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Archiv für Oktober, 2007

Autoerotik

Geschrieben von Johannis am 24. Oktober 2007 um 14:25 Uhr

Meine Bemühungen, hier in Ruhe und von Lesern unbehelligt meinen seelischen Müll abzuladen, werden ganz offensichtlich nicht ernst genommen, daher muss ich nun andere Töne anschlagen. Was geschehen ist? Erst bekam ich die mitfühlende Email einer jungen Mutter, die durchaus Verständnis für meine Kindstötungsfantasien aus dem Beitrag „Rohan“ zeigte. Dann hat ein Mensch unter dem als Gipfel der Selbstverleugnung gewählten Pseudonym „Kunstbanause“ mich freundlich darauf hingewiesen, dass es die türkische Ägäis wohl tatsächlich gibt, wie ich schon mutgemaßt hatte. Als hätte ich je um Kommentare oder das Auffüllen meiner Wissenslücken gebeten. Nebenbei lässt er oder sie subtil raushängen, dass Homer offenbar zu den Kumpels gehört, mit denen Kunstbanause normalerweise seine Abende beim Pils in der Eckkneipe verbringt. Da meine Aspirationen die potentielle Leserschaft gen Null zu drücken somit nachhaltig konterkariert wurden, muss ich nun zu anderen Mitteln greifen. Also jetzt Schluss mit lustig!

Kinderliebe und Hundefreundschaft habe ich ja bereits ins Lächerliche gezogen, deshalb soll jetzt die weltweit größte Zielgruppe ihr Fett wegkriegen, die Frauen. Neulich erwähnte ich hier eine sehr attraktive Iranerin, die in grober Missachtung ihrer Persönlichkeitsrechte nun auch noch bei ihrem richtigen Namen genannt werden soll. Maryam Fatima ist Englischlehrerin aus Isfahan (richtig geschrieben, Kunstbanause?), etwa Anfang dreißig, und begegnete mir kürzlich im Garten des schon ermüdend oft erwähnten Potala Guesthouse. Sie ist wirklich hübsch, langes dunkles Lockenhaar, Topfigur, gute Beine, perfekt gezupfte Augenbrauen in Form zweier schwarzer Möwenflügel, Augen wie glitzernde Kohlebrocken, rosig-volle Lippen, unauffälliges Makeup, betörender Jasminduft – ein wahre Augenfreude.

Sie lächelte mich über ihr Teeglas an, während ich am Nebentisch in einer Besprechung mit zwei Tibetern saß, und mein Lieblingsrezeptionist Rinzin bestürmte mich später, ich solle mich doch unbedingt an sie ranrobben, da wäre garantiert was zu machen. Er selber darf nicht, wegen feste Freundin und so. Weil sie später, bei meinem nächsten Meeting im Foyer, neben mir auf einem Sofa Platz nahm und ausgiebig ihre Papiere sortierte, allein unterwegs ist und bei der UN arbeitet, gab ich mir gegen alle übliche Zurückhaltung einen Ruck und schrieb ihr abends eine freundliche Nachricht, wer ich sei Pipapo, und ob wir nicht mal zusammen dinieren wollten Blablabla. Visitenkarte dran und ab in ihr Fach, gedankt sei’s den freundlichen Jungs vom Empfangstresen.

Exakt um Mitternacht schellte dann bei mir das Telefon, was ich, weil ausnahmsweise noch wach, nur mäßig übel nahm. Sie hätte gerade beim Nachhausekommen meine Nachricht Säusel Säusel und würde supergern morgen mit mir einen Happenpappen spachteln gehen, jetzt müsste sie aber huschhusch und ganz flink in die Heia. Da ich um diese unchristliche und auch bei Hindus und Buddhisten gänzlich unangemessene Zeit normalerweise weder unangemeldete Gäste empfange noch wildfremde Damen im Pyjama besuche, war es mir recht, ich erfreut bis leicht euphorisch und insgesamt nur ein klein wenig erstaunt. Schließlich bin ich ein recht charmanter, einigermaßen geistreicher und sogar halbwegs passabel aussehender Vertreter meiner Gattung.

Auf dem Weg zum Frühstück, das ich in Vermeidung morgendlicher Hassanfälle und Lebensmittelvergiftungen grundsätzlich nicht im dem Hotel angegliederten hundsmiserablen Restaurant Makro einnehme, roch ich schon im Treppenhaus den vertrauten Jasminduft, denn sie war in der selben Millisekunde aus dem Zimmer getreten wie ich und schwebte Göttinnengleich ins Foyer hinab. Diese verheißungsvolle Begegnung brachte mir einen langen, warmen Händedruck plus tiefen Blick in meine braunen Dackelaugen ein, nebst der eindringlichen Bekräftigung unserer abendlichen Verabredung.

