich nett in Aschaffenburg?) und der Motor röhrte befreit auf.

Ein anderer Nachbar hat mir einen Aufkleber gedruckt. Ein Hundewelpe in der Bratpfanne, darüber schwebt ein Hackebeilchen und der Slogan „Ich mag Hunde“. Nett, nicht? Glaubt mir eigentlich wer, dass ich jahrelang Vegetarier war?

Normalerweise müsste ich der Fairness halber an dieser Stelle mal wieder über Männer herziehen. Aus gegebenem Anlass muss das aber warten, denn ich machte eben die unerfreuliche Bekanntschaft mit einer runderneuerten Frühseniorenschlampe und stehe noch derart unter Schock, dass ich nicht anders kann, als ein Quäntchen Häme zu verschütten.

Ort: Drogeriemarkt, der namentlich an eine frühere deutsche Währung erinnert (nein, nicht Thaler, du Dussel!). Ich sause mittelfrohen Mutes und mit ein, zwei Artikeln in der Faust gen Kassenzone (Warum tragen eigentlich im Winter alle Schwarz? Seid ihr suizidal, aber feige und hofft, dass euch jemand auf dem dämmrigen Heimweg übermangelt?) wo sich schwarzbemantelte Damen und solche, die diese Bezeichnung nicht verdienen, knubbeln. Zwei Kassen sind offen, frau steht aber im unaufgeräumten Pulk im Gang herum und meditiert vor Nagellack und Kastanientönung.

Durchaus freundlicher O-Ton ich: “Stehen Sie schon an oder noch vorm Regal?“

Zwischen Jacketkronen und Keramik-Inlays streitlustig hervorgewürgt: „Ich stehe an.“ Sie ist blondiert, in teurem, nachtschwarzem Outfit, knapp sechzig Jahre alt und in Zentimetern gut doppelt so hoch, maximal einsfuffzich. Ob geliftet, collagengespritzt, gebotoxt oder einfach nur zugespachtelt kann ich nicht recht erkennen, sehe auch nicht genau hin, weil nicht mein Beuteschema.

Vermittelnd ich: „Hätte ja auch sein können, dass Sie sich noch nicht recht entschieden haben.“ Sehe, dass an der rechten Kasse kaum jemand steht, und stelle mich dort an.

O-Ton gefärbte graue Pantherin: „Sie haben ne richtig große Klappe.“ Verbitterungs- und Bissigkeitsgrad, als hätte ich gerade ein amouröses Wochenende mit ihrem holden Gatten hinter mir, der damit endgültig sein Coming-Out zelebriert hat. „Sie sind ja so was von selbstherrlich“ setzt sie schneidend hinzu.

Bass erstaunt von so viel profunder Menschenkenntnis, aber ebenso irritiert, weil ich offenbar grundlos zur Zielscheibe von Verbalinjurien werde, kann ich sie nur überrascht von oben herab fixieren und antworte mit leicht kryptischem Unterton: „Dafür fehlt es bei Ihnen woanders. “ Voller Gemeinheit lasse ich dabei offen, ob ich Körpergröße, die Brustvergrößerung, die Männe vor Jahren dann doch nicht zahlen wollte, oder etwa das Zeug meine, wovon Männer durchschnittlich ein Viertelpfund mehr hinter dem Stirnbein haben.

Weiter-an-der-Kasse-stehen, Zahlen, Einpacken, Abgang, Ende.

Ich danke der unbekannten nicht-wirklich-Dame für ihre unmotivierten Fiesheiten, mit denen sie mir flugs verklickert hat, dass ich wieder in Deutschland bin. Germania, Land der hängenden Mundwinkel, gewaltbereiten Hundefreunde und unsterblichen Jung-, Mittel- und Altnazis. Wundervolles Deutschland, wo man Kinder entweder im Nebenzimmer verhungern lässt oder vor die Glotze sperrt, bis sie alt genug sind, um Counterstrike zu spielen; Nation der abgestumpften Dauermuffler und ich-werd-dir-schon-zeigen-was-ne-Harke-ist-Sackgesichter; Land des draußen-nur-Kännchen und einer zähen Dunkelheit, die spätestens im November Herz und Hirn aller Teutonen zu verschlingen droht; Vaterland und Mutterscholle an blutgedüngtem Ackerrain; Grund und Boden, auf dem verfassungstreu ich steh und wandele; Heimat, selten vermisst und vielgeschmäht, der ich liebendgern noch heute den Arsch zukehren wollte, um dorthin zu fliehen, wo Menschen nicht über Stefan Raab lachen, sondern weil in ihnen eine Leichtigkeit ist, die nichts von Bausparvertrag oder Privatinsolvenz weiß und auch keine Krankenkasse kennt; wo mit uns weitläufig verwandte nussbraune Lebewesen täglich mit der Flut aufs Meer hinausrudern, in Netzen silbrigkleine Fische fangen und manchmal eben froh sind. Einfach nur so.

Das muss euch jetzt für ’ne Woche reichen.

Veröffentlicht in Perlenschwein | 2 Kommentare »

Übelste Nachrede

Geschrieben von Johannis am 23. November 2007 um 10:15 Uhr

Wirklich neue Erfahrung gemacht. Wollte in der ersten Woche schon mal beiläufig im Blog über zwei blonde Hamburger ablästern, deren mittelmäßig interessante Gespräche ich damals im Strandcafé Papillon mithören durfte. Hätte dann aber noch weniger Nachrichtenwert gehabt, als das an dieser Stelle übliche Geschwafel. Konnte aber vor ein paar Tagen meine vorlaute Klappe nicht halten und musste im Liegestuhl irgendwas in breitestem Barmbek Barsch (Hamburger Slang) von mir geben und mich so als Germane und echter Fischkopp outen.

Resultat ist eine wahrscheinlich eher zähflüchtige Bekanntschaft mit Kai und seiner Mutter Veronika W., Gastronomen aus A. in E. Sie bekochen und bewirten 7 Monate im Jahr Hungrige an der Valencianischen Mittelmeerküste und gondeln den Rest des Jahres zusammen in der Weltgeschichte herum. Da man die beiden entweder im fortgeschrittenen Garungszustand auf einer Liege in der Sonne brutzelnd oder rauchend mit einem Buch vor der Nase antrifft, lag es nahe, Kai vorgestern mein letztes Exemplar des „Rikschafahrers“ aufzuschwatzen. Es hatte etwas wahrhaft Herzerwärmendes, als er dann besagtes Büchlein am Strand eine Dreiviertelstunde lang nicht aus der Hand legte und sogar sein Abendessen warten ließ, weil er die erste Geschichte noch nicht ausgelesen hatte.

Heute hatte er das Buch bereits komplett verdaut und sparte nicht an Lob und freundlichen, allerdings auch einigen kritischen Worten. Ich fand es jedenfalls total spannend und auch ein bisschen rührend neben jemandem in der Sonne zu liegen, der gerade mein Machwerk hochkonzentriert (mit den Augen) verschlingt, und es dann auch noch gut findet. Kai und ich blödeln meist, als hätten wir jahrelang bei Blohm & Voss (Hamburger Traditionswerft) in der dritten Schicht Bleche vernietet, er hat – ganz anders als ich – eine saufreche Schnauze. Nun hat er allerdings genau deshalb berechtigte Sorgen und befürchtet, dass ich bei nächster Gelegenheit wenig schmeichelhafte Dinge über ihn schreiben könnte. Den Gefallen tue ich ihm natürlich nicht, auch wenn es mich überrascht, dass ein Gastwirt mit locker zwei Zentner Lebendgewicht und einem Brustkorb wie ein Portweinfass, der offenbar rund um die Uhr wasserfestes Gel in den strohblonden Haaren hat, so feingliedrige, schlanke Pianistenfinger (oder passt Gynokologenhände besser?) hat. Ein echtes Wunder der Natur!

