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Aufruf zum Aufruhr

Geschrieben von Johannis am 12. Juni 2013 um 09:35 Uhr

Die Welt ist ein Dorf. Ein verdammt großes und unübersichtliches Dorf, aber trotzdem. In der Mitte, zwischen Kirche, Hindu-Tempel, Synagoge, Moschee und buddhistischer Pagode, zwischen Banken, Börsen und Botschaften, neben dem Supermarkt und der Tankstelle, liegt der Dorfplatz. Sein Name wechselt. Mal ist heißt er Tahrir, dann Zuccotti Park, Plaça de Catalunya oder Puerta del Sol. Im Moment trägt der globale Dorfanger den Namen Taksim-Platz. Vorletztes Wochenende lag der Taksim-Platz in Frankfurt, aber auch in vielen türkischen Städten, und sogar hier in Dortmund protestierten junge Menschen kürzlich gegen die Dummheit und Arroganz der Mächtigen.

Martin Luther King wurde unter anderem bekannt durch seine Rede mit dem berühmten Zitat I have a dream. In wenigen Wochen, am 28. August, sind fünfzig Jahre vergangen, seit er diese Rede hielt. Der charismatische Baptistenpriester und mutige Menschenrechtler träumte damals auch davon, dass sich die amerikanische Nation erheben und für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einstehen möge. Zumindest teilweise wurde sein Traum wahr. Auch ich bin gelegentlich noch störrisch und unverzagt genug, um von einer besseren Welt zu träumen. Ich wünsche mir, dass jeder Ort in jedem Land bald seinen Taksim-Platz hat, wo die Leute friedlich zusammenkommen, um voller Begeisterung und Kreativität an einer neuen Ordnung für unsere Welt zu arbeiten. Ich träume davon, dass speziell die jungen Menschen überall auf diesem wunderschönen und geschundenen Planeten zusammenkommen und protestieren, damit ihre erschreckend vagen Chancen für eine lebenswerte Zukunft nicht vollends verspielt werden.

Martin Luther King wurde erschossen, genau wie Mahatma Gandhi und andere, die sich für das Gute und den Wandel einsetzten. Die negativen Kräfte scheinen unbesiegbar und sind, wie Dummheit und Gier, offenbar nicht auszurotten. Egal ob es um den Klimawandel, um Hunger und Armut auf diesem Planeten, oder um die ständig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geht – das Gute hat es schwer und echte Veränderung scheint fast unmöglich. Die 100 reichsten Menschen besitzen zusammen weit mehr als zwei Billionen Dollar. Das ist genug, um alle Hungernden der Welt mindestens fünf Jahre lang zu sättigen, obwohl fast eine Milliarde Erdenbürger chronisch unterernährt sind. Warren Buffett, derzeit Nummer vier auf der Rangliste, spricht vom Klassenkampf der Reichen gehen die Armen: „Es ist nicht nur so, dass meine Klasse bei diesem Kampf dauernd gewinnt. Ich meine sogar, dass wir die Armen umbringen.“

Sein Sohn Howard Buffett sympathisiert offen mit der Occupy-Bewegung, deren deutscher Arm kürzlich mal wieder die volle Härte der Staatsgewalt zu spüren bekam. Bis zu 9 Stunden wurden friedliche Demonstranten in Frankfurt eingekesselt, nachdem man ihren genehmigten Protestmarsch brutal gestoppt hatte. Egal ob Ministerpräsident Erdoğan in Istanbul oder Polizeipräsident Achim Thiel in Frankfurt – sie sind beide Teil eines menschenverachtenden Systems der Herrschaft, das vor allem Profitinteressen verfolgt und bestehende Machtstrukturen um jeden Preis erhalten will. Solange man mit Umweltzerstörung Geld verdienen kann, wird eben weiter gebaut, gerodet, geplündert und vergiftet. Auch wenn der letzte Park Istanbuls dabei draufgeht, für eine weitere Shopping-Mall, obwohl die Stadt bereits über 80 große Einkaufszentren hat. Kleine Minderheiten machen fette Gewinne, der große Rest der Weltgemeinschaft zahlt die Zeche, heute oder in naher Zukunft. Es geht scheinbar immer so weiter wie bisher, unbeirrbar ins Verderben.

Aber der Schein mag trügen. In vielen Ländern gärt es, die Menschen sind unzufrieden und werden laut. Erst kam der arabische Frühling, auch wenn zwei Jahre später von Frühlingsgefühlen in Tunis und Kairo nichts mehr zu spüren ist. Dann die Proteste in New York, Griechenland, Spanien und anderswo. Im Februar gingen die Bulgaren bei klirrendem Frost auf die Straßen, in gerechter Wut entflammt, weil viele sich wegen deftiger Strompreiserhöhungen das Heizen nicht mehr leisten konnten. Statt drinnen allein zu sitzen, froren sie lieber gemeinsam draußen und schürten so das Feuer der Hoffnung. Jetzt haben die Türken genug, wollen sich nicht länger von einem religiös-konservativen Patriarchen bevormunden und für dumm verkaufen lassen. Und wieder vollzieht sich jenes Wunder, das wir bereits von Tahrir-Platz, Zuccotti Park, Puerta del Sol und der Plaça de Catalunyas kennen. Die angeblich asozialen Störenfriede und Randalierer organisieren ihr Zusammenleben friedlich und mit herzerwärmenden Kreativität. Sie sorgen liebevoll füreinander und ihre unmittelbare Umwelt, leisten gewaltfreien Widerstand im Sinne Mahatma Gandhis und lassen sich auch dann nicht entmutigen, wenn die Knüppelgarden mit Tränengas und Pfefferspray über sie herfallen.