Nun gehöre ich blöderweise nicht zu den Typen, die Sätze sagen können wie: „Du bist echt heiß und ich will dich ficken, kommste mit rauf zu mir?“ In der mir eigenen Zurückhaltung und ritterlichen Art erwartete ich den Abend, jedoch nicht ohne meinen seit Ewigkeiten unangetasteten Vorrat an Präservativen aufs Haltbarkeitsdatum zu überprüfen und kurz zu erwägen, die beiden Einzelbetten in meinem Zimmer vorübergehend zusammenzuschieben, um uns mehr Raum und Bequemlichkeit für das göttliche Spiel der Liebe zu gewähren, wenn es denn durch schicksalhafte Fügung dazu kommen sollte.

Um es vorwegzunehmen, es lief nix. Dabei hatte sie sich mächtig aufgebrezelt, mit engem schwarzen Rock, schicken Seidenstrümpfen, feiner Bluse und Stilettos, die ich hier auf der Straße keiner Frau empfehlen kann. Ich befand mich an der Grenze zum Underdressed-Sein, war aber rasiert, geduscht und guter Dinge. Wir betraten insgesamt drei Restaurants, das letzte gefiel ihr sogar, aßen dort fürstlich zu Abend, kauften danach in einer Nachtbäckerei ein Stück Schoko-Walnuss-Torte und einmal Lemon-Cheesecake und ließen uns danach Milchkaffee auf die Dachterrasse servieren, wo wir unterm Sternenzelt zwei weitere lauschige Stunden verbrachten.

Ich hab mich selten so gelangweilt, schon gar nicht mit einer schönen Frau. Die einzige Frage, die Maryam mir innerhalb von vier Stunden geselligem Beisammensein stellte, war: You are from Germany? Die zählt aber nicht als authentischer Ausdruck von Interesse an meiner Person, denn auf der an meine Nachricht rangetackerten Visitenkarte steht unter Postal Address auch Dortmund, Germany. Ansonsten plapperte sie selbstverliebt vor sich hin, erzählte unter vielem anderem die Story, wie man ihr in einem andern Hotel der Hauptstadt 1500 US$ in Cash geklaut hat und die vom erschreckend großen Gecko, vor dem der Zimmerjunge in Pokhara sie retten musste. Geckos sind übrigens gut fingerlange und absolut harmlose Reptilien aus der Gattung der Haftzeher (gell, Kunstbanause?), die mithilfe von Millionen feinster Härchen an ihren Extremitäten gemütlich Zimmerwand und Decke beschreiten und dort überzählige Motten und Moskitos vertilgen.

Bedingung für den bezahlten Einsatz als Freiwillige der Vereinten Nationen ist neben einer geeigneten Ausbildung die Fähigkeit irgendwo in der Pampa unter primitivsten Bedingungen zu leben und zu arbeiten. Das heißt auch mit landestypischem Viechzeug, von dem es hier selbst in der City reichlich gibt. Vorgestern wurden in einem Garten mitten im Stadtgebiet fünf Leute von einem wilden Leoparden angegriffen, no bullshit! Angeblich hat sie auch schon die Wahlen in Afghanistan und im Irak für die UN betreut, hier in Nepal wird es jetzt erstmal nichts mit Wählen und daher ist auch ihr Job futsch. Sie hat sich aber für einen Einsatz im Sudan beworben, und ich sehe sie dort schon mit den Stöckelschuhen im Matsch versinken, kurz bevor irgendwelche Warlords oder Kindersoldaten im Dauerdrogenrausch sie verspätet zwangsbeschneiden oder zumindest der Reihe nach rannehmen.

Das war jetzt wirklich nicht nett und absolut überflüssig, bloß weil sie weder mein Ego noch meinen Schwanz gestreichelt hat solche Gemeinheiten. Sehr schade, sowas! Andererseits muss die Frage erlaubt sein, ob es neuerdings ausreicht gut auszusehen? Blondinen sind nicht immer blöd, Filmstars und Models nicht immer zickig, aber eine gewisse Tendenz zum Verzicht auf Persönlichkeit und Grips – vorausgesetzt Konfektions- und Körbchengröße stimmen und die Haare liegen richtig – lässt sich unschwer ausmachen. Tough luck.