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten, ich will nach wie vor nicht weg von hier, bereite mich aber mental auf die Rückkehr vor. Zuhause habe ich bei manchen Leuten den Spitznamen „Der Blockwart“ weg, wohl weil ich mich um alles kümmere, Probleme löse und bei Bedarf die Reinigung der Dachrinnen veranlasse. Direkt nebenan vom Hotel ist in einem Hinterhof eine Freiluftschreinerei untergebracht, die goanische Hochsaison naht, am Strand werden noch dringend benötigte Restaurants aufgebaut, und die Schreiner sind daher rund um die Uhr damit beschäftigt Tische und Regale zusammenzukloppen. Nun ist der Inder ja bekanntermaßen der Erfinder der Just-in-time-Logistik und überhaupt für sein effizientes Management berühmt. Nur echt nickelige Kleingeister wie ich nehmen Anstoß daran, dass die ganze Sippe, statt am Vormittag zu werkeln, lieber bis weit nach Mitternacht in der kühlen Nachtluft Oberfräse, Kreissäge, Bohrmaschine, Fuchsschwanz, Flex und Hämmer in fröhlichem Takt erklingen lässt. Die erste Nacht war ich nur baff und hab gegen elf mal zart angefragt, wie lange das Werkeln denn wohl so gehen sollte. Zwölf war die Antwort. Gestern musste ich dann erneut erfahren, dass vor Mitternacht nicht mit Feierabend zu rechnen sei.

Voll die fiese Sau hab ich dann in nahezu perfektem Englisch den hässlichen Deutschen raushängen lassen, und kundgetan, dass um elf Schluss sein müsste, sonst würde ich mich am nächsten Morgen bei der Polizei beschweren. [An genau dieser Stelle folgen weitere drei meiner zahllosen Stammleser dem bereits mehrfach erwähnten Herrn B. aus D., der mir nach Lesen meiner Hundehasserglosse die Freundschaft aufkündigte und auch durch intensivstes Arschkriechen und opulente Buchgeschenke nicht umzustimmen war. Ich habe übrigens heute gelernt, dass speziell Boxer als vierbeinige Sexspielzeuge gezüchtet und abgerichtet werden, sowohl als Leckerchen für einsame Damen als auch für den analfixierten Herrn. Werde bei Gelegenheit mal recherchieren, was genau dran ist, bin ja auch schon viel zu lange Single. Das bisschen Hundesteuer ist doch nichts gegen die Kosten, die eine Frau verursachen kann.] Nach einigen wenig schmeichelhaften Entgegnungen auf Hindi (sinngemäß: Pah, mach doch, du blöder Wichser …) war dann aber um kurz nach elf tatsächlich Schicht im Schacht, hatten alle Hämmer Ruhezeit, konnten ausgeglühte Sägeblätter verdientermaßen abkühlen. In drei Minuten ist es wieder soweit, ich bin fast sicher, dass ich die Drohung wiederholen muss, weil das Kurzzeitgedächtnis mit dem Produktionsdruck nicht Schritt halten konnte oder man nebenan hofft, ich sei abgereist oder einem schweren Malariaschub erlegen.

Ansonsten ist es hier in Goa immer noch supernett und ich kann den nervigen Nachbarschaftsschreinern eigentlich von Herzen dankbar sein, weil sie mir meine drohende Abreise wenigstens ein klitzekleines bisschen leichter machen wollen. Bye bye, Colva Beach, I will definitively miss you.

Nachsatz Donnerstagmittag:

Geschissen war auf Nachtruhe, die Nervensäger haben einen neuen Rekord aufgestellt, bis 0:40 ging das lustige Werkeln. Erneute Aufforderungen zur Einhaltung der Nachtruhe und Drohungen mit der Obrigkeit wurden mit unübersetzbaren Frechheiten und feistem Grinsen beantwortet. Überlegt, ob ein Wasserbombenangriff von der Dachterrasse die adäquate Antwort sein könnte, dann aber nur innerlich gekocht und folglich wenig gepennt. Als integre Persönlichkeit und Mann der Tat sauste ich gleich vormittags zur Wache und kurz darauf, von zwei netten Polizisten in schicken Khakiuniformen auf einem Moped eskortiert, zurück auf den Hof der lärmigen Powerschreiner. Dort musste ich mich besonders von den reichlich anwesenden Damen dieser an Kindern und fetten Weibern reichen Sippe tauber Holzwürmern (ich darf das mit den misogynen Ausfällen nicht übertreiben, sonst erwürgt mich irgendwann eine totalrasierte Blondine beim Liebesspiel zwischen ihren Schenkeln) wüst beschimpfen lassen, nahm das aber wie immer mit Fassung. Fazit: Lawrence, der die Nachbarn im Sinne seiner Gäste bereits gestern Abend vergeblich um Ruhe gebeten hatte, ist mir für meine Aktion tüchtig dankbar, einige Mitbewohner dito, ich habe jetzt endlich auch mal eine indische Polizeiwache von innen gesehen und Teile meines Seelenfriedens wiedererlangt. Alles prima also, dem Blockwart sei Dank.

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »

Verzögern, Verdrängen, Leugnen

Geschrieben von Johannis am 18. November 2007 um 15:21 Uhr

Samstag, 17. November 2007, 9:30 Uhr, Zimmer 205, LaBen Resort, Colva, Goa, Indien

Den Bauch etwas zu voll vom Frühstück am Buffet des Graciano Cottages, auf dem Dach bereits einen Eimer Wäsche auf die Leine (Kabel von der Satellitenschüssel zu den Zimmerglotzen) drapiert, schreibe ich hier ein paar überflüssige Zeilen. Einerseits um mich aufzuwärmen, bevor ich gleich wieder für den Roman in die Tasten haue (hab die letzten beiden Tage 27 Seiten geschafft, war Donnerstagabend richtig euphorisch, aber es ist harte Arbeit. Ich muss ein Loch in der Handlung zuschreiben, habe dem Ablauf des Plots vorgegriffen und schon vor einiger Zeit eine Handvoll Kapitel geschrieben, die erst später im Buch erscheinen) und andererseits, um ein paar gefühlige Gedanken in Bits, Bytes und Pixel zu verwandeln. Kann gut sein, dass dies meine letzte Botschaft aus dem sonnigen Exil im Land der Wasserbüffel und weißen Kuhreiher ist.

Vor zehn Tagen, auf dem Weg von Kathmandu hierher, hab ich gereizt vor mich hingegrübelt und wäre nicht überrascht gewesen, wenn es mir hier gestunken und ich die Tage bis zur Abreise voller Ungeduld gezählt hätte. Hitze, Touristennepp, abgezocktes Mallorcafeeling, Hotelzimmerkoller, Hass auf immergleiches Billigfrühstück mit abgepackter Vielfrucht-marmelade in bonbonrot, omnipräsenter Lärm und Dreck – alles Mögliche hätte endlos nerven können. War schließlich schon ewig nicht mehr im Urlaub, und schon gar nicht in einer Touristenhochburg. Aber so ist es nicht, nun zähle ich andersrum. Fünf Tage und den Rest von heute – soviel Zeit darf ich hier noch verbringen, bevor ich ins novembrig-graue Ruhrgebiet zurückkehren muss.