Der türkische Talkmaster Beyazıt Öztürk rief seine Zuschauer neulich in einer Live-Übertragung auf, sich an den Demonstrationen gegen Erdoğan zu beteiligen, und verließ dann die laufende Show in Richtung Taksim-Platz. Die Fußballfans von Besiktas Istanbul waren seit Beginn der Proteste jede Nacht auf den Straßen, aber als am Montag vergangener Woche weit und breit keine Wasserwerfer und uniformierte Schlägertrupps zu sehen waren, riefen sie selbst per Notruf die Polizei. Arm in Arm, Seite an Seite, sind sie mit den Fans von Fenerbahçe und Galatasaray zu sehen, obwohl zwischen den Lagern traditionell eine erbitterte Feindschaft herrscht. Gegensätze verschwinden und Klüfte werden überbrückt, denn die Menschen eint der Wunsch nach Gerechtigkeit und Fairness. Sie wollen eine lebenswerte Zukunft, wie sie eine Gruppe Prominenter vor wenigen Tagen auch hier in Deutschland gefordert hat. Sie veröffentlichten das Generationen-Manifest und rufen nun zu wöchentlichen Montagsdemos vorm Berliner Kanzleramt auf, meiner Ansicht nach eine sinnvolle Idee.

Shiva ist einer der drei wichtigsten Götter im Hinduismus. Sein Name bedeutet „Der Glückverheißende“ und Shiva steht für den Neubeginn und das Prinzip der kreativen Zerstörung. Um ein neues Haus anstelle eines alten zu erreichten, muss der Altbau abgerissen werden. Manchmal kann man Fundamente und Teile des Baumaterials erneut verwenden, aber oftmals muss das Alte komplett weichen, um einer neuen Struktur Platz zu machen. Ich persönlich glaube nicht daran, dass sich das weltweit vorherrschende System reformieren lässt, denn es basiert auf Gier, ungehemmter Bereicherung, Eigennutz und Unterdrückung der Schwachen. An seine Stelle muss etwas komplett Neues treten, geboren aus Not und der Erkenntnis, dass wir schon viel zu lange immer dieselben Fehler machen. Die Dorfplätze dieser Welt können Brutkästen sein, in denen diese neue und humane Ordnung heranreift. Egal, ob Taksim, Tahrir, Zuccotti Park, Puerta del Sol, Plaça de Catalunyas oder irgendein namenloser Platz in einer scheinbar unwichtigen Stadt – dort wird die Saat gelegt, aus der ein neues und gerechtes System entstehen kann, in dem Menschlichkeit der zentrale Wert ist.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, doch leider stirbt auch sie oft. Aber vielfach ist sie alles, was wir haben. Hoffnung auf Wandel, auf ein Wunder. Ohne Hoffnung und den Glauben, dass sich die Dinge zum Besseren ändern können, sind wir wie Schlachtvieh, vegetieren nur dumpf vor uns hin, dem sicheren Tod entgegen. Mit Hoffnung können wir über uns selbst hinauswachsen, können Schranken überschreiten und Wunder vollbringen. Kleine Wunder, die aber zusammen einen Umsturz bewirken und den Neubeginn einläuten. Twitter, Facebook und andere Netzwerke werden zunehmend zu Werkzeugen der Veränderung, verbinden Menschen, die mutig aufbegehren und sich für den notwendigen Wandel einsetzen. Nicht zuletzt deshalb schmäht Erdoğan die Twitter-User als asoziale Unruhestifter und Volksfeinde, und würde sie am liebsten alle verhaften lassen. Für kommendes Wochenende hat er seine Anhänger zu Gegendemos aufgerufen und man kann nur hoffen, dass es nicht zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt.

Am Sonntag fand ich den Augenzeugenbericht des bekannten Autors und Dramatikers Moritz Rinke, der unter der Überschrift Für Eylem in der ZEIT erschien. Rinke geriet beim Kauf eines Anzugs für seine eigene Hochzeit zufällig in die Proteste am Taksim-Platz. Von Freitag, 31.05., bis zum folgenden Dienstag durchlitt er den Aufruhr zusammen mit türkischen Freunden und schrieb darüber. Ich las seine emotionalen Schilderungen mit einem dicken Kloß im Hals und fühlte mich nach Kathmandu versetzt, wo ich vor sieben Jahren den Volksaufstand der Nepalesen hautnah miterlebte. Rinkes türkische Verlobte war in Berlin, während sich in Istanbul der Volkszorn zeigte, fieberte mit und schrieb ihm per SMS “Wenn du mich heiraten willst, musst du die Revolution mitmachen!”. Ihr Name Eylem bedeutet im Türkischen Handlung, Tat, Aktion. In diesem Sinne soll „Für Eylem!“ als Aufruf über all die Dorfplätze der globalisierten Welt schallen, auf dass wir uns erheben und endlich den Beginn eines neuen Zeitalters der Vernunft und Gerechtigkeit einläuten.

PS: Dieser Beitrag war schon fertig geschrieben und für Mittwoch eingeplant, als gestern über die gewaltsame Räumung des Taksim-Platzes berichtet wurde. Erdoğan setzt also weiterhin auf Härte und Konfrontation, obwohl er am Montag Gespräche mit den Protestlern angekündigt hatte. Dazu fällt mir wieder Gandhi ein: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten“. Ob die Gespräche mit den Besetzern des Gezi-Parks nun tatsächlich heute stattfinden und wie viel dabei herauskommt, ist mehr als fraglich. Nach neuesten Berichten sind bisher mindestens vier Demonstranten getötet und weit über 2000 zum Teil schwer verletzt worden. Auf der uniformierten Gegenseite haben nach Angaben der Polizeigewerkschaft bereits sechs Polizisten Suizid begangen, weil sie den brutalen Druck und die unmenschlichen Einsatzbedingungen nicht ertragen konnten. Nach den Ereignissen der letzten Tage ist zu erwarten, dass die Unruhen in der Türkei sich eher verstärken als abebben werden.