Rinzin fragte – typisch Mann eben – am nächsten Tag, ob denn was gelaufen sei. Ich berichtete ihm wahrheitsgemäß und auch von der Story mit dem geklauten Geld. Mal abgesehen davon, dass es für jemanden, der schon ein bisschen in der Welt herumgekommen ist, schon eine fette Blödheit ist, so viel Kohle nicht nur in bar mit sich rumzuschleppen, sondern auch noch auf dem Zimmer liegen zu lassen – Rinzin hatte sie vor einer Woche erzählt, es seien 1000 Dollar gewesen. Meine Theorie: Sie spinnt einfach, tut sich gern wichtig und rotiert als Zentralgestirn ihres höchsteigenen Universums einzig um ihren Bauchnabel. In den ich aber gern mal meine Zungenspitze gesteckt hätte, vorausgesetzt es sind keine T-Shirt-Flusen drin. Kennt ihr das auch, so ein fingerkuppengroßes zartes Fläumchen aus Baumwollabrieb, das sich in den Tiefen des Bauchnabels zu einem Mikrowattepad formt?

Also Schwamm drüber, zumindest haben wir uns die Rechnung im Restaurant geteilt. Nix Schlimmeres, als sich langweilen, löhnen müssen und dann nicht mal zum Drücker kommen. Typisch sexuell frustrierter Junggeselle habe ich heute meine Lieblingsjacke mit der Hand durchgewaschen, sämtliche Paar Schuhe geputzt, im Hotelzimmer Staub gewischt und dann nach ausgiebiger Maniküre diesen höchst nebensächlichen und wie immer viel zu langen Text geschrieben. Aber er wird schon seinen Zweck erfüllen und meine hartnäckige Restleserschaft um weitere, speziell weibliche Individuen reduzieren. Hoffe ich doch.

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Beschissene Welt

Geschrieben von Johannis am 19. Oktober 2007 um 06:18 Uhr

Das Komitee des Guinness Book of World Records hat meine Bewerbung abgelehnt, es sei nicht nachweisbar, dass mein Blog tatsächlich das weltweit meistignorierte aller Webtagebücher sei. Sorry! Dabei komme ich garantiert auf hunderte von Millionen täglicher Nichtleser, vielleicht sind es sogar Milliarden. Egal, Schwamm drüber.

Regelmäßige Nichtleser wissen natürlich nicht, dass ich mich seit gut zwei Wochen im Dienst der guten Sache in Nepal aufhalte, wieder mal muss ich anfügen. Nachdem ich voller Saft und Kraft die ersten acht Tage damit verbrachte, bei brütender Hitze und einer abenteuerlichen Luftfeuchte (Werte, die garantiert nicht einmal mitten im Amazonasdschungel direkt nach einem sechsstündigen Wolkenbruch gemessen werden) durch die Gebirgsbotanik zu hetzen, um baufällige Schulen zu besichtigen und meiner jungen, einheimischen Programm-Koordinatorin nebenbei zu beweisen, dass ein alter Sack wie ich voller Witz, Elan und Fitness stecken kann, hat mich die Power der zwei Herzen vorübergehend verlassen. Mich hat die Ruhr erwischt, und das ist hier eine Krankheit, kein Fluss.

Wie sich die genau auswirkt, will sicher keiner so genau wissen, aber darauf wird hier bekanntlich keine Rücksicht genommen. In einem einfachen Bild ausgedrückt – ich konnte vorübergehend aus acht Meter Entfernung durch ein Schlüsselloch und danach direkt in eine Flasche scheißen, und das rund ein Dutzend Mal am Tag. Den Vorwurf maßloser Übertreibung weise ich entrüstet von mir – so war es, ich schwöre! Leider ließ mein Terminplan keine Rücksicht auf die fehlfunktionierende Physis zu, daher bin ich die ersten Tage gurgelnd und gewissermaßen nicht ganz dicht durchs Land getorkelt, bis der Akku platt war und mich eine nette Ärztin aus dem Verkehr zog. Seitdem trinke ich Wasser mit Elektrolyten und Dextrose, ernähre mich von Porridge, Bananen sowie dreierlei Antibiotika und halte mich konstant in unmittelbarer Nähe meiner Kloschüssel auf. Da die Badezimmertür kein Schlüsselloch sondern nur einen Riegel hat, bleibt sie offen, so erspare ich mir das umständliche Zielen und den Zimmermädchen manchen Griff zum Putzlumpen.