Lawrence, den Besitzer, habe ich wegen der Namensgebung seines wirklich netten Hotels (in dem ich mich schon ziemlich zuhause fühle) befragt – seine Frau heisst Benny, also LaBen Resort. Ich mag es hier, hab mich wunderbar akklimatisiert, gestern die erste Nacht ohne Ventilator geschlafen (wie ein Baby) gehöre zu längst den schlimmsten Kamikaze-Rollerfahrern (wir sausen hier alle ohne Helm, in Shorts und Gummischlappen durch die Botanik, Sicherheitsfanatiker bitte schnell weiterscrollen) und habe mich gestern schon mal erkundigt, was ein Haus im Hinterland kosten würde. Mit dreißig bis vierzig Euro-Tausendern (die ich nicht habe) wäre ich dabei, für einen Neubau mit 200 m² Wohnfläche und 500 m² Grundstück. Allerdings nur mit Beziehungen und einem indischen Strohmann als Käufer und Mitbesitzer. Rache der echten Indianer nach jahrhundertelanger Besatzung durch die Briten oder weil wir ihnen unter Schröder nicht genug Greencards gegeben haben – Immobilien nur für Inder. Aber hier geht immer was, vor allem mit Bakschisch (keine lokale Rauchdroge, sondern unabdingbares Schmiergeld für alle wichtigen Alltagsdinge).

Gestern hab ich Ramesh kennen gelernt, er ist Kellner im Graciano Cottages, wie einige seiner Kollegen aus Nepal, und seit drei Jahren von zuhause fort. Er hat solche Sehnsucht nach der Heimat, dass er sich für nachmittags mit mir verabreden wollte, „for talking about Nepal“ wie er vorschlug. Ich hab ihm einen Korb gegeben, wollte mir meine Schreibzeit nicht zerschneiden lassen. Hatte dann aber ein derart schlechtes Gewissen, dass ich heute extra schon um halb acht am Buffet auftauchte, in der Hoffnung auf etwas Plauschzeit. War aber nicht, denn zwei indische Großfamilien machten sich zur Heimreise nach Maharashtra, dem nächstnördlichen Bundesstaat, bereit und veranstalteten einen Riesenfrühstückszinnober.

Bei indischen Mittelklässlern verblüfft mich immer wieder, wie selbstverständlich und unvermeidlich die genervte Fresse mit gestiegenem Sozialstatus und höherem Gehalt einhergeht. Wer hier ein Auto hat, in besseren Restaurants isst und Hotels mit mindestens zwei Sternen bewohnt, lächelt nicht mehr. Selbst die Blagen bewerkstelligen schnell eine mürrische Muffelfratze, zumindest wenn sie dem Kindergartenalter entwachsen sind. Ein paar Jahre dauert es eben doch, bis aus süßen kleinen Schnuckelschätzen verzogene marken- und prestigebewußte Arschgeigen werden. Es wäre sicher banal zu behaupten, dass Geld Charakter und Mimik versaut, aber glücklich macht der gestiegene Besitzstand augenscheinlich auch nicht.

„Weniger ist mehr“ lautet eine der abgedroschensten Phrasen der Neuzeit, aber mehr bedeutet offensichtlich ein Weniger an Lebensfreude, Unbeschwertheit, Heiterkeit, Großzügigkeit und allgemeiner Daseinsqualität. Dafür hat man eben Kohle, die es zu verteidigen gilt, und muss sich tierisch anstrengen, damit man die drei lumpigen Stufen – mühsam mit Zähnen und Klauen auf der Statusleiter erklommen – nicht wieder herabpurzelt. Einmal an Aircondition, Koch und Fahrer gewöhnt lebt es sich ganz beschissen in einer Bambushütte am Strand, auch wenn man im Urlaub eigentlich genau dahin will.

Ramesh will so gern mal wieder nach Dhulikel bei Kathmandu, hat seine Familie schon ewig nicht gesehen. Johannis möchte gern noch in paar Wochen hier bleiben, er wird nicht von Frau, Mutter, Großvater vermisst. Doch das weihnachtliche Fundraising (oh Gott, mir wird speiübel, wenn ich an den Trubel zu Heilands Wiegenfest und den ganzen Glühweinklebrigen Kommerzzauber denke,) muss durchgezogen werden, Bettelbriefe wollen verschickt und Spender informiert werden – keine Atempause auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Wenn ich mir anschaue, wie energisch die Leute hier nach westlichem Lebensstandard (und damit Ressourcenverbrauch) streben, will ich lieber nicht wissen, was uns in zehn oder zwanzig Jahren tatsächlich blüht. Am Tag vor meiner Ankunft hat es hier einen Tag geschüttet wie sonst nur im Monsun, der ist aber eigentlich Ende September vorbei. Global warming lässt grüßen.

Musste heute früh an meine erste größere Soloreise denken, mit neunzehn bin ich nach Marokko getrampt (teilweise, denn die frisch aus der Franko-Diktatur entlassenen Spanier nahmen keine Tramper mit, also waren Fähre und Busfahrten angesagt) und hatte in Sete bei Marseille einen derart üblen Anfall von Heimweh, dass ich zwei Tage heulend im Zelt gelegen habe. Anders als Ramesh war ich nach zehn Wochen wieder in Bremen bei meinem geliebten VW-Käfer und konnte mich nach Herzenslust mit Stiefmütterchen und meinen infantilen Geschwistern rumstreiten.

Im Müllhaufen an in einer Straße saß heute früh eine junge Krähe mit gebrochenem Flügel, dazu fehlten ihr derart viele Federn, dass es aussah, als sei sie ins Feuer gefallen. Sie wird solange Müll fressen, bis ein Hund sie schnappt oder die Ratten über sie herfallen. So oder ähnlich wird es uns allen gehen, wir haben es nur noch nicht kapiert.

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »

Eigentlich

Geschrieben von Johannis am 14. November 2007 um 15:01 Uhr

Montagmittag, immer noch La Ben Resort, Colva, Goa, Indien

Eigentlich sollte ich schon an dem Förderantrag für ein Trinkwasserprojekt sitzen, der bis Ende der Woche bei einer deutschen Stiftung eingegangen sein muss. Eigentlich wollte ich mir ja ein anderes Quartier suchen, wollte weg von diesem etwas langweiligen Strand, der sich in beiden Richtungen schnurgerade ohne ein Inselchen, ungebrochen von jeder noch so winzigen Palmenbucht oder gar von ein paar malerischen, in der Brandung umtoster Felsen im blassblauen Dunst verliert. Eigentlich müsste ich, wenn schon, an meinem viertelfertigen Roman schreiben, anstatt hier mal wieder Geschichten zusammenzustoppeln, die kaum wen wirklich interessieren. Eigentlich.

Aber ich habe ja Urlaub und zum Beweis, dass ich nicht ausschließlich menschenverachtend zynisches Zeug absondere, kommen hier ein paar taufrische Impressionen. Es ist selbst für mich überraschend, was mindestens zwei Stunden Wellenschlag, Temperaturen nie unter 26 Grad und tüchtig Sonnenschein aus einem vor fünf Tagen doch recht gestressten Zeitgenossen machen können.