PPS: Hab heute früh im Radio gehört, dass am Taksim-Platz letzte Nacht eine Demonstration mit mehreren Zehntausend Menschen brutal aufgelöst wurde und die Polizei auch das Zeltlager im Gezi-Park, anders als versprochen, zerstört hat. Erdoğan zeigt sein wahres Gesicht, eine hässliche Fratze, die stark an die von Mubarak erinnert. Er hält sich für unfehlbar und vergisst offenbar, dass nur ein Drittel der Türken seine AKP gewählt haben. Wegen des speziellen Wahlrechts mit einer 10%-Hürde regiert er das Land, obwohl zwei Drittel ihn nicht wollen. Bin gespannt, wie lange es dauert, bis die Capulcu ihn aus dem Parlament von Ankara vertreiben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wahlkampf in Gummistiefeln

Geschrieben von Johannis am 6. Juni 2013 um 09:07 Uhr

Geschichte wiederholt sich, aber der Mensch lernt nicht. Oder nur selten. Oder gaaanz langsam. Ex-Kanzler Schröder, heute dicker Freund von Putin und dick bezahlt bei Gazprom (Slogan: Energie verbindet Menschen), stapfte vor elf Jahren durch die erste Jahrhundertflut dieses Jahrhunderts, stand auf durchweichten Deichen und sprach freiwilligen Helfern Mut zu. Sechs Wochen später gewann Rotgrün knapp die Bundestagswahl. Nun ist wieder Jahrhundertflut und alles wiederholt sich. Nicht nur herzergreifende Szenen rund um abgesoffene Häuser, deren weinende Bewohner und den verzweifelten Kampf mit hastig gefüllten Sandsäcken gegen kackbraune Fluten, sondern auch das verlogene Mitleidsgeschwafel der Politiker.

Ob geflutete Altstädte, mürbe Deiche oder überschwemmte Dörfer – überall tauchen die Wahlkämpfer auf. Landesväter und -mütter, Bundesminister und sogar die Kanzlerin kriechen wie Ratten aus gefluteten Löchern, schütteln nasse Hände und sorgenvoll die Köpfe, klopfen Schultern und schauen entschlossen in allgegenwärtige Kameras. Kostenlose Wahlwerbung auf allen Kanälen und ich bin sicher, dass viele der Schwarzgelben schon geflucht haben, weil die diesjährige Jahrhundertflut zu früh kam. Dreieinhalb Monate bis zur Bundestagswahl – das ist verdammt lang, gemessen am medial überfluteten Kurzzeitgedächtnis des politikmüden Volkes. Man kann nur hoffen, dass der Pöbel sich Ende September noch erinnert, wie Mutti Merkel Anfang Juni durch den Matsch stapfte. Oder hoffen, dass sie es bis dahin vergessen haben, je nach politischer Präferenz.

Unser Bundesinnenheini war einer der ersten Gummistiefelträger an Donau, Elbe, Mulde oder Weißer Elster, salbungsvoll lächelnd und leere Versprechungen ansondernd. “Die Bevölkerung kann sich darauf verlassen, dass wir alles tun, ihr die Schäden zu erleichtern”, sagt Friedrich in Chemnitz. Wohlweislich erleichtern, nicht etwa ersetzen. Der aalglatte und selbstverliebte Kotzbrocken erinnert mich immer an Julius Cäsar, von dem ich als Schüler eine kleine Gipsbüste auf dem Schreibtisch stehen hatte. Sollte mich wohl zum Büffeln von Lateinvokabeln animieren, klappte aber nicht. Das Gute an der Ministatue war, dass sie im Gegensatz zu Hans-Peter Friedrich immer die Fresse hielt. Der arrogante Innenfutzi reißt seine ja leider bei jeder passenden und gern auch bei unpassenden Gelegenheiten auf, und meist kommt Fremdschämstoff raus.

Apropos Wahlkampf. SPD-Bashing ist offenbar der neue Volkssport und wird vor allem von Journalisten mit großer Begeisterung betrieben. Tja, wenn die Medien sich erstmal auf ein Opfer eingeschossen haben, dann wird draufgehalten, bis nichts und niemand mehr zuckt. Unser glücklos-ungeschickter Expräsi mit der tätowierten Blondine und dem langweiligen Einfamilienhaus kann ein trauriges Lied davon singen, und auch bei Peer Steinbrück ist es längst egal, was er sagt. Oder ob er überhaupt was sagt. Alles Scheiße, alles Schrott, so lautet der Tenor, der Mann ist politisch gestorben und außerdem der Totengräber jener Partei, die kürzlich ihr 150-jähriges Jubiläum feierte. Steinbrück kann vielleicht Kanzler, aber er wird es nicht, das ist sicher. Zumindest für die meisten Journalisten, und sie werkeln emsig an der Erfüllung ihrer Prophezeiung. Falls es für Angies Gurkentruppe tatsächlich noch eng werden sollte, dann liegt es an der neuen AfD. Dieser Haufen von Wirrköpfen ist zwar genauso wenig eine Alternative für Deutschland, wie Ursula von der Leyen Germany’s next Topmodel wird. Aber ein paar Prozent vorwiegend konservative Wählerstimmen, die Mutti&Co bei der Auszählung fehlen werden, könnten die von Beginn an schwächelnde schwarzgelbe Koalition noch ernsthaft in Bedrängnis bringen. Hoffentlich.

Interessant fand ich übrigens die Sache mit Sigmar Gabriel. Vor ein paar Wochen forderte der SPD-Parteivorsitzende angeblich ein Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen. Aufschrei allerorten! Pfui, buh, man will uns entmündigen und zum Schleichen zwingen!! Hektisch und mühsam ruderte Gabriel zurück, aber die Scheiße war bereits in den Ventilator geknallt. Warum hassen viele Medienfuzzies eigentlich den durchaus sympathischen Herrn Gabriel? Weil er Grips hat, eloquent ist und für die ZEIT schon manch guten Artikel schrieb? Weil er sich manchmal mehr als jene homöopathische Dosis von Aufrichtigkeit erlaubt, die Spitzenpolitikern von ihren Beratern und Spin Doctors zugestanden wird? Weil er mit einer 17 Jahren jüngeren und hübschen blonden Zahnärztin verheiratet ist? Oder weil Sigi moppelig ist, weshalb der von mir durchaus geschätzte Oliver Welke in fast jeder Ausgabe der heute-show dümmliche Witze über Sigis Körpergewicht und Essgewohnheiten macht? Wahrscheinlich vor allem, weil unsere Kultur der Entwertung – in der viele Leute massive Probleme mit Anerkennung haben, egal ob es ums Geben oder Annehmen geht, sich aber mit Begeisterung an jedem Shitstorm beteiligen und stundenlang dümmliche Sendungen glotzen, in denen Leute verscheißert werden oder sich selbst zu Deppen machen – ständig neue Feindbilder und potenzielle Loser braucht.

