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Hurra, die Russen kommen!

Geschrieben von Johannis am 23. August 2014 um 14:09 Uhr

Keine Ahnung, ob’s am Klimawandel liegt – aber in diesem Jahr fällt das Sommerloch aus. Ähnlich wie bei der Siebenschläferregel konnte man sich früher darauf verlassen, dass pünktlich mit dem Beginn der Parlamentsferien die große Nachrichtenflaute ausbrach. Ein paar Hinterbänkler nutzten diese langweiligen Wochen, um mit obskuren Thesen und hirnverbrannten Forderungen wenigstens kurzfristig ins Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Ansonsten drehten sich die Schlagzeilen um Schnappschildkröten oder Krokodile, die in irgendwelchen Baggerseen gesichtet wurden und nur darauf warteten, mit einem Biss ein Kinderärmchen zu durchtrennen oder männlichen Badegästen an die ungeschützten Meistweichteile zu gehen.

Dieses Jahr ist alles anders. Pythons sind zwar angesagt (beim Sonntagsfrühstück oder im Auto), aber die Medien bräuchten eigentlich keine entflohenen Reptilien, um Sendezeit und Seiten zu füllen. Im Gegenteil, das Angebot an Krisen, Katastrophen und Kalamitäten ist derartig groß, dass viel Haarsträubendes hinten runterfällt. Wer erinnert sich noch an #Bringbackourgirls und die gut 200 Schülerinnen christlichen Glaubens, die vor nunmehr 131 Tagen im Norden Nigerias von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram entführt wurden? Die Leichen dieser Kinder verwesen wahrscheinlich schon längst irgendwo im Dschungel oder die unschuldigen Mädchen wurden solange vergewaltigt, bis sie Jesus freiwillig abschworen und gehorsam zum Islam konvertierten. Auch über den Krieg in Syrien wird kaum noch berichtet, irgendwie verständlich, denn schließlich findet dort unter den Augen der Weltöffentlichkeit seit fast 3 Jahren ein grauenvoller Völkermord statt.

Nein, die Schnappschildkröten und Krokodile dieses Jahres heißen Wladimir Putin, Benjamin Netanjahu oder Abu Bakr al-Baghdadi. Letzter ist selbsternannter Kalif des kürzlich ausgerufenen islamischen Staats, der sich von Syrien bis weit in den Irak hinein erstreckt. Dort köpfen, kreuzigen, morden, vergewaltigen und brandschatzen fanatische Rebellen im Namen von Allah und Mohammed mit einer Brutalität, wie man sie sonst nur aus Videospielen der neuesten Generation kennt. Hunderttausende sind auf der Flucht und die Welt schaut weitgehend hilflos zu. Völkermord und Vertreibung, religiöser Fanatismus und marodierende Rebellenbanden – das gehört leider mittlerweile zum Alltag wie Nutella auf den Frühstückstisch.

Gaza, Irak, Ukraine, Syrien – Außenminister Walter Steinmeier kennt keinen Urlaub. Er ist ständig unterwegs zwischen Mossul, Bagdad, Kabul, Kiew oder Kairo – immer unterwegs als diplomatischer Feuerwehrmann und mit dem Ziel, seinen Gesprächspartnern Kompromissbereitschaft und Entscheidungen abzuringen, die wenigstens ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand erkennen lassen. Eigentlich kein Wunder, dass Guido Westerwelle an Leukämie erkrankt ist. Nach der verheerendsten Wahlniederlage aller Zeiten und der Implosion jener Partei, die sich früher erfolgreich für Hoteliers, Architekten, Zahnärzte und andere Besserverdiener einsetzte, muss der unpopuläre Guido nun mit ansehen, wie ein weißhaariger Nierenspender seinen ehemaligen Job souverän, mit Sachkenntnis und bei steigender Beliebtheit meistert. Das und der Sturz der FDP in die Bedeutungslosigkeit haben Herrn Westerwelle offenbar bis ins Mark getroffen, und dort entstehen ja bekanntlich die Blutzellen. Nein, ich spotte nicht über einen Krebskranken, ich weise nur auf mögliche psychosomatische Zusammenhänge hin.

Für die Generation unserer Eltern (oder Großeltern, bei den jüngeren Lesern) waren die Russen der Inbegriff der Bedrohung, das Böse an sich. Ob geflohen aus Ostpreußen, Pommern und anderen Teilen des Großdeutschen Reichs oder Jahre nach Kriegsende ausgemergelt aus russischer Gefangenschaft entlassen, ob man in der zur Reparation und Rache ausgeplünderten sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR) in Angst und Mangel aufgewachsen war oder in Westberlin während der russischen Blockade nur mithilfe amerikanischer Rosinenbomber überlebt hatte – Millionen Menschen machten schlechte Erfahrungen mit der UdSSR, ihren Herrschern und Soldaten. Dann Wettrüsten, Kubakrise und Kalter Krieg – erst mit Gorbatschow und der Wiedervereinigung begann der eisige Ostwind zu drehen, wurde das Klima milder. 25 Jahre ist das nun her und noch bis vor kurzer Zeit erschien ein friedliches Miteinander von Ost und West auf Dauer selbstverständlich.

Vorbei. Erst hat der Lügenbaron aus Moskau trickreich die Krim annektiert, dann schickte er Waffen und Kämpfer in den Osten der Ukraine. Es herrscht wieder Krieg in Europa, die Abendnachrichten beweisen es Tag für Tag. Die Wirtschaft schwächelt nach den zögerlich verhängten Sanktionen, Aktienkurse sinken und keiner weiß, ob wir im kommenden Winter genug Gas zum duschen, heizen und kochen haben werden, wenn Putin den Ukrainern die Pipelines abdreht. Was ist sein nächster Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung des angeknacksten russischen Nationalstolzes? In der Heimat schwimmt er auf einer Welle der Popularität, alles scheint möglich. Wird er Waffen und Soldaten nach Lettland schicken, wo ebenfalls viele Russen leben? Dann müsste die NATO einschreiten und das wäre der Beginn eines Krieges, den viele von uns schon seit Jahrzehnten für fast undenkbar halten.

Unvorstellbar? Nichts scheint unmöglich in diesem Sommer ohne Loch. Freuen können sich höchstens Journalisten und andere Medienmacher, weil sie nicht wie sonst mühsam kleine Nachrichtenbröckchen aus der dünnen Suppe des Sommerlochs fischen müssen, sondern täglich ein reichhaltiges Angebot an Schockthemen zur freien Auswahl präsentiert bekommen. Man darf gespannt sein, was dieses vermaledeite Jahr noch bringen wird. Steigt womöglich demnächst ein Atompilz gen Himmel, die Bombe gezündet von jenen technisch überforderten prorussischen Separatisten, die auch mit Putins Boden-Luft-Raketen nicht klar kamen und versehentlich ein malaysisches Verkehrsflugzeug vom Himmel schossen? Oder werden die IS-Rebellen den Mossul-Staudamm zurückerobern und dann sprengen, um hunderttausende Iraker im Schlaf zu ersäufen? Breitet sich die Ebola-Epidemie weiter aus, bis ganz Afrika unter Quarantäne gestellt werden muss? Der Schrecken kennt keine Grenzen und mit zunehmend mulmigem Gefühl fragt sich mancher, ob dies bereits der Beginn der Apokalypse ist. Angesichts der Gewissenlosigkeit, mit der gierige oder gleichgültige Erdlinge diesen wundervollen Planeten ausbeuten und verwüsten, hätten wir’s vermutlich verdient.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Galoppierende Volksverblödung

Geschrieben von Johannis am 12. August 2014 um 12:12 Uhr

Mein eh schon stark geschwächtes Vertrauen in die Demokratie wurde dieser Tage erneut schwer erschüttert. Auf der nach oben offenen Reichtmir-Skala schlugen die Zeiger bis 7,9 aus, als die Türken ihren zweitobersten Schnauzbartträger zum neuen Staatspräsidenten wählten. Erdogan im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit, wie deprimierend! Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber – das hat entweder Berthold Brecht oder Wilhelm Busch gesagt, die Quellenlage ist nicht eindeutig. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral – der Satz hingegen stammt eindeutig von Brecht und könnte heute zu „Hauptsache Kohle, alles andere is egal“ verkürzt werden. Definitiv bescheuert sind offensichtlich viele Türken, die den nur mühsam als demokratisch legitimierten Staatschef getarnten Quasidiktator Erdogan nach elfjähriger Amtszeit als Ministerpräsident (seine Wiederwahl war nicht möglich) nun ins höchste Amt der Türkei hoben.

Insgeheim hoffe ich ja darauf, dass in den kommenden Tagen eine Verschwörung ungeheuerlichen Ausmaßes enthüllt wird und die Schlagzeilen von Hürriyet bis BILD gleich lauten: Trinkwasser überall in der Türkei vergiftet – Vor den Wahlen wurden Drogen beigemischt – Ein Volk im kollektiven Wahnsinn! Eine Enthüllung zur Ehrenrettung der Türken und als Beweis, dass die Menschen auf beiden Seiten des Bosporus genug gesunden Menschenverstand haben und übel ausgetrickst wurden. Aber es ist sicher, dass die Türken völlig freiwillig für jenen autoritären Übervater stimmten, der überall in der Türkei riesige Einkaufszentren hinklotzen lässt, auf Kritik mit Tränengas und Gummigeschossen reagiert, gut dreihundert tote Bergleute schon mal mit einem lakonischen „Tja, sowas passiert halt, eine Kohlemine ist schließlich kein Ponyhof!“ kommentiert, die Islamisierung rasant vorantreibt und auch deshalb bald den Frauen das Lachen auf der Straße verbieten wird. Und wenn er es nicht tut, dann sein Amtsnachfolger, mit Sicherheit auch so ein frömmelnder AKP-Scherge.

Auch hierzulande durften Exil-Türken erstmals ihren zukünftigen Präsidenten wählen. Nach dem Urnengang wurden Wähler interviewt und fast alle hatten für Erdogan gestimmt. Nahezu einhellige Begründung: Weil er der Beste ist. Offenbar habe ich die Rückkehr des Messias, diesmal auf der anderen Seite des östlichen Mittelmeers, schlicht verpennt. Eine durchaus intelligent und gebildet wirkende Frau, das dunkle Haar sorgsam unter einem champagnerfarbenen Kopftuch verborgen, reagierte auf die Nachfrage des Reporters, was sie denn von der Kritik an Erdogan hielte, extrem unwillig: „Ich lese schon lange keine Zeitungen mehr und höre nicht auf die Medien. Das ist doch alles Propaganda, was man ihm vorwirft.“ Jau, dachte ich und verzog von Schmerzen gepeinigt das Gesicht. Wer kontrolliert denn die Medien und verdummt das türkische Volk? Wieso bekamen Erdogan und seine herrschende AKP an drei Tagen im Wahlkampf insgesamt über 9 Stunden Sendezeit im türkischen TV, während die Opposition an denselben Tagen gerademal 4 Minuten auf den Bildschirmen zu sehen war?

Wenn jemand mit seinen Kumpels und Söhnen reihenweise gigantische Immobilien- und Industrieprojekte umsetzt, der Klan sich dabei augenscheinlich frech die Taschen füllt und dadurch Polizei und Staatsanwaltschaft gegen sich aufbringt, wenn die Justiz dann ermittelt und der Verdächtige namens Erdogan entlässt mal eben über tausend Beamte oder strafversetzt sie irgendwo in die entlegensten Winkel des osmanischen Reichs – dann könnte man doch mutmaßen, dass der Kerl zu recht verdächtigt wird und tatsächlich Dreck am Stecken hat. Aber nein – alles üble Nachrede, böswillige Verleumdung und verlogene Propaganda, wahrscheinlich sogar vom islamfeindlichen Westen gesteuert. Entweder sind die Amis schuld oder die Deutschen, so ist es ja auch bei Putin, dem lupenreinen Demokraten.