Gestern war ich also gut 160 km mit dem Roller unterwegs und habe mir nicht nur das verfallene Portugiesische Fort Cabo de Rama, einige der hier im Übermaß vorhandenen Kirchen und Kapellen sowie die Strände von Palolem und Agonda angesehen. Die letzteren sind (ehemals) pittoreske Palmenbuchten zwischen dschungeligen Hügeln, nach Art Blaue Lagune. Aber besonders das mir heiß empfohlene Palolem entpuppte sich als chaotische Anhäufung von Restaurants, Beachcafés und Hüttensiedlungen, mit einem eher schmalen Strand, an dem sich Fischerboote knubbeln und dazu (beklagenswertes portugiesisches Erbe, wer mag eigentlich Stockfisch oder Baccalao?) reichlich Fische in der Sonne getrocknet werden. In den dort verfügbaren Sperrholzkabuffs mit Bett, Klo und Moskitonetz soll man pro Nacht knapp das Doppelte dessen berappen, was ich hier dem guten Lawrence für ein geräumiges Zimmer mit Schreibtisch, Sesseln und einem Bad, in dem man Walzer tanzen könnte, auf den Tisch tue. Dazu mischt sich dann der Duft von Dörrfisch mit dem allgegenwärtigen Qualm von brennenden Müllhaufen und den Joints der israelischen Touristen. Meine Abneigung gegen diese von mir auch als niederste Kaste der Asientouristen bezeichneten Zeitgenossen habe ich an anderer Stelle wohl bereits ausgiebig kundgetan, wenn nicht muss ich das hier demnächst nachholen. Dann könnten die Russen gleich auch noch ihr Fett abkriegen, aber ich wollte ja nicht schon wieder hetzen und granteln.

Agonda ist noch recht schön und erwacht gerade aus dem touristischen Dornröschenschlaf. Breiter, sauberer Strand, malerische Bucht – wenn ich mir überhaupt irgendwo eine Überdosis Brandungsrauschen, Kokosmilch und Sand zwischen den Zehen geben wollte, dann dort, zusammen mit deutschen Pärchen, nebst ihren quengelnden Kindern oder auch nur mit dringendem Kinderwunsch im verliebten Blick. Da ich aber vorgestern früh hier in Colva, frühmorgens auf dem Weg zu meinem Stammstrandcafé „Papillon“ zwei Delphine im flachen Wasser sah, einen echten Faible für diese Meeressäuger habe und man mir glaubhaft versicherte, dass eine derartige Sichtung selten und Glück verheißend sei (ja, auch ich bin ein klitzekleines Bisschen abergläubisch, Rudimente aus meiner längst vergangenen Esoterikphase) bleibe ich hier. Noch vor ein paar Jahren kamen hier fast täglich Delphine an die flache Küste, um Sardinenschwärme zu jagen und gelegentlich sogar mit den Badetouristen zu spielen. Jetskis und die Rennboote nebst am Gleitschirm durch den Himmel baumelnden Strandbesuchern haben mit ihrem penetranten die Lärm die Kollegen von Flipper vertrieben, und auch die Sardinen sind rar geworden. Ähem, wollte ich nicht eigentlich etwas Erfreuliches oder wenigstens nichts Hyperkritisches berichten? Also los:

Draußen steht ein nagelneuer Hondaroller, die passenden Schlüssel liegen hier auf dem Tisch. Ich bin also mobil, und nachdem ich gestern mit einem echten Veteranen (60.000 km auf dem Tacho) auf dem National Highway 17 und diversen Nebenstraßen Kopf, Arsch und sämtliche Knochen riskiert habe, schnurrt nun auf Knopfdruck ein braver Einzylinder los und trägt mich zu jeder Zeit zum Bäcker, Eisladen oder wohin sonst ich will. Einfach zwischen Feldern, Kokoshainen, flachen Dünen und Bananenplantagen hindurchtuckern ist dazu oftmals angenehmer, als unter dem Ventilator zu sitzen (der übrigens gerade mal wieder mangels Saft zum Stillstand kam, aber ich habe mich nach Kathmandu, wo morgens Pullover angesagt waren, bereits recht gut akklimatisiert und verwandele mich bei Stromausfall nicht sofort in eine salzige Pfütze).

Fahrten durch den Bundesstaat sind eine echte Herausforderung in punkto Wachsamkeit und Fahrzeugbeherrschung, vor den meisten Dörfern gibt es in schlichtem Asphaltschwarz gehaltene fiese Tempobrecher, quer über die ganze Fahrbahn erstrecken sich doppelt und dreifach Teerhuckel, die einen Roller mit seinen Minireifen fast zum Überschlag bringen. Also Augen auf und bremsen. Überholt wird wie man will, auch in engen Kurven und selbst der so genannte Highway verwandelt sich ohne jede Ankündigung von einem glatten Teerband nach Art einer deutschen Kreisstraße in einen wüsten Acker mit Aufschüttung aus roter Erde und Bruchgestein. Dazu Kühe (verdammt heilig, oftmals mitten auf der Straße dösend) Ziegen, Hunde, Menschen aller Art und Chilischoten. Liegen ästhetisch rotleuchtend und flach ausgebreitet auf kleineren Fahrwegen zum Trocknen aus, meist von Felsbrocken eingerahmt. Spannend.

Heute habe ich am Strand gefrühstückt, mein neuer Deal mit Lawrence vom La Ben Resort sieht vor, dass ich auf sein Low-Budget-Breakfast verzichte, dafür aber andere Sonderleistungen und Vergünstigungen bekomme. So hat Denis von der Rezeption gestern heimlich zwei Liter Sprit aus dem alten Roller abgesaugt, und später aus Wasserflaschen zurück in den Tank meines neuen Vehikels gefüllt. Sprit kauft man hier flaschenweise für knapp einen Euro pro Liter bei Cafés, Shops und auf staubigen Hinterhöfen, er ist knallorange und sieht aus wie billige Limo. Denis hatte diebischen Spaß daran, den recht abgezockten Mopedverleiher um die hundert Rupien zu beschummeln, die er sonst beim Rollerrücktausch zusätzlich am Benzin verdient hätte, das ich morgens beim Start mit der alten Klapperkiste brav bezahlt hatte.

Nach den morgendlichen drei- bis vierhundert Metern Brust- und Rückenschwimmen besucht mich Saira, die Obstverkäuferin, der ich neulich eine Kokosnuss abhandelte. Mit der schweren Schüssel, die sie scheinbar mühelos auf dem Kopf balanciert, der dunklen Haut und dem wiegenden Gang – sie setzt die Füße stark auswärts im weichen Sand – wirkt sie fast wie eine Afrikanerin. Saira ist eine attraktive Frau Mitte bis Ende zwanzig, Muslimin, aus dem Nachbarstaat Karnataka, spricht recht ordentliches Englisch, hat sechs Schwestern, drei Brüder, einen Mann und einen Sohn, der nächstes Jahr in die Schule kommt. Ein zweiter Sohn starb vor einiger Zeit mit 18 Monaten an einem angeborenen Herzfehler. Ihre Stärke ist friendly-making, so nennt sie den Schwatz mit uns Touristen zwecks intensiver Kundenbindung. Mindestens eine ihrer Schwestern ist auch mobile Vitaminversorgerin, drüben in Palolem. Im Laufe des Gesprächs erfrage ich einiges über die Arbeitsbedingungen all der netten Menschen, die uns am Strand allerfreundlichst Obst, Schmuck, Eis, T-Shirts, Tücher, Trommeln und sogar aufrollbare Landkarten von Goa und Indien anbieten oder aufdrängeln.