Zur Klarstellung: Gabriel hat nie ein Tempolimit verlangt. In einem Interview der Rheinischen Post stellte man ihm die Frage, was er vom Wahlprogramm der Grünen hielte, weil darin die Einführung von Tempo 120 gefordert wird. Und, wie jeder Zeitgenosse mit etwas gesundem Menschenverstand, antwortete er den Journalisten, ein Tempolimit sei durchaus sinnvoll. Zwar weniger aus Klimaschutzaspekten, aber es gäbe weniger schwere Unfälle und Todesfälle. Und außerdem mache es der Rest der Welt ja längst so, nur Deutschland hätte kein Tempolimit. Sofort schäumte eine Welle der Empörung durch das Land, in dem freie Fahrt für freie Bürger das höchste Menschenrecht ist. Und die Umfragewerte der SPD gingen weiter in den feuchten Keller, ganz ohne Zutun von Peer Steinbrück. Bloß weil ein Mann ehrlich seine Meinung gesagt hat, statt wahltaktisch zu lügen. Gabriel forderte nie ein Tempolimit, aber alle berichteten nahezu gleichlautend darüber. Und weil die Reflexe des Volkes prima funktionieren, wird dieses Land wohl mindestens noch vier weitere und leidvolle Jahre von jenen Pappnasen regiert, die derzeit betroffenheitsduselig und publicitygeil durch die Hochwassergebiete streunen.

Fast 2000 Bundeswehrsoldaten arbeiten dort derzeit als Katastrophenschützer. Bin gespannt, ob ihr Chef, der dusselige Drohnenkönig, sich auch noch vor Kameras auf Deichen blicken lässt. 40 Leute haben seit zwei Wochen hektisch an der Geschichte gefeilt, die Thomas de Maizière nun der Öffentlichkeit auftischt. Ist wohl besser, wenn er in Berlin bleibt, bevor ihm in der Flut die letzten Felle davonschwimmen. Übrigens hörte ich vorgestern erstmals das Wort Jahrtausendflut im Radio. Bin gespannt, wie man das noch toppen will, wenn in ein paar Jahren neue Rekordhochwasserstände erreicht werden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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No future? No problem!

Geschrieben von Johannis am 16. Mai 2013 um 09:29 Uhr

Ich glaube nicht an Gott, würde aber gern. Theoretisch. Praktisch würde ich noch lieber wissen, hätte also gern unwiderlegbare Beweise für die Existenz einer höheren Macht, die dann aber bitte auch gerecht, allmächtig, weise und liebevoll sein soll. So eine Art Übermuttervater, eine Mischung aus allwissendem Guru und der liebsten Oma der Welt, verständnisvoll und verzeihend, geduldig und gutmütig, witzig, weise und warmherzig – eine Gottheit, die immer für uns da ist. Für alle und jeden, spürbar präsent, ohne den geringsten Zweifel. Und diese allgegenwärtige liebende Gottgöttin begleitet dann jeden Erdenbürger von Geburt bis zum Tode auf ihrem oder seinem Weg und hilft uns unermüdlich, damit wir immerfort lernen, wahrhaftig lieben, verstehen, verzeihen und bessere Menschen werden.

Schöne Vision, findest du? Danke. Ob ich auf Droge bin? Nein. Wieso ich dann meine oftmals sarkastische und manchmal sogar gotteslästerliche Wochenlieferung diesmal in solch ungewohnter Tonlage beginne? Auslöser waren Atommüll und das Wort zum Sonntag, unter anderem. Zuerst der ARTE-Themenabend vom 23. April mit zwei Dokus über diverse strahlende Zeitbomben im Meer. Keine Ahnung, wie es euch geht – aber ich hatte nicht vergessen, dass bis vor 20 Jahren ungezählte Fässer mit Atommüll ins Meer geschmissen wurden. Und zwar nicht am anderen Ende der Welt, sondern direkt vor unserer Haustür, beispielsweise in der Nordsee und im Ärmelkanal. Auch an die versehentlich abgesoffenen oder absichtlich versenkten russischen Atom-U-Boote kann ich mich noch erinnern, die samt Atombomben auf dem Grund der arktischen See vor sich hin rosten.

Rund 100.000 Tonnen radioaktiver Abfälle liegen im Schlick vor Europa und niemand weiß tatsächlich, was genau versenkt wurde. Oder wo genau, denn oft gingen die Fässer bei voller Fahrt über Bord, zur Abschreckung gern auch direkt auf Schlauchboote protestierender Greenpeace-Aktivisten. Außerdem entsorgte die russische Nordmeerflotte ihre Nuklearabfälle im flachen Wasser des Eismeers, nicht weit von Norwegens Küste. Tausende Metallkisten voller radioaktiver Abfälle, ganze Kernreaktoren, manche noch mit abgebrannten Brennelementen bestückt, und mindestens drei für den Atomkrieg bewaffnete und dummerweise versunkene U-Boote liegen dort als tickende Zeitbomben. Obwohl – ticken tut nur der Geigerzähler, wenn man ihn in die Fluten taucht. Und der Mensch, allerdings tickt der nicht richtig, denn sonst wäre er wohl niemals auf die Idee gekommen, notdürftig gegen Rostfraß geschütztes Uran und Plutonium im Meer zu entsorgen.

