Ich hab die Schnauze voll. Gestrichen. Falls das als Grund nicht reicht, kommen gleich noch andere. Wie jetzt – du weißt nicht worum es geht? Hast wohl die letzten beiden, zugegebenermaßen überlangen und etwas zähen Berichte aus dem Land am Fuße des Mount Everest nicht gelesen, oder? Na gut, es sei dir verziehen. Es geht um dreizehn Jahre karitative Arbeit hier in Nepal (Entwicklungshilfe sagt man nicht mehr, und Entwicklungszusammenarbeit klingt sperrig) und das unwiderrufliche Ende davon. Um einen gemeinnützigen Verein, den ich im Februar 1999 mit Freunden gründete und seither geleitet habe, und der in wenigen Tagen seine Auflösung beschließen wird. Um etwa eine halbe Million Euro an Spenden, Stiftungsgeldern und Bundesmitteln, die durch den Verein HOPE e.V. nach Nepal flossen und dort in Trainings, Patenschaften und Infrastrukturprojekte flossen. Unter anderem.
Was bleibt? Rund dreihundert gemauerte Toilettenhäuschen samt Sickergruben, fünfzig Biogas-Anlagen, ein gutes Dutzend Schulhäuser, fünf Trinkwasserprojekte, vier Gesundheitsstationen und eine kleine Brücke. Rechnet man alle Haushalte zusammen, die wir mit sauberem Trinkwasser versorgen, und zählt die Anzahl der Schüler hinzu, die durch uns neue Schulgebäude bekamen, haben wir die Lebensbedingungen von rund zehntausend Menschen verbessert. Hinzu kommen hunderte Frauen, die in Abendklassen Lesen und Schreiben lernten oder eine Berufsausbildung finanziert bekamen, alte tibetische Flüchtlinge, die kleine monatliche Renten erhielten, Schüler und Studenten mit Patenschaften, und all die Leute, die tagtäglich in einer der vier Gesundheitsstationen medizinisch versorgt werden. Im Grunde eine ganz ordentliche Bilanz. Warum hören wir dann auf?
Weil ich, wie bereits erwähnt, die Schnauze voll habe. Der Verein ist und war immer klein, ich seine treibende Kraft und zeitweilig der einzige, staatlich bezuschusste Angestellte, großteils jedoch ehrenamtlich tätig. Jeder ist ersetzbar, aber in unserem Verein will niemand meine Aufgaben übernehmen, das auch, weil keiner genug Erfahrungen mit Entwicklungszusammenarbeit hat. Also wird der Laden dichtgemacht, nachdem wir sichergestellt haben, dass alle Projekte fortbestehen können und auch die Patenschaften weitergeführt werden. Dafür sorgen in Zukunft oder bereits jetzt ein deutscher Verein und eine schweizerische Stiftung, die beide schon lange in Nepal arbeiten. Wir hinterlassen also keine Baustellen oder Projektruinen, niemand muss leiden, bloß weil ich keine Lust mehr habe.
Was eigentlich passiert ist, willst du wissen? Nichts besonderes, ich hab bloß den finalen Gutmenschenburnout. Und dazu ein Zipperlein, das mir neuerdings Reisen durch weniger gut erschlossene Teile der Dritten Welt erschwert (wir haben unsere Projekte nämlich nicht, wie viele andere NGOs, bequem im Tal von Kathmandu angesiedelt, sondern in neun Distrikten, die meist eine Tagesreise von der Hauptstadt entfernt sind). Aber vor allem habe ich genug. Vom ständigen Chaos und ewigen Stillstand, vom politischen Machtpoker und der allgegenwärtigen Korruption, von Schlamperei und Gleichgültigkeit. Hinzu kommt die Sinnfrage, die sich bezüglich Entwicklungshilfe grundsätzlich stellt, und unter den sich rasant ändernden globalen Rahmenbedingungen kaum noch rational beantwortet werden kann. Ich jedenfalls mag nicht mehr jedes Jahr mit viel Aufwand einen winzigen Tropfen Wasser auf einen riesigen heißen Stein fallen lassen, damit unsere Spender sich am Zischen erfreuen können. Nepal ist und bleibt in vielen Bereichen extrem rückständig. Seit Jahrzehnten wird es von der internationalen Gebergemeinde gepäppelt (weshalb viele Leute hier ziemlich verwöhnt und an stete Hilfe gewöhnt sind), mit mäßigem Erfolg. Außerdem gehört es zu den Ländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, aber wir erleben seit Jahren, dass die Welt andere Sorgen hat. Auch der aktuelle Klimagipfel in Südafrika wird ergebnislos bleiben und Geld fehlt derzeit an allen Ecken, denn wir haben ja die Schuldenkrise und eine schwere Rezession droht. Also geht der Wahnsinn unvermindert weiter, schmelzen die Gletscher im Himalaya schneller, fällt der Monsunregen heftiger und länger, gibt es mehr Überschwemmungen und Erdrutsche als bisher schon. Ganze Bergflanken donnern vom Wasser getränkt ins Tal, begraben alles unter sich. Thailands Lage ist plakativer, aber auch hier in Nepal sind die Zeichen unübersehbar.