Sairas Mann fährt jeden Morgen mit dem Rad nach Margao, der nächstgrößeren Stadt, und kauft dort auf dem Markt Obst. Wenn der morgendliche Reis gekocht und gegessen, der Mann versorgt und alles gepackt ist, geht macht sie eine halbe Stunde Fußweg zum Strand. Dort zahlt sie 50 Rupien Schmiergeld an den Oberstrandbullen (es ist nicht der bereits erwähnte Wasserbüffel gemeint, der ohne Uniform auskommt) und noch mal zehn an den örtlichen Steuerfuzzy. An einer Kokosnuss hat sie, wenn sie clever und der Käufer etwas naiv ist, vielleicht 20 oder 25 Rupien Profit, Inder kaufen nichts von ihr, weil sie die Preise kennen oder sich ihr Futter selbst mitbringen. In der Saison kommt sie jeden Tag an den Strand.

1800 Rupien monatliches Schmiergeld von Saira klingt vielleicht nicht nach viel, aber es stapft allein in Colva garantiert eine knappe Hundertschaft fliegender Händler durch heißen Sand und glühende Sonne. Für Menschen wie Saira mit ihrer unerschütterlich gelassenen Heiterkeit ein ganz normaler Job, um die Miete zu zahlen und Mann und Kind satt zu bekommen – für die korrupten Säcke von Polizei und Finanzamt der Kassenschlager überhaupt. Sende in der Brandung stehend dankbare Gedanken nach Berlin, denn mit Hartz IV geht es uns deutlich besser als Saira, die von Krankenkasse uns Altersversorgung noch nie ein Wort gehört hat. Werde ihr in den nächsten Tagen garantiert eine Ananas abnehmen und dabei an ihre Betriebskosten denken.

Mit meinem neu erworbenen Wissen will ich flugs einen Sonnenbrillenverkäufer gegen die stürmischen Anklagen seiner indischen Kaufinteressenten verteidigen, die sich beschweren, weil er doch tatsächlich 20 Rupien (35 Cent) für eine Billigbrille verlangt, die ihrer Meinung höchsten 15 wert ist. Was heute sonst noch geschah? Sieben Inder, alle beinahe gleich groß, gleich schwarz, nahezu gleich alt und allesamt mit Polohemd, bunten Shorts und Schnauzbart ausgestattet, lassen sich vorm Nachbarstrandcafé nieder, gehen wie auf Kommando gleichzeitig und gleich weit ins Wasser, stehen eine Weile in der Brandung, kehren ans Ufer zurück, rubbeln sich ab und stapfen im Gänsemarsch davon. Wenn sie nicht das Ergebnis eines geglückten und sorgsam geheim gehaltenen Klon-Experiments der Regierung in New Delhi sind, dann müssen unter ihnen mindestens vier Brüder, wahrscheinlich sogar Drillinge sein. Oder ich beoachtete die Mitglieder einer Minisekte beim täglichen, rituellen Erleuchtungsbad.

Ein Pulk vier- bis sechsjähriger klapperdürrer Kinder schiebt johlend das Fahrrad eines Eisverkäufers durch den tiefen Sand. Auf dem Gepäckträger ist eine hölzerne Kühlbox montiert, sicher hoffen sie, dass er zur Belohnung eine angedrückte Köstlichkeit aus der frostigen Tiefe hervorzaubert. Selbst wenn nicht, sie haben einfach Spaß. Eine Großfamilie geht baden, Mütter und Tanten hocken kreischend im Kleid in der sanften Brandung, zupfen beim Aufstehen verlegen am nassen, geblümten Baumwollstoff, unter dem sich kräftige Hüften sowie schwarze und weiße BHs abzeichnen. Die Männer stehen etwas abseits mit nassen Hosenbeinen in der Brandung, schwatzen oder telefonieren vom Handy.

Gestern, unterwegs mit dem Roller auf kleinen Straßen und durch Dörfer, erinnerte mich die Gegend mit dem Brutkastenklima, den oftmals etwas heruntergekommenen alten Herrenhäusern mit ihren stockfleckigen Fassaden, von rostigem Wellblech überdachten Holzveranden und üppigen Gärten an die Südsaaten der USA. Die Menschen sind – zumindest tagsüber – ähnlich von der Hitze gebremst, aber viel fröhlicher, ungeheuer hilfsbereit, und statt rostiger Chevys und Fords hat man hier mit Glück eben einen Roller, trägt ansonsten sein Bündel stolz auf erhobenem Haupt und wässert abends den kleinen Garten hinterm Haus.

Beim Überqueren der Brücke, unter der sich ein schlammiger Graben zögerlich zum Strand hinunterschlängelt, fällt mir ein Mann auf, der sorgsam seine ledernen Segelschuhe ausklopft, akribisch auf anhaftende Sandreste inspiziert und danach umständlich in einem Klarsichtbeutel verstaut. Es fehlt nur, dass dieser auch noch einen Clipverschluss hat. Alles verschwindet in einem unförmigen Rucksack, dessen bunte Bordüre mir verrät, dass er in Nepal hergestellt wurde (dieses alberne Design gibt es dort seit Jahrzehnten unverändert für Jacken, Hosen, Hemden, Beutel und endlos mehr, nur Touristen kaufen es). Der Mann hat meinen Blick bemerkt, mit einer motzigen Kopfbewegung konfrontiert er mich. Ich nicke nur und lächle, worüber er fast vergisst sein buntes Hüfttuch einzupacken. Schon wegen der peniblen Schuhnummer war ich mir nahezu sicher einen Landsmann vor mir zu haben, der dicke Akzent, mit dem er kurz darauf die Silbe „Wott?” hervorstößt, gibt mir Recht. Ich antworte auf Englisch, dass ich gern Menschen betrachte. Ich sei doch in Indien, warum ich da keine Inder anglotzen würde? Das sei doch meine freie Wahl, wen ich anschauen würde, oder? kontere ich. Was ich denn für ein Freak sei, ob ich nix Besseres zu tun hätte, schimpft er herauf. Ich verabschiede mich mit einem Lächeln und dem Rat „Don’t get sand in your shoes!“

Meine verehrte Psychotherapeutin Elisabeth A.-H. hat während unserer gemeinsamen Zeit viel mit Spiegelungen gearbeitet. Nun käme, wer mich kennt, niemals auf die Idee, dass mich mit diesem unfrohen, zwanghaften Mann (deutsch, Single, Mitte vierzig) auch nur die geringste Ähnlichkeit verbindet. Die Tatsache, dass ich meine Schuhe ordentlich vorm Schrank aufstelle, nach dem Duschen grundsätzlich mit der Gummiflitsche (hochwillkommenes Accessoire in diesen Breiten) den nassen Fliesenboden in Richtung Gulli abziehe, meine Badehose nach dem Schwimmen im Meer umgehend mit Süßwasser ausspüle und auf dem Balkon trockne sowie Bananenschalen aus dem Hotelzimmer trage, um keine Ameisen anzuziehen, hat damit absolut nichts zu tun. Dennoch werde ich profilaktisch daran arbeiten, meine eh schon ausgeprägte Gelassenheit und gewaltige Toleranz noch eine Winzigkeit auszubauen, sofern das möglich ist.

Für alle, die schon immer wissen wollten wofür das rätselhafte R. in der Mitte meines Names steht – relaxed!