Meine Stimmung ist ähnlich angeschlagen wie mein Verdauungstrakt, ich hab ganz nebenher auch noch eine mittelschwere Sinnkrise, wie sie mich periodisch überkommt. Im WAZ-Blog (der im Unterschied zu diesem wenigstens von ein paar gelangweilten Mitmenschen gelesen wird) hab ich mich kürzlich in überflüssiger Epik darüber ausgelassen, was mir an Nepal so alles auf den Senkel geht. Hinzufügen kann und will ich hier, dass es mich manchmal doch schwer ankommt, so als semiprofessioneller Wohltäter und Entwicklungshelfer durch das Land zu geistern, überall Begehrlichkeit auszulösen (nein, nicht mein knackiges Fleisch oder die unverwechselbar geistvolle Persönlichkeit rufen das hervor – es geht einzig um die Kohle, die der Verein in hiesige Projekte stecken kann) und gleichzeitig wieder und wieder zu sehen, wie wenig hier klappt und vorangeht. Im Grunde ist Nepal in einem permanenten Zustand des politischen, ökonomischen und infrastrukturellen Chaos gefangen, löst sich ständig auf und wird dabei gleichzeitig von allen möglichen internationalen Gutmenschenorganisationen nach Kräften stabilisiert. Man stelle sich einen Strickpullover vor, aus dem böse Buben an mehreren Ecken Fäden herausribbeln, und der synchron von den kundigen Händen einiger liebvoller Omis wieder zusammengestrickt wird, jedoch nie mehr als ein Rückenstück plus halbfertigem Ärmel darstellt – das ist Nepal.

Fast zehn Jahre kenne ich diese Land nun, habe währenddessen rund 20 Monate hier verbracht, und frage mich doch stets von Neuem, wie viel Sinn darin liegt, angestrengt und mit feinem Gehör auf das winzige Zischen zu lauschen, dass der kleine Wassertropfen macht, den wir hier alljährlich auf den berühmten heißen Stein fallen lassen. Sicher, wir bewegen hier und dort etwas, aber in Summe scheint es manchmal sinnlos.

Eben habe ich mit einer sehr attraktiven Iranerin gesprochen, die als Freiwillige der UN zur Beobachtung und Organisation der Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung eingereist ist. Ihr Vertrag ist nun gekündigt, denn die Wahlen wurden zum zweiten Mal und unbestimmt verschoben. Kaum jemand glaubt daran, dass sie noch stattfinden werden und somit die Nepalesen selbst über ihre Staatsform und damit die Frage Republik oder Monarchie entscheiden dürfen. Bisher sind mindestens 1,5 Milliarden Rupien vergeudet, verschoben oder sonstwie ausgegeben worden, ohne dass etwas dabei herausgekommen wäre. Das sind immerhin noch mehr als 16 Millionen Euro, etwa ein Drittel der jährlichen Deviseneinnahmen aus dem Tourismus. Das alltägliche Chaos greift immer weiter um sich, es fehlt fast überall an sauberem Wasser, sanitären Anlagen, ordentlichen Schulen, befahrbaren Straßen, Strom, Benzin, und, und, und…

Nur zwei Beispiele aus dem Medienspiegel der letzten Tage: Da ist einerseits die Story der Frau, die – um endlich ordentliche Papiere und damit Bürgerrechte und eine Staatsangehörigkeit zu erlangen – den Artikel aus The Himalyan Times beim Meldeamt vorlegen musste, der im September über sie und ihre Familie erschienen war. Etwa vierzig Jahre alt, hat sie 22 Kinder geboren, von denen bis auf eines alle überlebt haben. Nicht eben selbstverständlich, wenn man weiß, dass sie alle in einer Höhle aufwuchsen und meist mit wilden Früchten, Beeren und Wurzeln ernährt wurden. Von der Möglichkeit der Schwangerschaftsverhütung erfuhr sie erst kürzlich. Die meisten ihrer Kinder leben – der Not und dem an chronischer Geldnot leidenden Vater gehorchend – als Hausdiener an verschiedenen Orten oder arbeiten in Fabriken. Unnötig zu erwähnen, dass weder Mutter noch Kinder je eine Schule besucht haben. Mithilfe des Zeitungsartikels bekommt wenigstens die Mutter nun Papiere und hat damit eine Chance auf die magere Unterstützung, die der Staat mittellosen kinderreichen Familien gewährt.