Unsere Arbeit ist und war sinnvoll, aber auch idiotisch. Die Dritte Welt leidet besonders unter den Problemen, die wir Bewohner reicher Industrieländer durch Gier, Ignoranz und Rücksichtslosigkeit verursacht haben und weiter verursachen (auch wenn Brasilien, Indien & Co. nun kräftig nachholen, und das energie- und rohstoffhungrige China im Jahr 2035 voraussichtlich für 70% aller Klimagase verantwortlich sein wird). Der grobe Kurs dieses Planeten wird in der reichen Ersten Welt bestimmt und so schlingert die Menschheit ins Verderben. Entwicklungshilfe bewirkt wenig und ändert auf Dauer nichts, solange die Ursachen der Drittweltprobleme nicht angegangen werden, und das sind hier in Nepal mangelnde Bildung, ein aufgeblähter und erschreckend ineffektiver Staatsapparat, Korruption, Vetternwirtschaft, Trägheit. Unter anderem. Dazu die neoliberale Globalisierung mit einer Handelsordnung, die vor allem arme Drittweltländer benachteiligt, der ökonomisch und ökologisch unsinnige Export von teuer subventionierten Agrar-Überschüssen in Länder der Dritten Welt, Dirk Niebels Bekenntnis, aus jedem Euro, der für die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben wird, flössen 1,80 Euro in die deutsche Wirtschaft zurück – Tatsachen, die Ursachen für immenses Leid schaffen. Hilfe aus dem Ausland bleibt Kosmetik, sie sorgt für Linderung ohne Heilung, gibt den Gebern ein gutes Gewissen und erlaubt ihnen vor allem, weiterzumachen wie bisher. Die Ursachen für globale Krisen werden nicht beseitigt, man doktert nur weiter an den Symptomen herum. So gesehen ist die karitative Arbeit von HOPE e.V. vergleichbar mit Samariterdiensten auf der sinkenden Titanic. Wir helfen einer alten Oma dabei, die Treppe vom Ballsaal zum Oberdeck zu erklimmen, während das Schiff bereits sinkt und die letzten Rettungsboote, vollbesetzt mit schreienden Frauen und Kindern, gefährlich schwankend ins eiskalte Wasser herabgelassen werden. Dazu habe ich keine Lust mehr, das erscheint mir sinnlos und pervers. Deshalb höre ich auf.
Dieser Schritt war überfällig, denn an der globalen Gesamtlage hat sich in den letzten Jahren wenig geändert, schon gar nicht zum Positiven. Aber auch die Nepalesen sind sich treu geblieben. Freundlich wie immer, liebenswert schlampig und etwas unberechenbar. Verbindliche Zusagen, egal ob es um die termingerechte Fertigstellung eines Schulhauses, das Erscheinen des gemieteten Allradjeeps oder die Lieferung von Medikamenten geht, bedeuten nicht viel. Überall wird getrickst und geschummelt, längst nicht jeder hält sein Wort. Oberschicht und Politikerkaste leben es den einfachen Leuten vor, die machen es nach mit der Begründung, jeder betrüge doch heutzutage. Selbstverständlich wird man auch angenehm überrascht, aber eine hohe Frustrationstoleranz ist Grundvoraussetzung für das Leben und Arbeiten in Nepal. Dann erträgt man vieles, von Speisen und Getränken, welche selten die erhoffte Temperatur und Konsistenz haben (Suppe, Nudeln, Curry, Reis, Tee, Kaffee genau wie Bier lauwarm, Fleisch gern riemenlederzäh, Pizza manchmal halbgar oder halbverbrannt) bis zu vereinbarten Leistungen bei Neubauten, die einfach nicht erbracht werden. Am Zement wird gespart, bis Mauern zerkrümeln, verzinkter Stahl rostet schon nach wenigen Monaten, und man bekommt oft nicht das Versprochene. Warum auch – schließlich ertragen die Nepalesen (das Land ist größtenteils auf Strom aus Wasserkraft angewiesen) in den trockenen Wintermonaten bis zu 16 Stunden Stromausfall täglich. Stromausfall ist eigentlich das falsche Wort – der Saft wird für Stadtteile und ganze Landstriche schlicht abgeschaltet (Load Shedding), weil Staubecken leer sind, miserabel gewartete alte Kraftwerke den Bedarf nicht stillen können und neue ewig nicht fertig werden. Und bei kräftig steigendem Energiebedarf wird sich daran im nächsten Jahrzehnt wohl nichts ändern, trotz der geplanten gigantischen Staumauern und Speicherkraftwerke, die mithilfe der Chinesen gebaut werden sollen. Irgendwann.