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »

Die schönsten Wochen des Jahres …

Geschrieben von Johannis am 10. November 2007 um 11:25 Uhr

Liebe Fangemeinde,

nachdem es mir offenbar auch mit hartnäckigem Schweigen, Frauenfeindlicher Verleumdung und bewusster Falschschreibung (siehe Kunst- und Kulturbanausentum) nicht gelungen ist die ständig wachsende Nachfrage nach diffamierenden Texten zu ersticken, will ich nun mal wieder liefern. Nicht etwa ein schwerer Anfall von Reitersblock hat mich in den vergangenen Wochen daran gehindert auf der Tastatur herumzustümpern, die Verdauung bewegte sich meist innerhalb tolerabler Parameter und auch die Erkältung mit anschließender Sinusitis (täglich als biologischer Luftfilter unterwegs in einer der weltweit dreckigsten Städte und mit den Schleimhäuten löffelweise Russ, Staub und Mikroorganismen aus der Atmosphäre sieben fordert halt irgendwann einen Tribut) konnte mich nicht stoppen – ich hatte schlicht zu viel auf dem Zettel.

Nur massives Drängeln machte es schlussendlich möglich, dass wir in den letzten Tagen meines Nepal-Aufenthalts beide Gesundheitsstationen (neudeutsch Healthposts) und auch die von uns gebaute Brücke einweihen konnten. Just-in-time auf nepalesisch, möglich gemacht mit einer Kombi aus sanften Drohungen und Versprechungen. Die zwei Schulen sind noch in Bau, wir müssen dort also warten bis zum nächsten Jahr. Nebenher hatte ich natürlich wöchentlich knapp achttausend Meetings und überhaupt bis zuletzt tierisch viel um die Ohren.

(Hat dein Koffer tatsächlich am Donnerstag mit Qatar Airways den Weg nach Kathmandu gefunden, Esther? Bei der Suche durften wir zufällig miterleben wie tonnenweise Koffer, Taschen und Kartons, die teilweise schon zwei Jahre und mehr in der Ankunftshalle herumlagen endlich auf vier Anhänger verladen wurden. Nicht etwa um sie verspätet den Besitzern zu schicken, es gibt nur in der Halle keinen Platz mehr. Hoffentlich wird das Zeug wenigstens an Bedürftige verschenkt und landet nicht zuhause bei den Zöllnern. Kofferfalle Kathmandu.)

Schnee von vorgestern, denn ich befinde mich mittlerweile rund 3500 Kilometer südwestlich von Nepals Hauptstadt in Colva, einem ehemals idyllischen Fleckchen in Goa, das heute mit aller Kraft darum kämpft, eine billige Costa-Brava-Kopie zu werden. Am Mittwoch brach ich meinen Arbeitsaufenthalt im krisengeschüttelten Hindu-noch-Königreich (Nepal soll bald eine Republik werden, viel Glück dafür!) am Fuße des Mount Everest ab und ans indische Meer auf.

Der Tag hatte energetisch und mit Erfolgserlebnissen begonnen, ging aber schleppend weiter und sollte fortlaufend an Dynamik verlieren. Die Verspätungszeit vorm Abflug konnte für endlose Debatten mit den verstockten Mitarbeitern der Indian Airlines gut genutzt werden, der verlorene Koffer einer Freundin tauchte schließlich in London auf und war vier Tage nach ihrer Ankunft in Nepal sogar schon unterwegs in Richtung Abu Dhabi. Statt um halb drei startete der Flieger gegen sechs, kam aber neunzig Minuten später ohne weitere Warteschleifen durch den dicken Smog auf einer welligen Landebahn des Indira Gandhi International Airports nieder.

Dort durften wir dann allerdings in den klapprigen alten TATA-Bus des wohl dümmsten Flughafenbusfahrers im gesamten bekannten Universum steigen. Der Mann fuhr nicht nur wie eine halbblinde Siebenundachtzigjährige mit schwerem Rheuma (weshalb notwendige Gangwechsel meist unterblieben und wir größere Strecken im Kriechtempo oder mit rappelndem Motor unterhalb der Leerlaufdrehzahl zurücklegten) sondern schaffte auch noch das Kunststück, sich auf dem recht übersichtlichen Flughafengelände zu verfahren. Schon lange am Eingang zur Ankunftshalle vorbeigetuckert wendete er irgendwann umständlich und fuhr zögerlich zurück. Kurz bevor es ein überfälliges Happyend geben konnte wurden wir von der Flughafenpolizei gestoppt. Nicht wegen zu schnellen Fahrens, sondern weil es eine Bombendrohung gegeben hatte, wie ich vom zuständige Offizier erfragte, während unser Chauffeur stumm wie ein Brot hinter dem Lenkrad klemmte und die anderen Passagiere hilflos und Gottergeben transpirierten.

Die für Kordit und Semtex zuständigen Kollegen seien bereits unterwegs, und nein, wir könnten jetzt nicht weiterfahren. Es waren noch rund dreihundert Meter bis zum Arrivalgebäude und unseren Koffern, aber wir waren zum Warten verdammt. Ein Traktor mit Gepäck kam an und durfte die Sperre passieren, kurz darauf mehrere leere Busse und dann sogar ein halbvoller. Auf meine Bitte, uns ebenfalls passieren zu lassen, reagierte der Chefbulle sehr spröde. Meine Theorie besagt nun, dass unser Fahrer am ganzen Airport als hirnloser Schluffi bekannt ist und die Uniformierten sich schlicht einen Jux daraus machten, ihn ewig schmoren zu lassen. Airportmobbing. Erneute massive Intervention meinerseits inklusive heftigstes Charmieren brachten uns schließlich die Erlaubnis zum Wenden (was unserem Dussel trotz reichlich Platz kaum gelang, ich war kurz davor ihn vom Fahrersitz zu schubsen und das Steuer in die Hand zu nehmen) und eine Viertelstunde auf dunklen Rollbahnen und Zufahrten des Airports ein, bis wir endlich aussteigen durften. Dabei hielten wir einen Sicherheitsabstand zum fraglichen Bombenflieger ein, der uns auch bei Explosion einer H-Bombe schadlos hätte davon kommen lassen.

Der mit meiner kostenpflichtigen Abholung betraute Mitarbeiter des im Internet gebuchten Hotels Smyle Inn (wohlweislich nicht Smile Inn, denn zum Lächeln hat man dort kaum Grund) maulte mich sofort an, obwohl ich bereits aus Kathmandu angerufen und auf die Verspätung hingewiesen hatte. Wir sind dann gen City oder auch nach Paraganj im Main Bazaar aufgebrochen, und obwohl es schon früher Abend war brauchten wir für die 25 Kilometer echte drei Stunden.

Die Hindus feiern gerade Diwali, das Lichterfest, drei bis fünf Tage voller religiöser Zeremonien, lästiger oder lang ersehnter Verwandtenbesuche, Feuerwerk und Völlerei. In Nepal haben die Krähen, Hunde und Kühe jeweils einen heiligen Tag, an dem sie gefüttert und mit Blumengirlanden behängt werden (mit Ausnahme der misstrauischen Krähen, die mit Blütenkranz am Hals außerdem nur schlecht fliegen können). Am heutigen Freitag ist Laxmi-Puja, der wichtigste Tag. Laxmi ist die Göttin des Geldes oder Wohlstands, man legt bunte Mandalas auf den Boden vor jeder Haustür. Kräftig Öllämpchen dazu und flink einen Strich aus roter Tonerde gemalt, an dem entlang die Göttin dann ins Haus gelockt wird – schon ist bestehender wie zukünftiger Reichtum gesichert. Am Sonntag ist Bhai-Tika, dann werden alle großen Brüder von ihren Schwestern geehrt, beschenkt und mit einem besonders aufwendigen Segenszeichen auf der Stirn (dem Tika) verziert.