Dann stand heute die Geschichte über die Hexen aus Nawalparasi in der Kathmandu Post. Dort haben nach dem Bericht einer Menschrechtsorganisation die Leute vor einer Weile damit begonnen, an einem angeblich Wunderheilungen bewirkenden Grab zu beten. Beim heilkräftigen Gebet am Grab fielen die Heilungssuchenden regelmäßig in Trance und nannten dann die Namen von Frauen aus der Umgebung, die sich als Hexen betätigen würden. Der Mob blieb nicht lange passiv, über 200 Frauen wurden der Hexerei verdächtigt und mindestens drei von ihnen gefoltert, damit sie ihr schändliches Tun gestanden. Ob Hexen auch hier in Nepal auf Besen über den Himmel reiten ist unklar, Aberglauben, Dummheit und Frauenhass sind aber eindeutig weltumspannende Phänomene.

Tatsache ist, dass in vielen Bereichen des täglichen Lebens das Mittelalter, so wie wir es aus Filmen und Geschichtsbüchern kennen, noch quicklebendig ist. Frisch entbundene Frauen dürfen in manchen Dörfern sieben Tage lang nicht essen oder trinken (und sterben deshalb nicht selten), Nabelwunden neugeborener Babys werden zur besseren Heilung mit Kuhmist eingerieben, menstruierende Frauen lässt man nicht die Tempel betreten und schlägt selbst in der City das Segenszeichen, wenn der Strom wieder fließt und das Licht wieder angeht. Jeder ordentliche Hindu wird jetzt am Freitag oder Samstag zu Dashain eine Ziege opfern und mit dem frischen Blut zumindest Haus, Auto, Moped segnen.

In diesem Umfeld fällt es mir manchmal schwer, an den nachhaltigen Erfolg all jener Entwicklungsbemühungen zu glauben, die mit den Geldern der internationalen Geber und natürlich auch unserer Spender aus Dortmund und anderswo finanziert werden. Man darf nicht verzweifeln, auch wenn der so genannte Fortschritt hier nur im Schneckentempo durchs Land kriecht. Bitter ist nur, dass sich Coolness, Kohlegeilheit und Kommerzstreben in einer Geschwindigkeit verbreiten, die nur den Vergleich mit einem Buschfeuer zulassen. Hier in der City sehe ich täglich mehr abgebrühte Visagen, unechte Designersonnenbrillen, albernes Schickimickigehabe, klafft die berühmte Schere zwischen arm und reich schmerzhaft weit auseinander.

Aus den Sattelitenkanälen brüllt die Blödheit der weltweit immergleichen Serien, es gibt auch hier Big Brother und Nepal sucht den Superstar, der Dreck amerikanischer Billigproduktionen wetteifert mit indischen Catcher-Shows und den unerträglich süßlichen nepalesischen Musikvideos, die immer nach dem gleichen Muster gestrickt sind. Boy meets girl, man tanzt, balzt und schmachtet sich an, sie weist ihn zurück oder umgekehrt, man balzt weiter, tanzt und singt dabei wie irr, und kriegt sich am Schluss. Die Bollywoodstars und Starlets lassen sich Botox spritzen und natürlich auch Lippen, Bauch, Nase, Arsch und Titten chirurgisch optimieren. Um den in Darjeeling (Indien) lebenden nepalesischen Kandidaten der indischen Staffel von DSDS auf den Thron zu hieven, haben die Nepalesen neulich 70 Millionen Rupien für einen SMS-Großangriff ausgegeben, das war knapp eine Million Euro oder das Jahresgehalt für 700 hiesige Lehrer. Als dann ein indischer Radio-DJ eine abfällige Bemerkung über die Nepalesen machte, gab es in Darjeeling Brandanschläge und Plünderungen indischer Läden.

Im Januar waren im Tiefland des Terai gerade mal zwei militante Gruppen bekannt und aktiv, heute sind es 22, die alle den angeblichen Freiheitskampf der Tiefländler gegen die verhassten Hügelweltbewohner kämpfen. Ultralinke, Warlords, Gangstersyndikate – jeder setzt seine noch so idiotischen Ideen und Forderungen mit Gewalt durch und zettelt bei Bedarf ein Progrömchen an. In zwei Wochen werde ich selbst dorthin reisen, um in Bara den Fortschritt beim Schulbau in einer Dorfgemeinde zu besichtigen. Wenn man mich bedrohen sollte, kann ich – von Abstammung Nordfriese und in Hamburg, also im Tiefland geboren – wohl auf Gnade hoffen. Käme ich aus Oberbayern wäre mein Schicksal offen.

Nach dem Motto „Always look at the bright side of life“ will ich hier zum Schluss kommen. Ich hätte nie gedacht, dass der Anblick einiger durch regelmäßige peristaltische Bewegungen wohlgeformter brauner Köttel, die sanft in der Keramikschüssel treiben, derart mein Herz wärmen könnte. Ende gut, alles gut!

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Mehr Fortschritt

Geschrieben von Johannis am 6. Oktober 2007 um 17:38 Uhr

Rohan oder Knapp vorbei am Kinderkiller

Mancher denkt ja, Dichter, Schreiberlinge, Autoren, Tastenjunkies, Schriftsteller oder wie immer man Mitglieder unserer Zunft nennen will, tun was sie tun nur des schnöden Mammons wegen. Weit gefehlt! Erstmal nur verdient man an Büchern nennenswert erst ab fünfstelliger Auflagen, die nicht leicht zu ereichen sind, und zweitens stehen willige Verleger nicht etwa morgens im Treppenhaus Schlange und bedrängen einen auf dem Weg zum Bäcker, weil sie unsere Verbalergüsse unbedingt drucken lassen wollen – nein, es geht uns vordringlich um die Macht der Worte. Wieder und wieder beweisen wir uns und der Welt, dass geschriebene, gesprochene, hingepixelte oder gar gedruckte Worte ungeheuer machvoll sind und Menschen unmittelbar bewegen können.

Bewegt wurde zum Beispiel Herrn B., Geschäftsführer eines großen Unternehmens aus NRW, das unsere Hilfsprojekte in Nepal seit Jahren diskret aber nachhaltig durch Spenden unterstützt. Vor gut zwei Wochen schrieb er mir Folgendes: Sehr geehrter Herr Jappen, Ihr Text „Bekenntnisse eines herzlosen Hundeshassers“ bedeutet das Ende unserer Beziehungen, denn ich bin „bekennender Hundeliebhaber“. Mit freundlichen Grüßen usw. Zwei Fliegen mit einem Stein vom Himmel gelockt, ein Leser weniger und auch noch einen potenten Spender vergrätzt. Bekanntlich will ich ja keinesfalls im Mainstream verheizt werden und bemühe mich deshalb um eine überschaubare und kritische Leserschaft, aber soviel Power hätte ich mir und meinen oftmals ungelenken Worten kaum zugetraut.

Ich hab ihm dann zur Schadensbegrenzung noch flink einen zerknirschten Brief samt signiertem Buch geschickt, aber das liegt jetzt sicher schon zuhause bei seiner Sekretärin rum. Im Grunde ging es mir ja nur um die Spenden, denn was soll ich ernsthaft jemandem entgegnen, der eine – noch nicht mal besonders gut geschriebene – Glosse so schweinemäßig ernst nimmt, dass er den Ich-Erzähler und dessen verwerfliches Tun 1:1 mit meiner Wenigkeit gleichsetzt. Herr B., falls Sie dies lesen (und dabei Nägel und die mir täuschend ähnlich sehende VooDoo-Puppe kurz aus der Hand legen wollen) ich schwöre, dass ich noch nie einen Jack-Russell-Terrier mit Schalotten in Burgunder gesotten habe, und dies ebenso wenig plane wie meine Auswanderung nach Nord-Korea. Aber egal, bewiesen ist jedenfalls, dass Worte Macht haben.

Ich schreibe dies in der indischen Hauptstadt New Delhi, lungere auf dem Weg nach Nepal in der so genannten Visitors-Lounge des Indira Gandhi International Airports herum. Frühstücksfernsehen in der weltgrößten Demokratie, seit zwei Stunden läuft auf den beiden Großbildschirmen eine Talkshow zum hier weltbewegenden Thema Cricket. Draußen beschäftigen sich schon ungefähr ebenso lange zwei Fensterputzer mit den Scheiben, die zur Straße hinausgehen. Nach drei bis vier Glasscheiben setzen sie sich hin und hoffen auf vorbeigehende Stewardessen, die tragen recht kurze Röcke und zeigen für hiesige Verhältnisse immens viel Bein.