Irgendwann wird es auch die seit langem versprochene neue Verfassung geben, aber bisher haben Nepals Politiker nur gestritten, doch nie geliefert. Fünf Jahre ist es her, dass nach dem Volksaufstand im Mai 2006 (ich war verwickelt und schrieb darüber in meinem Buch – der Text „Fahrradtour in Kathmandu“ findet sich unter Prosa, die dazugehörigen Bilder hier) und dem Abdanken des despotischen Königs, am 22. November ein Friedensvertrag mit den maoistischen Rebellen unterzeichnet wurde. Abgeordnete der verfassungsgebenden Versammlung wurden gewählt, erklärten Nepal zur Republik und begannen mit der Arbeit. Seitdem gab es immer wieder Aufschübe, aber keine neue Verfassung, denn typischerweise dauert hier alles länger als geplant. Viel länger. Der aktuelle Termin für die Lieferung der neuen Verfassung war Ende November, aber kürzlich haben die Volksvertreter wieder ein Gesetz eingebracht, das ihnen erneut sechs Monate Fristverlängerung beschert. Jene Maoisten, die das Land zehn lange Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg verwickelten, sind nun an der Macht, und der Premierminister stellte gerade sein Kabinett vor. 49 Minister sind bereits ernannt, insgesamt wird die Regierung 55 Mitglieder haben und damit einen neuen Rekord in den Disziplinen Nepotismus und angewandte Vetternwirtschaft setzen. (Man witzelt hier, dies sei kein Jumbo-Kabinett, sondern ein A-380-Kabinett.) Der Premierminister allein wird mehr als 30 Staatsekretäre, Unterstaatssekretäre und Assistenten beschäftigen, und eine seiner ersten Amtshandlungen war der Erlass zur Rehabilitierung eines Maoisten, der wegen Mordes an einem vermeintlichen Spitzel rechtskräftig verurteilt ist. Muss ich noch erwähnen, dass im Kabinett weitere verurteilte Verbrecher sitzen? Dass Posten und Beförderungen hier gegen Bargeld gehandelt werden? Dass diese Regierung bereits die fünfte seit dem Sturz des Königs im Mai 2006 ist?
Leider ist dieses Volk mit einer besonders korrupten, unmoralischen, machtgierigen und unfähigen Politikerkaste geschlagen. Jeder gebärdet sich wie ein kleiner König und die Parteien, von denen es reichlich gibt, sind vom Spaltpilz befallen. Ständig brechen interne Streitigkeiten aus und führen meist dazu, dass sich die Partei teilt. Dadurch entstehen zwar neue Posten, denn jede Splittergruppe braucht ja Führungspersonal, aber die Handlungsfähigkeit bleibt auf der Strecke. In Gesprächen mit befreundeten Nepalesen höre ich immer wieder dieselbe Ansicht: Unser Land geht vor die Hunde! Leider sind die Nepalesen nicht nur gut darin, alltägliche Ärgernisse wie Stromsperren, Streiks und Benzinknappheit zu erdulden, sie erdulden auch ihre unfähigen Politiker. Überhaupt könnte das Nichtstun durchaus in Nepal erfunden worden sein, denn hier wird gern gefaulenzt, besonders routiniert von den Männern. Unterwegs durch unzählige kleine Dörfer bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen man untätig herumsitzen, palavern oder in der Sonne schlafen sieht. Auf den Feldern arbeiten vor allem die Frauen, sie schleppen auch unermüdlich Feuerholz, Wasser und Ziegenfutter heran, aber die Herren der Schöpfung trinken schon vormittags Hirsebier und Selbstgebrannten, debattieren oder spielen Karten. Daher geht leider wenig voran in diesem schönem Land, und auch das nur schleppend.
Das klingt jetzt bestimmt alles sehr negativ, so als würde ich Nepal und seine 23 Millionen Bewohner in Bausch und Bogen verdammen. Ob ich denn gar nichts vermissen werde? Doch, sogar eine ganze Menge. Aber ich bin auch heilfroh, dass bestimmte Phänomene zukünftig kaum noch eine Rolle in meinem Leben spielen werden (zumindest, solange ich nicht nach Nepal zurückkehre, und das ist derzeit unwahrscheinlich). Vermissen werde ich heitere Unbeschwertheit der Nepalesen, denn ständig wird gelacht und gealbert, musiziert, gesungen und getanzt; mit Kardamom gewürzten zuckersüßen Milchtee aus kleinen Gläsern, den man hier an jeder Ecke bekommt; die wunderbar fürsorgliche Art, mit der fast alle Nepalesen ihren Nachwuchs behandeln (man hört hier nur Kinderlachen, aber kein Geplärre); heilige Kühe mitten auf der Straße; sonnige Novembertage, an denen man mittags im T-Shirt draußen sitzen kann, ohne zu frieren; den üppigen Dachgarten des Potala Guesthouse mit Bougainvilleas, Zitronenbäumen und hunderten liebevoll bepflanzter Blumentöpfe; unzählige kleine Garküchen, die überall pikante Leckereien zu Spottpreisen (nach unseren Verhältnissen) anbieten; Frauen in der Sonne beim Trocknen ihrer frisch gewaschenen, schwarzglänzenden und oft hüftlangen Haare; Händler, die schon nach ein paar nepalesischen Worten bereit sind, ihre Waren für weniger als der Hälfte dessen zu verkaufen, was sie anfänglich verlangt haben; buddhistische Klöster, stille Oasen mitten im Trubel der Großstadt; Blumenketten, die wir bei der Einweihung jedes Projektes umgehängt bekommen; die intensiven Düfte an den Ständen der Gewürzhändler; Kinder mit Tsungis, einem Knäuel aus Gummibändern (aus alten Fahrradschläuchen geschnitten), das mit der Innenseite des Fußes möglichst oft in die Luft gekickt werden muss; das sonnige Gartenrestaurant Delima Garden mit seinen Bananenstauden und von Hibiskus überrankten Tischen (dort frühstücke ich seit zwölf Jahren, wenn ich in Thamel bin); Ladenbesitzer, die morgens eine Schale mit Holzkohle anzünden und den Rauch duftender Kräuter zum Himmel schicken, um die Götter des Wohlstands gnädig zu stimmen; köstliche Zimtschnecken der Weizen Bakery; das farbenfrohe Gewimmel in den verwinkelten Gassen der Altstadt mit unendlich vielen kleinen Läden; wunderbar scharfe Curries und überall erklingt aus den Küchen das Zischen der Dampfkochtöpfe; höchstens zwölfjährige Beifahrer verbeulter Kleinbusse, die in rhythmischem Singsang das Ziel ihrer Fahrtroute ausrufen und Passagiere anlocken; und noch sehr viel mehr.
Kaum vermissen werde ich die ständigen Stromsperren in der Zeit von Dezember bis Juli; Motorradfahrer, die Fußgänger als Slalomstangen missbrauchen und mit gellender Hupe durch überfüllte Straßen jagen; lausige Verbindungen zu Internet und Kabelfernsehen, bei denen man nie weiß, ob es heute möglich sein wird, Mails abzurufen und Nachrichten auf BBC World zu sehen; die verheerenden sozialen Folgen des formal längst abgeschafften, real aber noch erschreckend mächtigen Kastensystems; total überladene Lastwagen, die im ersten Gang steile Bergstraßen hoch kriechen und dicke schwarze Rauchwolken hinter sich herziehen (Diesel wird in Nepal mit Kerosin gepanscht, das ist billiger und qualmt besonders schön); rotzfreche wilde Affen mitten in der Stadt; der allgegenwärtige Lärm und die ständigen Verkehrsstaus in Kathmandu; schmackhaftes Essen, das viel zu oft lauwarm serviert wird; das ständige Türenknallen hier im hellhörigsten Hotel der Welt (ein vierstöckiger, angeblich erdbebensicherer Bau mit Stahlbetongerippe); Rudel streunender Hunde, die mitten in der Nacht wütende Wettbewerbe im Lautbellen abhalten (und sich erbitterte Kämpfe liefern – neulich sah ich einen blutenden Hund, der ein Ohr komplett eingebüßt hatte); schmuddelige Kleinstadthotels mit brettharten Matratzen; wahnsinnige Busfahrer, die auf kurvigen Highways überholen, obwohl man kaum hundert Meter weit sehen kann; Leitungswasser, das man nicht gefahrlos trinken kann, wenn es denn überhaupt fließt (viele Stadtteile Kathmandus haben nur zweimal wöchentlich für ein paar Stunden Druck auf den Leitungen); brennende Müllhaufen; Erdbeben (am 18. September eines der Stärke 6,8 und vorletzten Sonntag eins mit immerhin noch 5,0); die alltägliche Unzuverlässigkeit und das ewige Chaos; dass man auf dem Dorf, aber auch in der Stadt ständig Gefahr läuft, in Scheiße zu treten (kühische, ziegige, menschliche, entige, hündische oder hühnerige); das zum süßlichen Popsong verkitschte Mantra Om Mani Padme Hum, denn es plärrt seit zehn Jahren aus jedem dritten Musikladen und untermalt, wenn ich Pech habe, auch mein Frühstück im Delima Garden; jenen Nachbarn des Potala Guesthouse, der auf seinem Balkon im dritten Stockwerk einen Tibetterrier und einen Hahn hält, die beide von früh bis spät kläffen und krähen; Spucken! Ganz Nepal (mit einem erschreckend hohem Prozentsatz tuberkulosekranker Menschen) spuckt ständig aus, überall hin und meist sehr geräuschvoll. Männer, Frauen und Kinder rotzen von früh bis spät schleimigen Speichel auf den Boden, sogar aus dem Fenster in die Gassen hinab (wo es auch mich schon traf); bhutanesische Händlerinnen auf Einkaufstour, die Tag für Tag tonnenweise Zeug für ihre Läden auf ihre Hotelzimmer schleppen lassen, dann vor ihrem Heimflug die halbe Nacht hindurch packen und sich dabei quer über den Flur unterhalten; Stehklos aus rostigem Wellblech, in denen es derart stinkt, dass man die Luft anhalten muss; und noch sehr viel mehr.
Im Grunde geht es mir mit diesem Land und seinen Bewohnern wie einer Frau, die wieder einmal wach im Bett liegt und dem Schnarchen jenes betrunkenen Mannes lauscht, neben dem sie eigentlich schon zu viele Nächte verbracht hat. Sie riecht den vertraut säuerlichen Atem und erinnert sich kaum noch, weshalb sie diesen Kerl mal geliebt hat. Er ist ihr vertraut wie die Stoppeln in der eigenen Achselhöhle, vertraut wie das müde Gesicht, das sie morgens im Spiegel anschaut und aus dem wortlos die enttäuschten Hoffnungen verlorener Jahre sprechen. Wird sie ausbrechen, ihn verlassen oder findet sie sich ab? Hat sie genug Kraft für einen Neubeginn oder resigniert sie verbittert? Gut, das klingt jetzt vielleicht übertrieben pathetisch, denn Nepal und ich waren nie verheiratet. Aber ich wollte mir vor einigen Jahren ernstlich eine Wohnung in Kathmandu mieten, um nicht mehr im Hotel wohnen und ständig in Restaurants essen zu müssen. Daraus wurde nichts, zum Glück, ich habe die Verlobung sozusagen vorzeitig gelöst.
Aus dem Jahr 1998, als ich vier Monate Freiwilligendienst bei einem (wie sich bald herausstellte leider völlig korrupten) deutschen Lepraprojekt leistete, erinnere ich einen Spruch: „Du bist nicht hier, um Nepal zu verändern, sondern Nepal ist da, um dich zu verändern.“ Okay, Nepal, wir haben uns beide verändert. Ob zum Vorteil, bleibt bei dir und mir fraglich. Ich pack dann mal meine Sachen. Mach’s gut!
[Ende. Und wer brav bis hierher gelesen (oder einfach nur nach unten gescrollt) hat, darf nun noch ein paar Bilder ankucken.]
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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