Das Wort entsorgen ist mehr als irreführend, denn langfristig gesehen besorgen wir es uns selbst auf eine Art und Weise, die ich nur mit Kraftausdrücken benennen kann. Sorry. Wir sind in den Arsch gefickt, und zwar ganz übel. Jahrzehntelang wurde die Gefahr verdrängt und verharmlost, aber nun werden sogar die Russen unruhig. Geheimen Regierungsdokumenten zufolge müssen zwei der drei Atom-U-Boote bis spätestens 2014 gehoben werden, sonst steht eine Umweltkatastrophe bevor. Eine russische Bergungsfirma hatte die Hebung schon vor etlichen Jahren angeboten, aber die Offiziellen winkten ab. Zu kompliziert, zu teuer, nicht nötig. Falls denn nun sofort der überfällige Sinneswandel, genügend Geld und ein Auftrag kämen, bräuchten die Experten allerdings mindestens bis Ende 2016, um alle Vorbereitungen zu erledigen. Der technische Aufwand ist enorm, die Aktion riskant, also wartet man weiter ab. Warten auf Godot, auf Gottes Hilfe, auf ein Wunder oder den vorzeitigen Weltuntergang? Wie blöd und verantwortungslos kann die Menschheit denn sein? Offenkundig viel blöder und fahrlässiger, als ich es mir in meinen finstersten Fantasien ausmale.

Plutonium verursacht Krebs und ist sehr giftig, etwa 25 Milligramm sind für einen Erwachsenen tödlich. Uran sollte man ebenfalls nicht zum Frühstück essen, und auch der Verzehr von Fischen, die radioaktiv verseuchtes Plankton oder verstrahlte Meerestiere gefressen haben, ist wenig ratsam. Aus Sellafield und La Hague fließen seit Jahrzehnten radioaktive Abwässer in die See, aus Fukushima kommen auch nur schlechte Nachrichten, und wenn dann sogar die zwischen 1946 und 1992 versenkten Fässer oder U-Boote durchrosten, beginnen wahrhaft strahlende Zeiten. (Mehr verstörenden Infos finden sich bei Greenpeace. ARTE kann sich offenbar kaum Serverkapazitäten leisten und löscht leider alle Filme nach sieben Tagen aus der Mediathek. Drum hier die youtube-Links zu den schrecklich guten Dokus Versenkt und Vergessen und Atomfriedhof Arktis.)

Ob ich euch heute eigentlich nur Angst und schlechte Laune machen will? Nein, daher auch kein Satz über den Klimawandel oder andere globale Probleme. Was mit dem Wort zum Sonntag ist, wo der inhaltliche Bezug bleibt? Danke für den Hinweis, kommt sofort! Am vierten Mai schaltete ich etwas verfrüht das Erste ein und hörte daher die letzten Sätze der evangelischen Pastorin Nora Steen. Sie war live auf dem Kirchentag in Hamburg und beendete ihre Kurzpredigt mit den Worten „Wir müssen uns um unsere Zukunft überhaupt keine Gedanken machen.“ Jawoll Blondie, dachte ich, genau so isses! Und erinnerte mich sofort an einen aktuellen Bericht aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan, wo bettelarme Menschen (nix zu fressen, kein sauberes Trinkwasser, kein Geld, kaum Ackerland, keine Arbeit, keine Bildung, keine Chancen und fanatische Taliban überall) vor laufender Kamera ihre Überzeugung kundtaten, dass der Islam alsbald all ihre Probleme beseitigen werde. Mohammed und Allah – das unschlagbare Doppelpack, zwei wie Pech und Schwefel.

Nochmals, ich hätte nichts gegen einen Beweis für die Existenz Gottes. Ich verstehe aber den unverbrüchlichen Glauben all jener nicht, die sich diesbezüglich nur auf Gerüchte und Hörensagen stützen können. Was macht Menschen, denen die Scheiße bis zum Hals steht, bloß so sicher, dass Priester, Mullahs oder andere Religionsvertriebsbeauftragte ihnen bei der Lösung existenzieller Probleme helfen werden? Merken die wirklich nicht, wie sie verscheißert und benutzt werden? Ich will Nora Steen keine böse Absicht unterstellen (das ganze Wort zum Sonntag könnt ihr hier nachlesen), sie hat es sicherlich gut gemeint. Aber müsste man den Leuten nicht viel mehr sagen, dass jeder sich dringend Gedanken um unsere gemeinsame Zukunft machen sollte? Und dass Nachdenken allein nicht ausreichen wird, sondern wir unbedingt auch handeln müssen? Entschlossen und energisch, dass wir einen radikalen (im Sinne von an die Wurzel des Übels gehenden) Kurswechsel brauchen, weil die Zeit für sanfte Korrekturen vorbei ist. Das käme der Botschaft eines guten Hirten nahe, denn der muss seine Schafe warnen und schützen, wenn hungrige Wölfe durch die Nacht schleichen. Oder wenn abgesoffene Atom-U-Boote durchrosten und bald unsere Weltmeere nuklear verseuchen.

Lieber Göttin, falls du dies zufällig liest und trotz des Eurovision Song Contest nicht zu beschäftigt bist, dann gib mir bitte ein Zeichen. Eines, dass selbst ein hartgesottener Zweifler und gottloser Spötter nicht ignorieren oder missverstehen kann. Verzeih mir meine Überheblichkeit und das jahrzehntelange Zögern, und betrachte mich fortan als dein williges Werkzeug. Mach es ruhig so wie damals mit Jona, den du nach Ninive schicktest, um der Stadt und ihren verkommenen Bewohnern dein Strafgericht anzudrohen. Ich werde, falls du dich unzweifelhaft offenbarst und mir einen klaren Auftrag erteilst, den Job dankbar annehmen und das Beste draus machen. Willig, uneigennützig und zum Wohle der Menschheit. Viel Hoffnung hab ich zwar nicht, aber so wie es bisher läuft, kann es bei uns ja wirklich nicht weitergehen. In diesem Sinne – ich warte auf den göttlichen Fingerzeig.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Skandalspirale