Aber soweit ist es noch nicht. Vorerst saß ich in einem kleinen Suzuki Omni, ein Nanobus, knapp halb so groß wie ein normaler Minibus. Der Fahrer hatte Hunger sowie schlechte Laune, und aus tief empfundener Solidarität schloss ich mich ihm an. War nicht schwer, schließlich hockte ich auf dem Beifahrersitz über dem glühenden Motorblock eingeklemmt in einem Monster-Stau bei Außentemperaturen von knapp dreißig Grad und einer Luft, die ähnlich mit Dieselabgasen gesättigt war, wie damals in den Konzentrationslagern der Nazis, bevor man auf Zyklon B umstieg. Ständig drangen unter dem defekten Klappsitz sengendheiße Öldünste hervor und mischten sich mit den Abgasschwaden, die aus den hochliegenden Auspuffrohren neben uns herkriechender Busse und LKWs direkt durch offene Seitenfenster hereingepustet wurden.

Man stelle sich einfach eine durchschmorende Sitzheizung vor und dazu ein voll aufgedrehtes Gebläse, das sonst zur Bautrocknung eingesetzt wird, plus eine Grob- und Feinstaubkonzentration, die jeden deutschen Emissionsschützer entweder in den Wahnsinn oder zum sofortigen Erlass eines bundesweiten Fahrverbots treiben würden. Anmerken sollte ich noch, dass dreispurige Fahrbahnen hier grundsätzlich von mindestens fünf Fahrzeugen nebeneinander genutzt werden und sich entlang der Stadtautobahn nach Delhi mehrfach sechsspurige Straßen kreuzen, ohne dass dort der lästige Luxus von Ampeln oder Verkehrspolizisten gebraucht würde. Blinken ist auch verpönt, man hupt einfach immerfort und drängelt nach guter alter Sitte. Das alles bei einer Verkehrsdichte, wie man sie nur aus amerikanischen Katastrophenfilmen kennt, wenn in zehn Minuten der Vulkan ausbricht/die Killerbienen kommen/der finale Kometeneinschlag stattfindet. Oder vor Hurrikan Katrina. Ist das Staugeschehen halbwegs vorstellbar?

Irgendwann hab ich mich nach hinten in den winzigen Innenraum geflüchtet, die Knie unters Kinn gezogen, stumm geschwitzt und mich in stumpfes Brüten geflüchtet. Die nächste Freude wurde mir bereitet, als der Fahrer sich weigerte bis zum Hotel zu fahren, sondern mich und meine Koffer an der Hauptstraße in die Obhut eines fröhlichen Halbstarken entließ. Wegen des Festivals wäre die Zufahrt zum Basar ab 22:00 Uhr verboten, hieß es. Der Typ schulterte meinen Samsonite, ich schlörrte Trolley samt Laptop hinter mir her durch Schlaglöcher, Dreck und quirlendvolle Gassen. Der Chauffeur verabschiedete sich unterwegs, nachdem er mehrfach und nicht besonders subtil darauf hingewiesen hatte, dass er jetzt nachhause gehen wollte und sein Trinkgeld fällig wäre.

Die Standardantwort auf die anfängliche Frage, wie weit es denn sei, lautete wie immer „just 5 minutes“. Diesmal bedeutete dieses Zeitmaß eineinhalb ermüdende Kilometer zwischen shoppenden Indern, bekifften Touristen, heiligen Kühen, Mopeds, Dreiradtaxis und streunenden Hunden, bis wir irgendwann bei einem offenen Männer-Pissoir in eine schmale Gasse abbogen (der Gestank sollte mir später eine wertvolle Wegmarke sein, als ich kurz vor Mitternacht nach einem ebenso hastigen wie späten Abendmahl zurück zum Hotel suchte).

Das mir zugedachte Zimmer war im Erdgeschoss, direkt gegenüber von Rezeption und Eingang, muffig und nahezu lichtlos. Als ich das Fehlen eines Fensters bemängelte wurde ich empört auf das very-big-window hingewiesen, dass sich in Handtuchgröße tatsächlich hinter einem Bambusrollo verbarg. Ein Stück Riffelglas in einem verzogenen Holzrahmen, der sich nicht schließen ließ, aber immerhin mit Moskitodraht davor. Obwohl ich bezweifele, dass Mücken in der Luft von New Delhi länger als 48 Stunden überleben können.

Das Wasser aus dem Bad (man duscht in Asien eigentlich immer mitten im gefliesten Badezimmer, es gibt normalerweise ein Loch im Boden und Gefälle dorthin) lief statt in den Gulli praktischerweise unter der Tür durch ins Zimmer, ich war also wegen meiner lästigen Reklamationen schnell höchst unpopulär beim Manager. Bei dem guten Mann bin ich übrigens absolut sicher, dass ihn zuletzt im Jahre 1993 jemand bei einer unkontrollierten Gesichtsbewegung ertappt hat, die man fälschlicherweise als Lächeln deuten könnte. Nun hatte ich mir ja bewusst im Internet ein preiswertes Hotel für eine Nacht gebucht, weil ich die ursprünglich 19 Stunden bis zum Weiterflug nicht auf dem Flughafen verbringen wollte. Es war also klar, dass man mir als Kurzzeitgast nicht das beste Zimmer geben würde, ich nahm daher brav vorlieb und legte mich mit dem festen Vorsatz, mindestens acht Stunden Schönheitsschlaf auf mein Konto zu kriegen, schwitzend unter den Deckenventilator.

Gegen halb zwei wurde ich von Lichtblitzen und Donnerschlägen wach. Erst dachte ich an ein katastrophales Gewitter, musste aber nach Entfernen der Ohropax am Gegröle und Weiberkreischen erkennen, dass man Chinaböller und Kanonenschläge vor meinem Fenster zündete (siehe Hinweis auf Diwali). Ich hab dann zweimal rausgerufen und um Gnade gebeten, ohne Erfolg. Irgendwann flitzte euer Chronist in Boxershorts und Schlabber-T-Shirt an den erschrockenen Boys von der Rezeption (schlafen in asiatischen Budgethotels immer vorn am Eingang, um spät eintreffende oder sturzbetrunkene Gäste hereinlassen zu können) vorbei, schloss die Tür auf und stellte sich einem guten Dutzend feiernder Inder. Sikhs mit Turban, offenbar auch ein paar nicht mehr ganz so leichte Mädchen, dazu eine bunte Mischung besoffener Typen, die es alle unheimlich witzig fanden mitten in der Nacht ihr Feuerwerk abzubrennen.

Mein zugegebenermaßen leicht enerviert vorgetragener Hinweis, dass hier zwischen all den Hotels eine Handvoll Menschen sicherlich ein berechtigtes Interesse am Nachtschlaf hätten und man daher doch einfach mal Ruhe geben sollte, wurde mit Hohngelächter quittiert. Unterstützt vom aus Hollywoodfilmen universell verbreiteten Motz-Vokabular betitelten wir uns danach wechselweise und lautstark als kopulierende Darmausgänge* und Menschen, die ihren Ödipuskomplex exzessiv mit Mama im Bett ausleben*, zeigten uns dann gegenseitig unsere gestreckten Mittelfinger und ich schlüpfte so lässig wie möglich ins Hotel zurück, wo die Eingangstür sofort hinter mir verriegelt wurde. Besser geschlafen habe ich durch diese Aktion zwar nicht, aber wenigstens hab ich den Jungs gezeigt, wer die größeren Eier in der Hose hat. Zum Glück hatten sie nicht mehr viele Kracher und sind nicht auf die Idee gekommen, mir einen davon ins -zwecks besserer Lüftung mit offenen Gittersteinen versehene – Badezimmer zu schmeißen.