Wie ich eigentlich hierher gekommen bin? Höchst unerfreulich. Bis Frankfurt ging alles gut, einmal umsteigen in Köln. Der Flieger aus Los Angeles hatte dort schon 90 Minuten Verspätung, und als ich zwei Stunden nach Abflugzeit endlich meinen Hintern in einen ausgeleierten Sitz des uralten Air-India-Jumbos klemmen durfte, begann der Spaß. Wir durften nochmals 90 Minuten in der brütenden Hessensonne stehen, Türen zu, die Luft wurde furzwarm und brutal stickig. Türen wieder auf, Luftschnappen, Türen zu, jetzt sollte es eigentlich losgehen. Türen wieder auf, Durchsage: Leider schließt die Ladeklappe eines Gepäckraums nun doch nicht. Da hatte ich bereits die Schnauze ziemlich voll und fand die Perspektive einer über der türkischen Ägäis (gibt es die?) sich öffnenden Ladeluke gar nicht so beklemmend. Wäre zwar schade um meinen Koffer, aber wenigstens hätten die Eltern von Rohan die Pflicht, ihm so ein Sauerstoffdings über Mund und Nase zu stülpen. Damit könnte er dann kaum noch so weiterkreischen, wie er dies seit Anbeginn unserer schweißtreibenden Zwangsgemeinschaft getan hat.

All jene Leser, die sich die Illusion erhalten wollen, in mir stecke ein wenigsten gelegentlich warmherziger Mensch, der Kinder wenigstens ein kleines bisschen mehr mag als Hunde, sollten jetzt bitte nicht mehr weiter lesen. Okay, ich mag Kinder, manche sogar richtig gern. Bei Ausnahmecharakteren wie meiner Nichte Paula (die ihrer Mutter regelmäßig vorschlägt, ich könne doch eigentlich mal wieder zu Besuch kommen) beruht dies offensichtlich sogar auf Gegenseitigkeit. Aber Rohan und seine Eltern – Boaah eyh!

Die Eltern Mitte zwanzig, sie eine leicht biedere Landpomeranze mit reichlich Hüftgold und farblich passenden Strähnchen im dunkelblonden Schopf, er ein junger Inder mit mehr als schulterlangem, ölig glänzendem Schwarzhaar, Raubvogelnase und gepiercter Augenbraue, Typ Latin Lover aus Bollywood oder wenigsten der Assistent des Yogalehrers. Der kleine Kacker etwa zweieinhalb Jahre alt, ein Würmchen von Statur, aber mit einer Stimme, die selbst abgebrühte Reisende in die Verzweiflung treiben kann. Ich möchte wetten, er ist das fleischgewordene Echo einer auf Exstasy durchtanzten Nacht, die am Strand bei zwei, drei Joints kuschelig und letztendlich überraschend endete. Wie sagte man früher: Aus Spaß wird Ernst, und Ernst kann jetzt schon laufen.

Die sprachlichen Fähigkeiten des Jungen waren eher mager, ich habe ihn während des gesamten neunstündigen Fluges nur folgende Worte sprechen hören: Papa, Mama, Flieger, Bagger, Nein. Das Letzte fast andauernd und im Stakkatorhythmus. Dafür ist er mit einem Stimmumfang gesegnet, bei dem der selige Pavarotti vor Neid in seinem frischen Grab rotieren müsste, bei mindestens siebzehnhundert Umdrehungen. Genauer gesagt beherbergt der eher schmächtige Körper von Rohan ein Stimmorgan, das die gesamte Bandbreite von jenen Schwingungen, die die US-Armee benutzt um ganze Batallione des Feindes zum Krampferbrechen zu zwingen, bis zu den an der Schwelle zum Ultraschall liegenden Frequenzen beherrscht, bei denen sich die graue Masse zwischen den Ohren in eine hochexplosiv-wabernde Gallertsubstanz verwandelt.

Die lieben Eltern verhielten sich passiv – ob aus Unwissen, Faulheit oder schlichter Überforderung, blieb unklar. Sie hängen offenbar einer raren Spätform der antiautoritären Erziehungsmethodik an. Keine Grenzen, kaum Eingriffe, gelegentlich halbherzige Ermahnungen in lauwarmem Ton, dazu pädagogisch komplett unsinnige Befragungen. Der einzig ausgeübte Zwang ist der zu eigenständigen Entscheidungen der Kleinen, (führte in Summerhill zu der ebenso schönen wie genervten Frage eine Schülerin: Müssen wir heute schon wieder tun, was wir wollen?) und alles wird begleitet von mildem Dauerlächeln. Rohan hat sich deshalb darauf verlegt, die fehlenden Grenzsetzungen vehement einzufordern, indem er sich trotz seiner mickerigen Körpergröße als ein voll ausgewachsener Tyrann gebärdet. Weil ihm die Worte fehlen kreischt er, strampelt, tritt, wirft mit Dingen oder Speisen, beißt und heult fast ohne Unterbrechung. Das Letztere mit der Kraft seiner jungen Lunge und in hysterischer Tonlage, aber mit eingesprengten Jauchzern, die dem kundigen Ohr verraten wie viel Spaß er daran hat, seine jungen Alten fertig zu machen.

Ruckzuck führte ich lautlose, hasserfüllte innere Dialoge und mir dabei zur Linderung Ohropax ein. Die Inderin neben mir war nach einer Stunde der Verzweiflung nahe, ein deutsches Paar in der Reihe vor Rohan bat die Eltern irgendwann hilflos darum, ob sie den Kleinen nicht irgendwie zur Ruhe bringen könnten. Konnte oder wollten sie aber nicht. Einer sympathischen Stewardess, die den Bengel freundlich anschäkerte und befrieden wollte, wurde fast die Hand abgebissen und sie derart fies angekreischt, das die gute Frau sich schnell wieder den nur durchschnittlich unfreundlichen Passagieren widmete.

Rohan ist altersmäßig eine Teppichratte, also irgendwo zwischen Krabbelgruppe und Vorschulkindergarten. Diesen wunderbaren Begriff hab ich von meiner Freundin Annette gelernt, eine allein erziehende und ausgesprochen fitte Mutter dreier Kinder. Sie hat ihre Drei gut im Griff, mit einer souveränen Mischung aus liebevoller Festigkeit und toleranter Großzügigkeit, würde es aber niemals zulassen, dass ihr die Blagen auf der Nase rumtanzen. Rohan drehte Pirouetten, sprang Doppelaxel und dreifache Rittberger im Gesicht seiner Eltern, artistisch war es eine Pracht und Freude, wäre man dabei nur nicht wahnsinnig geworden. Trotz Ohrenstopfen konnte ich bis zur Landung um vier Uhr früh kein Auge zutun, hatte aber im Dämmerzustand zwischen mühsam beherrschtem Wutanfall und Halbschlaf wiederholt die wüstesten Fantasien. Dabei griff meine Hand, wie einem fremden Willen unterworfen, zwischen den Sitzen hindurch und erwürgte den rotznäsigen Schreihals in einem geeigneten Moment. Die empörten Aufschreie der unfähigen Eltern wurden von Hochrufen der Passagier und tosendem Beifall übertönt, wie er sonst nur nach einer knapp gelungenen Notlandung mit mindestens einem brennenden Triebwerk erklingt. Alternativ kniffen meine Finger den quakigen Kacker so fest ins zarte Jünglingsfleisch, dass er danach wenigstens einen echten Grund zum Heulen hatte.

Was ich davon tatsächlich ausgeführt habe, ob ich den Eltern die sachliche Bitte antrug, sie möchten den Sprössling doch bitte in seine Schranken weisen (Antwort des Vaters in gebrochenem Deutsch: Was soll’ wir machen, er ist doch eine Kinde!) oder sie kurz vorm Weinkrampf stammelnd angefleht habe; ob ich ihnen in wissend-drohendem Tonfall erklärte, dass der Filius ihnen garantiert die verbleibenden 15 Jahre bis zur Volljährigkeit zur häuslichen Hölle machen wird, wenn Sie es nicht schleunigst lernen ihm konsequent Grenzen zu setzen, oder defensiv aber erfolglos im vollbesetzten Flieger nach einem Ausweichsitzplatz suchte – all das soll hier offen bleiben. Sicher ist nur, dass ich nach den Hundeliebhabern nun auch sämtliche jungen Eltern, die Freunde zwangloser Erziehungsmethoden und überhaupt alle geduldigen, toleranten Menschen aus meiner Leserschaft streichen kann. Womit sich der Kreis schließt und die Macht des Wortes wieder einmal bewiesen ist. Seien Sie übrigens nicht überrascht, wenn Sie in etwa fünfundzwanzig Jahren lesen sollten, dass ein Rohan Schulze den Booker-, Pulitzer- oder gar Literaturnobelpreis gewonnen hat. Der Junge erkannte eben schon frühzeitig die Kraft gesprochener/gekreischter Worte, und ich war dabei um davon zu berichten. Und das soll dann auch für’s Erste reichen.

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