Geschrieben von Johannis am 9. Mai 2013 um 09:05 Uhr

Porno ist das neue geil. Wahnsinn ist auch geil, echt klasse sagte man früher, und Wahnsinn ist normal. Stinknormal, nicht nur im Sprachgebrauch. Normal ist auch ESS, das von mir so benannte Entrüstungsstresssyndom, auch als SSSS bekannt. Skandalspiraler Schwankschwindel. Ursache sind mit steigender Frequenz und zunehmender Abscheulichkeit in steter Folge auf den Menschen einprasselnde Enthüllungsberichte über Skandale und Widerlichkeiten aller Art. ESS-Kranke reagieren individuell sehr unterschiedlich – das kann von Komasaufen und anderem Drogenmissbrauch über spontan gebuchte Last-Minute-All-Inclusive-Pauschalreisen bis zum Sprung vom nächsten Hochhausdach reichen. Manche reden plötzlich mit dem Kühlschrank, andere werden frühdement (oft schon im Teenageralter) oder halten mit MDSS dagegen, dem Mirdochscheißegal-Syndom.

Betrachten wir drei Ereignisse der vergangenen Tage. A) In Bangladesh stürzt ein offenbar illegal um zusätzliche Etagen aufgestocktes Fabrikgebäude ein und begräbt dabei etwa dreitausend Näherinnen. Für viele Frauen kommt jede Hilfe zu spät, inzwischen wurden über 900 Leichen aus dem Schutt geborgen. B) In Kentucky erschießt ein Fünfjähriger seine zwei Jahre alte Schwester mit einem speziell für Kinder produzierten Kleinkalibergewehr, das er zusammen mit scharfer Munition zum Geburtstag geschenkt bekam. C) 79 bayerische Landtagsabgeordnete beschäftigen diverse Familienangehörige auf Kosten der Steuerzahler, obwohl das eigentlich seit 2000 verboten ist. Doch die Politiker verlängerten eine entsprechende Ausnahmeregelung Jahr für Jahr zu eigenen Gunsten. (Sie litten unter BZGS, dem bekannten BockzumGärtner-Syndrom. Oder waren akut verwirrt. Nein, liebe Parlamentarier, die Forderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist anders gemeint.)

In jungen Jahren arbeitet ich auf einem Bauernhof. Zu den vielen Unwägbarkeiten des Landwirtslebens gehörten damals neben Milchsee und Butterberg auch die Schweinefleischspirale (ist kein natürliches Verhütungsmittel und soll bitte nicht mit der Bratwurstschnecke verwechselt werden). Bei der Schweinefleischspirale handelte es sich um Preisschwankungen, die sich im Laufe der Jahre immergleich wiederholten. War der Preis für Schweinefleisch im Keller, machten die Bauern Verluste und mästeten folglich weniger Ferkel. Wurde Schweinemast dann durch Angebotsverknappung wieder profitabel, stopften sie die Ställe bis zum Anschlag voll, weshalb die Preise wieder fielen, sobald das ausgewachsene Schlachtvieh unters Messer kam. Ein ewiges Auf und Ab. Vorbei, denn mittlerweile ist Schweinefleisch so spottbillig, dass nur noch industrielle Großmäster rentabel produzieren können. Seit meiner Jugend gingen rund eine Million bäuerliche Kleinbetriebe pleite und die Verbraucher haben sich längst an billiges Drecksfleisch gewöhnt.

Auch gewöhnt haben wir uns an Billigklamotten von KiK, Mango, H&M, C&A und all den anderen Volksverkleidern. Und wir wissen, dass die textilen Schnäppchen meist unter menschenunwürdigen Bedingungen in Bangladesh, Vietnam oder anderen Billiglohnländern hergestellt werden. Umgerechnet 35 Euro als Monatslohn für einen 12-Stunden-Tag an der Nähmaschine sind normal in Bangladesh. Das reicht selbst dort nicht zum Leben, ist aber zum unfallfreien Sterben zu viel. „Wahnsinn, megabillig, wie geil ist das denn?“ jubeln hier die Konsumenten und greifen zu. Derweil brennen dort regelmäßig Sweatshops ab, in denen Näherinnen wie Sklaven unter Verhältnissen schuften, die wir sogar unseren Legehennen nicht mehr zumuten mögen. Tja, sagt der KiK-Kunde, aber was soll man machen? Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne kosten Geld. KiK&Co wollen jedoch möglichst wenig zahlen, um fette Profite zu machen, so sind die Gesetze der Marktwirtschaft. Und der Kunde will Schnäppchen für proppevolle Kleiderschränke (um dann davorzustehen und „Ich hab nix anzuziehen!“ zu jammern). Gekauft wird der Plunder also eh, da kann manfrau genauso gut selbst zugreifen. Bevor es ein Anderer tut oder die Preise steigen.

Das Drama des kleinen Buben, der seine Schwester erschoss, ist übrigens kein Einzelfall. Allein im April wurden in den USA mindestens vier Menschen von Kindern erschossen, die jüngsten Schützen waren Vierjährige. Und mehrfach waren Waffen im tödlichen Spiel, die speziell für Kinder produziert werden. Ja, die Amis sind durchgeknallt, das ist nicht neu. Ebenfalls nicht neu ist, dass Politiker oftmals korrupt sind und zu Selbstbedienung neigen. Landtagspräsidentin Barbara Stamm, die letztendlich für die löbliche Veröffentlichung der Liste mit 79 parlamentarischen Selbstbedienern sorgte, sagte am Freitag „nun sei alles auf dem Tisch und man könne wieder um Vertrauen werben“. Das ist selbstredend Blödsinn. Wir vertrauen Politikern nicht mehr, ebenso wenig den Herstellern von Lebensmitteln oder modischen Klamotten. Wir vergessen aber schnell, und die Flut neuer Skandale wäscht alles weg, was beim letzten Hochwasser am Strand unseres Bewusstsein liegen blieb. Darauf hoffen Mistkerle weltweit, und sie wurden bisher kaum enttäuscht.