Sonst gibt es nicht viel zu berichten, das Frühstück war schlecht und billig, der Manager wollte mir auch noch die Parkscheine von Airport auf die Rechnung knallen, dafür war am Morgen wenig Verkehr, sodass ich innerhalb von 40 Minuten am Flughafen war. Mein Flieger ging pünktlich raus und ich landete am Donnerstagnachmittag bei 32 Grad in Goa. Die Temperatur ist seitdem nicht spürbar gefallen, mein Hotel ist ganz okay, das Meer unheimlich meerig, piwarm, halbwegs sauber und anders als an der norddeutschen Wattenküste rund um die Uhr verlässlich an der selben Stelle anzutreffen. Überall stehen Kokospalmen rum. Ich verbringe meine Zeit damit hektoliterweise Wasser zu trinken, penetrant zu schwitzen, und mehrfach täglich darauf zu warten, dass der Strom wiederkommt damit der Ventilator sich wieder dreht. An Diwali schmücken mehr als eine Milliarde Inder ihre Behausungen mit blinkend-pulsierenden Lichterketten und bringen damit die Betreiber der indischen Kern- und sonstigen Kraftwerke zu hysterischer Verzweiflung.

Ich bin übrigens im La Ben Resort untergekommen, habe mich mittlerweile schon halbwegs eingelebt und mit dem Personal angefreundet. Nicht nur, weil ich’s dem der Besitzer – nachdem ich ihm beim Feilschen um Rabatt für’s Zimmer von meinem Buch und den Millionen Besuchern meiner Website berichtete – zugesagt habe, sondern auch weil es hier ganz nett ist und manch eine(r) vielleicht gern wissen will, wo ich bin, kommt hier die Webadresse: www.laben.net . Wie man allerdings bei dem Männernamen Ben auf den weiblichen Artikel la verfallen ist, bleibt mir unerklärt. Nebenbei fahren hier reichlich Autos mit Aufklebern wie „Praise the Lord“ und „Psalms 97“ durch die Gegend, Jesus liebt dich eben auch in Indien.

Ansonsten habe ich schon so eine Art von Urlaubsfeeling, war bereits zweimal schwimmen, gehe nachher auf ein Stück Kuchen und einen recht ordentlichen Cappuccino in ein Café, wo hinter dem Haus ein bulliger Diesel der Generator antreibt und die Klimaanlage mit Saft versorgt. Übermorgen miete ich mir einen Motorroller und suche mir eventuell eine bessere Bleibe, vielleicht sogar ein Häuschen direkt am Strand. Bilder von dort heute:

Zwei junge Männer führen den wohl größten Wasserbüffelbullen, den ich je gesehen habe, am Strand spazieren. Er hat nahezu armlange, mächtig ausladend geriffelte Hörner, pechschwarz glänzendes Fell, ein beeindruckendes Gemächt und sieht aus wie eine asiatische Version des aus Spanien hinlänglich bekannten Veterano-Osborne-Stiers, der als gigantische Werbefigur auf den Hügeln entlang der Autobahnen steht. Nicht weit von mir bleibt er stehen, scheißt einen imposanten Haufen, scharrt den dann aber durch eine lässige Bewegung seiner riesengroßen Vorderhufe mit Sand zu und macht darauf ein paar tänzelnde Schritte ins Wasser. Einen Moment denke ich die Jungs müssten ihm jetzt den Hintern waschen, aber er will offenbar nur zur Kühlung mit Wasser bespritzt werden.

Eine Krähe hat eine tote Schlange gefunden und hackt auf hellrotes, fast pinkfarbenes Fleisch ein. Ob See- oder Landschlange kann ich nicht erkennen, der Körper ist mit Sand wie paniert. Wenn Badewillige vorbeischlendern fliegt sie auf, mich beäugt sie in der Sorge, ich wolle offenbar ihr Mahl stehlen.

Überall lungern beinah haarlose, sandfarbene und meist grottenhässliche Köter herum. Sie liegen im Schatten der wenigen Boote und umso reichlicher vorhandenen Liegen und Sonnenschirme. Mit ihren stumpfen, aber langen Schnauzen und der hellen, fast nackten Haut sehen sie irgendwie schweinisch aus. Einer scharrt sich unter einer Liege eine flache Mulde in den klammen Strand, legt sich zur Kühlung hinein und schaufelt feuchten Sand über sich.

In einer sumpfigen Niederung, von wo ein flaches, brackiges Rinnsal zum Meer kriecht, stehen zwei Dutzend brauner Schweine bis zum Bauch im Wasser und schmatzen saftige Wurzeln und Knollen.

Frauen mit sehr dunkler Haut und leuchtendbunten Wickelröcken balancieren Waschschüsseln auf dem Kopf, in denen sie grüne Kokosnüsse, Papayas, Ananas, Mango und Bananenbündel adrett aufgestürmt haben. Überall sprechen sie die Touristen an, bieten ebenso wie die Schmuck-, T-Shirt-, Erdnuss-, Sari- und sonstigen Verkäufer ihre Waren an, und verabschieden sich meist mit einem Lächeln, selbst wenn sie nichts verkaufen konnten. „Remember me for tomorrow, my name is Tina/Allison/George/James“ hört man fast überall – sie sind zwar etwas nervig, aber auf nette Art. Goa war portugiesische Kolonie, daher auch die eher westlichen Namen und der Draht zu Jesus.

Indische Touristen geben ihr Geld für eine Zweiminutenfahrt als Beifahrer auf einem Jetskis aus, mit Vollgas dreihundert Meter hinaus, Wende und über die brechenden Wellen zum Strand zurück. Der Nächste bitte. Man lässt sich hinter einem Motorboot entweder zu fünft auf einer Gummibanane durch die Wellen oder einzeln an einem Gleitschirm in den diesigen Himmel schleppen. Ich erfrage die Preise und bin erstaunt, zwei Minuten Jetski kosten 300 Rupien, die Minirunde unter dem Paraglider kostet 800, fast doppelt soviel wie mein Hotelzimmer.

Männer in schlabberigen Unterhosen stapfen entschlossen und garantiert ohne Freischwimmer bis zum Bauch in die Wellen und schlingen sich hinterher löcherige Handtücher um die Hüften. Frauen sitzen entweder sittsam am Strand oder krempeln – wenn sie jung und verwegen sind – die Hosenbeine hoch und stapfen solange durch die flachen Wellenreste, bis die Jeans weit über die Knie hinauf nass sind.

Die beiden mit dem Wasserbüffel kommen zurück, diesmal treiben sie ihn im schnellen Trab entlang der Wasserlinie. Einer läuft vornweg mit dem Seil, der andere klatscht rhythmisch mit einem dünnen Ast auf das mächtige, schwankende Hinterteil. Kommen sie aus dem Dorf zurück, wo der Bulle eben eine Büffelkuh besprungen hat oder ist dieser Lauf Teil des täglichen Fitnesstrainings, weil er bald auf einer Leistungsschau preisgekrönt werden soll?

*fucking arsehole, motherfucker

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »