Autoerotik
Geschrieben von Johannis am 24. Oktober 2007 um 14:25 Uhr
Meine Bemühungen, hier in Ruhe und von Lesern unbehelligt meinen seelischen Müll abzuladen, werden ganz offensichtlich nicht ernst genommen, daher muss ich nun andere Töne anschlagen. Was geschehen ist? Erst bekam ich die mitfühlende Email einer jungen Mutter, die durchaus Verständnis für meine Kindstötungsfantasien aus dem Beitrag „Rohan“ zeigte. Dann hat ein Mensch unter dem als Gipfel der Selbstverleugnung gewählten Pseudonym „Kunstbanause“ mich freundlich darauf hingewiesen, dass es die türkische Ägäis wohl tatsächlich gibt, wie ich schon mutgemaßt hatte. Als hätte ich je um Kommentare oder das Auffüllen meiner Wissenslücken gebeten. Nebenbei lässt er oder sie subtil raushängen, dass Homer offenbar zu den Kumpels gehört, mit denen Kunstbanause normalerweise seine Abende beim Pils in der Eckkneipe verbringt. Da meine Aspirationen die potentielle Leserschaft gen Null zu drücken somit nachhaltig konterkariert wurden, muss ich nun zu anderen Mitteln greifen. Also jetzt Schluss mit lustig!
Kinderliebe und Hundefreundschaft habe ich ja bereits ins Lächerliche gezogen, deshalb soll jetzt die weltweit größte Zielgruppe ihr Fett wegkriegen, die Frauen. Neulich erwähnte ich hier eine sehr attraktive Iranerin, die in grober Missachtung ihrer Persönlichkeitsrechte nun auch noch bei ihrem richtigen Namen genannt werden soll. Maryam Fatima ist Englischlehrerin aus Isfahan (richtig geschrieben, Kunstbanause?), etwa Anfang dreißig, und begegnete mir kürzlich im Garten des schon ermüdend oft erwähnten Potala Guesthouse. Sie ist wirklich hübsch, langes dunkles Lockenhaar, Topfigur, gute Beine, perfekt gezupfte Augenbrauen in Form zweier schwarzer Möwenflügel, Augen wie glitzernde Kohlebrocken, rosig-volle Lippen, unauffälliges Makeup, betörender Jasminduft – ein wahre Augenfreude.
Sie lächelte mich über ihr Teeglas an, während ich am Nebentisch in einer Besprechung mit zwei Tibetern saß, und mein Lieblingsrezeptionist Rinzin bestürmte mich später, ich solle mich doch unbedingt an sie ranrobben, da wäre garantiert was zu machen. Er selber darf nicht, wegen feste Freundin und so. Weil sie später, bei meinem nächsten Meeting im Foyer, neben mir auf einem Sofa Platz nahm und ausgiebig ihre Papiere sortierte, allein unterwegs ist und bei der UN arbeitet, gab ich mir gegen alle übliche Zurückhaltung einen Ruck und schrieb ihr abends eine freundliche Nachricht, wer ich sei Pipapo, und ob wir nicht mal zusammen dinieren wollten Blablabla. Visitenkarte dran und ab in ihr Fach, gedankt sei’s den freundlichen Jungs vom Empfangstresen.
Exakt um Mitternacht schellte dann bei mir das Telefon, was ich, weil ausnahmsweise noch wach, nur mäßig übel nahm. Sie hätte gerade beim Nachhausekommen meine Nachricht Säusel Säusel und würde supergern morgen mit mir einen Happenpappen spachteln gehen, jetzt müsste sie aber huschhusch und ganz flink in die Heia. Da ich um diese unchristliche und auch bei Hindus und Buddhisten gänzlich unangemessene Zeit normalerweise weder unangemeldete Gäste empfange noch wildfremde Damen im Pyjama besuche, war es mir recht, ich erfreut bis leicht euphorisch und insgesamt nur ein klein wenig erstaunt. Schließlich bin ich ein recht charmanter, einigermaßen geistreicher und sogar halbwegs passabel aussehender Vertreter meiner Gattung.
Auf dem Weg zum Frühstück, das ich in Vermeidung morgendlicher Hassanfälle und Lebensmittelvergiftungen grundsätzlich nicht im dem Hotel angegliederten hundsmiserablen Restaurant Makro einnehme, roch ich schon im Treppenhaus den vertrauten Jasminduft, denn sie war in der selben Millisekunde aus dem Zimmer getreten wie ich und schwebte Göttinnengleich ins Foyer hinab. Diese verheißungsvolle Begegnung brachte mir einen langen, warmen Händedruck plus tiefen Blick in meine braunen Dackelaugen ein, nebst der eindringlichen Bekräftigung unserer abendlichen Verabredung.
Nun gehöre ich blöderweise nicht zu den Typen, die Sätze sagen können wie: „Du bist echt heiß und ich will dich ficken, kommste mit rauf zu mir?“ In der mir eigenen Zurückhaltung und ritterlichen Art erwartete ich den Abend, jedoch nicht ohne meinen seit Ewigkeiten unangetasteten Vorrat an Präservativen aufs Haltbarkeitsdatum zu überprüfen und kurz zu erwägen, die beiden Einzelbetten in meinem Zimmer vorübergehend zusammenzuschieben, um uns mehr Raum und Bequemlichkeit für das göttliche Spiel der Liebe zu gewähren, wenn es denn durch schicksalhafte Fügung dazu kommen sollte.
Um es vorwegzunehmen, es lief nix. Dabei hatte sie sich mächtig aufgebrezelt, mit engem schwarzen Rock, schicken Seidenstrümpfen, feiner Bluse und Stilettos, die ich hier auf der Straße keiner Frau empfehlen kann. Ich befand mich an der Grenze zum Underdressed-Sein, war aber rasiert, geduscht und guter Dinge. Wir betraten insgesamt drei Restaurants, das letzte gefiel ihr sogar, aßen dort fürstlich zu Abend, kauften danach in einer Nachtbäckerei ein Stück Schoko-Walnuss-Torte und einmal Lemon-Cheesecake und ließen uns danach Milchkaffee auf die Dachterrasse servieren, wo wir unterm Sternenzelt zwei weitere lauschige Stunden verbrachten.
Ich hab mich selten so gelangweilt, schon gar nicht mit einer schönen Frau. Die einzige Frage, die Maryam mir innerhalb von vier Stunden geselligem Beisammensein stellte, war: You are from Germany? Die zählt aber nicht als authentischer Ausdruck von Interesse an meiner Person, denn auf der an meine Nachricht rangetackerten Visitenkarte steht unter Postal Address auch Dortmund, Germany. Ansonsten plapperte sie selbstverliebt vor sich hin, erzählte unter vielem anderem die Story, wie man ihr in einem andern Hotel der Hauptstadt 1500 US$ in Cash geklaut hat und die vom erschreckend großen Gecko, vor dem der Zimmerjunge in Pokhara sie retten musste. Geckos sind übrigens gut fingerlange und absolut harmlose Reptilien aus der Gattung der Haftzeher (gell, Kunstbanause?), die mithilfe von Millionen feinster Härchen an ihren Extremitäten gemütlich Zimmerwand und Decke beschreiten und dort überzählige Motten und Moskitos vertilgen.
Bedingung für den bezahlten Einsatz als Freiwillige der Vereinten Nationen ist neben einer geeigneten Ausbildung die Fähigkeit irgendwo in der Pampa unter primitivsten Bedingungen zu leben und zu arbeiten. Das heißt auch mit landestypischem Viechzeug, von dem es hier selbst in der City reichlich gibt. Vorgestern wurden in einem Garten mitten im Stadtgebiet fünf Leute von einem wilden Leoparden angegriffen, no bullshit! Angeblich hat sie auch schon die Wahlen in Afghanistan und im Irak für die UN betreut, hier in Nepal wird es jetzt erstmal nichts mit Wählen und daher ist auch ihr Job futsch. Sie hat sich aber für einen Einsatz im Sudan beworben, und ich sehe sie dort schon mit den Stöckelschuhen im Matsch versinken, kurz bevor irgendwelche Warlords oder Kindersoldaten im Dauerdrogenrausch sie verspätet zwangsbeschneiden oder zumindest der Reihe nach rannehmen.
Das war jetzt wirklich nicht nett und absolut überflüssig, bloß weil sie weder mein Ego noch meinen Schwanz gestreichelt hat solche Gemeinheiten. Sehr schade, sowas! Andererseits muss die Frage erlaubt sein, ob es neuerdings ausreicht gut auszusehen? Blondinen sind nicht immer blöd, Filmstars und Models nicht immer zickig, aber eine gewisse Tendenz zum Verzicht auf Persönlichkeit und Grips – vorausgesetzt Konfektions- und Körbchengröße stimmen und die Haare liegen richtig – lässt sich unschwer ausmachen. Tough luck.
Rinzin fragte – typisch Mann eben – am nächsten Tag, ob denn was gelaufen sei. Ich berichtete ihm wahrheitsgemäß und auch von der Story mit dem geklauten Geld. Mal abgesehen davon, dass es für jemanden, der schon ein bisschen in der Welt herumgekommen ist, schon eine fette Blödheit ist, so viel Kohle nicht nur in bar mit sich rumzuschleppen, sondern auch noch auf dem Zimmer liegen zu lassen – Rinzin hatte sie vor einer Woche erzählt, es seien 1000 Dollar gewesen. Meine Theorie: Sie spinnt einfach, tut sich gern wichtig und rotiert als Zentralgestirn ihres höchsteigenen Universums einzig um ihren Bauchnabel. In den ich aber gern mal meine Zungenspitze gesteckt hätte, vorausgesetzt es sind keine T-Shirt-Flusen drin. Kennt ihr das auch, so ein fingerkuppengroßes zartes Fläumchen aus Baumwollabrieb, das sich in den Tiefen des Bauchnabels zu einem Mikrowattepad formt?
Also Schwamm drüber, zumindest haben wir uns die Rechnung im Restaurant geteilt. Nix Schlimmeres, als sich langweilen, löhnen müssen und dann nicht mal zum Drücker kommen. Typisch sexuell frustrierter Junggeselle habe ich heute meine Lieblingsjacke mit der Hand durchgewaschen, sämtliche Paar Schuhe geputzt, im Hotelzimmer Staub gewischt und dann nach ausgiebiger Maniküre diesen höchst nebensächlichen und wie immer viel zu langen Text geschrieben. Aber er wird schon seinen Zweck erfüllen und meine hartnäckige Restleserschaft um weitere, speziell weibliche Individuen reduzieren. Hoffe ich doch.
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