Psychologen und spirituellen Menschen mit Drang zu Selbsterkenntnis ist ein Phänomen vertraut, demzufolge uns das Leben immer wieder mit demselben Thema konfrontiert, solange wir es nicht bearbeitet und gelöst haben. Manfrau kann das auch als karmischen Mechanismus bezeichnen und ich bin – trotz begründeter Zweifel, ob der Homo sapiens tatsächlich vernunftbegabt ist – froh, dass die Menschheit immer noch neue Denkanstöße und Chancen für längst überfälliges Bewusstseinswachstum bekommt. A) Kaum hat sich die Entrüstung über Brände in Textilfabriken gelegt, da stürzt solch ein Kasten ein und statt hundert sind plötzlich tausend Tote zu beklagen. B) Zwei Wochen, nachdem der von verblödeten Republikanern dominierte US-Kongress die Verschärfung des Waffengesetzes verhinderte, erschießt ein Kind die kleine Schwester. C) Wenige Tage nach Bekanntwerden der Causa Hoeness werden 79 bayerische Landtagsabgeordnete der Korruption überführt. Unmittelbares Karma – das Leben spricht zu uns in deutlicher Sprache und fordert den Wandel nachdrücklich ein.

Was muss noch geschehen, bevor die Leute aufwachen und endlich ein Ende des Wahnsinns fordern? Müssen erst Handgranaten für Kleinkinder auf dem Markt kommen, bevor die Amis ihr Waffenrecht ändern und kapieren, dass 300 Millionen Waffen in Privatbesitz keine Sicherheit schaffen? Auch deutsche Sportschützen gieren bereits nach Sturmgewehren und werden von der Waffenindustrie nur zu gern beliefert. Wann verkaufen Baumärkte endlich handliche Tretminen für Hobbygärtner und Bausätze für kleine Nuklearsprengköpfe? Muss das Wort Sisterkiller erst so geläufig werden, wie es Motherfucker längst ist, bevor die Gesetze der freien Marktwirtschaft neu geschrieben werden? Freiheit ist ein hohes Gut, aber zuviel Freiheit schadet offenkundig. Wir brauchen vernünftige Regeln, Beschränkungen und Grenzen, denn Grenzen geben Sicherheit. Die Firma Keystone verkauft pro Jahr etwa 60.000 Gewehre der Marke Crickett an Kinder, gern in pink, orange und blau. Den entsprechenden Bereich der Website schaltete Keystone neulich ab und hat ihn seither optisch entschärft. Wahrscheinlich wartet man erst mal ab, wohlwissend, wie vergesslich die Menschen sind.

Die Schnecke gilt in vielen Kulturen als Symbol der Erneuerung. Neuseelands Ureinwohner verehren den Baumfarn und besonders seine schneckenförmigen neuen Triebe. Unser Innenohr weist auch eine Spirale auf, durch die Signale aus der Außenwelt in unser Inneres dringen. Wir vernehmen Töne, das Wort Vernunft kommt vom Verb vernehmen. Manfrau kann nur hoffen, dass wir die skandalösen Botschaften verstehen und bald zu Vernunft kommen. Übrigens, ich hab ein neues T-Shirt, mit Textilfarbe und Pinsel selbstbemalt. Bin am Samstag extra zu KiK gefahren, damit das Produkt absolut authentisch ist. Wie gefällt es euch?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ziehvielkurarsche

Geschrieben von Johannis am 25. April 2013 um 09:10 Uhr

Trefft ihr auch ständig fiese Kotzbrocken und waschechte Sackgesichter im Supermarkt? Leute, bei denen man sich fragt, ob Euthanasie – wie sie unter Adolf praktiziert wurde – wirklich komplett verdammungswürdig ist. Hatte sie, wie der Autobahnbau, nicht auch ihre guten Seiten? Ja, bitterböse Gedanken, die manfrau sich besser verkneifen sollte. Außer wenn manfrau schreibt, denn der hochverehrte Thomas Coraghessan Boyle lehrt, dass ein Autor nur drei Sätze lang Zeit hat, um LeserInnen wirklich Appetit auf einen Text zu machen. Manfrau darf also nicht lange um den Quark rumlöffeln, sondern muss es gleich spritzen lassen.

Ein Mann und Autor, mit dem mich inzwischen (anders als mit dem hochverehrten T.C. Boyle, aber das kann ja noch werden) eine schöne Freundschaft verbindet, kommentierte vor Jahren meine Bloggerei folgendermaßen: „Du schreibst im Blog sehr eindringlich und wortgewaltig und findest immer neue überraschende Bilder und Vergleiche. In der Kombination mit dem vorgetäuschten Nihilismus des enttäuschten Moralisten macht das die Sache, jedenfalls für mich, recht vergnüglich und kurzweilig.” Da er meine Texte immer noch liest (behauptet er zumindest), war das wohl nicht nur verbaler Puderzucker, rektal appliziert. Inwieweit mein Nihilismus vorgetäuscht ist, darüber lässt sich streiten. Aber in mir steckt ein Moralist, das ist amtlich. Und der wird häufig enttäuscht, denn oft ist das Gute im Menschen ähnlich schwer nachweisbar wie Wirkstoffe in homöopathischen Arzneien. Trotzdem gebe ich nicht auf, noch nicht jedenfalls, und versuche immer wieder, den zwischenmenschlichen Alltagsumgang für alle Beteiligten angenehmer zu gestalten. Soll heißen, dass ich die Fresse nicht halte und mich gelegentlich ungebeten einmische. Ende des Vorworts, Beginn der Handlung.

Neulich. Ich stehe an der einzigen offenen Kasse einer Lidlaldinettofiliale und packe mein Zeug aufs Band. Vor mir drei, hinter mir zwei Leute, früher Nachmittag, alles recht entspannt. Eine junge Frau zieht im Affenzahn piepsende Produkte über den Scanner, peilt dann kurz an mir vorbei und zirpt den Satz „Sie können sich schon an Kasse zwei anstellen“ gen Schlangenende. Zeitgleich löst sie das Klingelzeichen aus, mit dem eine Kollegin herbeigerufen wird. Sofort dröhnt von hinten eine genervte Männerstimme: „Boah, Scheiße! Da sagte die Alte doch eben erst, hier nicht mehr.“ Ein Typ in Camouflagejacke – etwa dreißig Jahre, Gelfrisur mit blondierten Spitzen, nur einen Karton in der Hand – stürmt vom Schlangenende an die Pole-Position der Nachbarkasse. Jene Kasse zwei hatte eine erschöpft aussehende Mitarbeiterin mangels Kundenansturms kurz zuvor geschlossen, um einen Container mit Tiefkühlware auspacken zu können. Jetzt schmeißt sie vermutlich die Handschuhe hin und rennt von ganz hinten wieder zur Kasse, weil die Kollegin nach Verstärkung schellte.

Der Typ motzt unentwegt halblaut vor sich hin und fordert mich dadurch zu einer pädagogisch wertvollen Bemerkung heraus. Sinngemäß sage ich in höflicher Wortwahl, dass die harten Arbeitsbedingungen bei LidlaldinettoundCo doch bekannt seien, Kassiererin Nummer zwei für uns Kunden flink ein paar Regale aufgefüllt hat, und er ja gleich dran sei. (Der Gedanke „Sogar noch früher als ich, du hässliche Hackfresse!“ bleibt unausgesprochen.) Seine Antwort, begleitet von einem fast tödlichen Blick: „Hast du keinen Friseur?“ (Arme deutsche Friseure! Wer will für Niedriglohn Gespräche mit solchen Menschen führen?) Es ist immer wieder faszinierend, wie viele Sozialkrüppel dieses Land mithilfe der Privatsender und anderer Hilfsmittel hervorbringt. Schlagfertigkeit ist mein dritter Vorname, also lüfte ich kurz die Mütze und erwidere in honigsüßem Ton: „Brauch ich nicht, mach ich selber.“ (Stimmt sogar, schere mir seit etwa 15 Jahren das schüttere Haupthaar zweiwöchentlich auf Null.) „Aber du hast wahrscheinlich gleich einen Termin zum Färben, oder?“

Danach ist klar, das Spacko und ich keine Freunde werden. Eventuelle Restzweifel beseitigt er durch den Satz „Ich hau dir gleich ein Muster in die Brille.“ Froh, dass uns der vergitterte Zigarettencontainer und ein Förderband trennt, finde ich meine Vorurteile gegen Leute in Camouflage-Klamotten bestätigt. Wer Berufsbekleidung von Soldaten, Guerillakämpfern und professionellen Blutvergießern als modisches Statement nutzt, ist mir suspekt. Sehr suspekt. Zutiefst. Der aggressive Tonfall des schlecht getarnten Vollpfostens ruft nun eine weitere Kundenreaktion hervor. Ganz vorn in der Schlange wirbt ein Mann ähnlich wie ich um Geduld und Nachsicht, und unterstreicht das Freundliche seiner Botschaft, indem er den Spacko mit „Kollege“ anspricht. (Hier im Ruhrgebiet steht das für Kumpel und soll Verwirrung vermeiden, denn Kumpels arbeiteten früher unter Tage. Kollege = Freund.) „Wir sind keine Kollegen“, koddert der Hasskappenträger zurück. Ich bedanke mich beim Mitkunden, dass auch er seine Stimme erhoben hat. Daraufhin spottet unser Freund „Ah, Zivilcourage, oder was?“ Ich kann mir ein „Weißt du, wie man das buchstabiert?“ nicht verkneifen, woraufhin das Sackgesicht in mafiösem Killertonfall verspricht, er würde draußen auf mich warten. Seine Stichsäge, oder was immer in dem Karton war, hat er inzwischen an Kasse zwei bezahlt.

Wie erwähnt kann ich schlecht die Fresse halten, bekomme aber nur ungern welche drauf. Menschen mit stark überhöhtem Testosteronspiegel, deren IQ sich im zweistelligen Bereich bewegt, neigen leider zu Gewalt. Gewalt ist keine Lösung, zumindest dann nicht, wenn sie gegen mich angewendet wird. Nein, es gab kein Blutbad. Der solidarisch-couragierte Mitmensch trödelte absichtlich oder zufällig in der Kassenzone herum und wir erreichten dann fast gleichzeitig den Parkplatz. Im Konvoi sozusagen. Spacko hupte wütend und reckte im Vorbeifahren den Fickfinger. Nur mit Mühe konnte ich mir das Lachen verkneifen, denn die hirnlose Arschkrampe saß in einem koreanischen Möchtegern-SUV. So ein halbwüchsiges Autochen, die peinliche Billigausführung für den kleinen Geldbeutel. (Große und teure SUVs sind auch peinlich, aber anders.)

Ich bin oft und gern nett zu Fremden. Wenn jeder Deutsche pro Tag nur ein Mal zu einer unbekannten Person (im Supermarkt/Zug/Bus/Schwimmbad etc.) nett wäre, würden wir Deutschland plötzlich nicht wiedererkennen. Weil es dann nämlich echt nett bei uns wäre. (Nett jetzt nicht als Schimpfwort, sondern im Sinne von angenehm.) Ich werde mich zukünftig auch durch Begegnungen wie die geschilderte nicht bremsen lassen oder gar die Klappe halten, wenn Sozialkrüppel sich benehmen wie Schweine auf dem Sofa. Warum nicht? Weil jeder Bürger Verantwortung für das Miteinander in unserem Land trägt. Außerdem, wozu gibt’s das Recht auf freie Rede? Wir sollten alle viel öfter couragiert unsere Meinung sagen, denn es ist extrem unwahrscheinlich, dass all die minderbemittelten Kotzbrocken alsbald auswandern. Das dämliche Pack würde man eh niemandem an den Hals wünschen, nicht einmal den Diktatoren in Nordkorea oder Weißrussland. Also, seid nett zueinander und macht ruhig mal den Mund auf!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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