Winston Churchill hat gesagt, das beste Argument gegen die Demokratie sei ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler. Ich bin überzeugter Demokrat, finde es aber bedenklich, dass leider auch Idioten wählen und abstimmen dürfen. Und wenn bei einer Wahlbeteiligung von rund 70% mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf Erdogan entfallen, ist das ein unwiderlegbarer Beweis für die moralische und politische Unreife vieler Türken. Solange die Wirtschaft boomt und die Infrastruktur besser wird, kann man gern einen ultrakonservativen Drecksack zum Präsidenten wählen. Auch wenn der selbsternannte Tugendwächter die türkischen Frauen unters Kopftuch, zum fleißigen Gebären ins Kindsbett oder an den Herd verbannt und ihnen das Lachen in der Öffentlichkeit verbietet, auch wenn er das Internet zensiert, Proteste brutal niederknüppeln lässt, unabhängige Medien unterdrückt und kritische Journalisten ins Gefängnis sperrt, auch wenn er sich dreist an Steuergeldern bedient und offensichtlich korrupt ist. Selbst gewählte Leiden eines Volkes, das es offenbar nicht besser verdient hat.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Hier coacht der Anwalt

Geschrieben von Johannis am 28. Februar 2014 um 17:19 Uhr

Alles hat seinen Preis, auch die Wahrheit. Bei Letzterer kostet es oft schon einen hohen Preis, sie auszusprechen oder sonst irgendwie publik zu machen. Deshalb wurde kürzlich in China der Bürgerrechtler Xu Zhiyong zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er Transparenz bei Politiker-Vermögen gefordert hatte. Die durch und durch korrupte Führungsclique der kommunistischen Partei bereichert sich seit Jahrzehnten in dreistester Weise und versteckt Summen in Milliardenhöhe auf Offshore-Konten in Steueroasen. Als Reaktion auf den Skandal, der als Offshore-Leaks bekannt wurde, verschwinden Bürgerrechtler wie Xu Zhiyong im Gefängnis oder Arbeitslager, werden Webseiten gesperrt und die Zensoren löschen Tweets im Akkord.

Vor Gericht und auf hoher See ist manfrau bekanntlich in Gottes Hand, aber oft genug scheint es, als sei der Allmächtige an Kinderlähmung erkrankt oder als hätte die Mutter Gottes während der Schwangerschaft Contergan genommen. Justitia wird meist mit verbundenen Augen dargestellt, das ist wenig vertrauenserweckend und lässt nicht auf großen Durchblick schließen. Auch deshalb habe ich zähneknirschend bezahlt, als mir im November eine Abmahnung ins Haus flatterte, statt mich vor Gericht auf einen Kampf David gegen Goliath einzulassen. Doch lasst mich die Geschichte von Anfang an erzählen.

2002 bis 2004 investierte ich viel Zeit und Geld für Seminare und in eine Ausbildung bei der CoachingAcademie Bielefeld. Von der Ausbildung wurde ich nach vier von sieben absolvierten Modulen ausgeschlossen. Bereits gezahlte Gebühren wurden mir anteilig erstattet, aber das ist ein bisschen so, als würde manfrau auf einer einsamen Insel leben, selbst nicht nähen können und beim einzigen Schneider einen Mantel in Auftrag geben. Wenn der Inselschneider dann überraschend den halbfertigen Mantel und einen Teil des für seine Arbeit vereinbarten Lohns zurückgibt, nützt einem das wenig. Etwa so viel wie mir die Teilnahmebescheinigungen der CoachingAcademie.

Offizielle Begründung für den Ausschluss war, dass ich ein mir selbst gesetztes Ziel (nämlich den erhofften Job bei einer Menschenrechtsorganisation zu bekommen, bei der ich mich beworben und ein einstündiges, sehr angenehmes Vorstellungsgespräch absolviert hatte) nicht erfüllte. Konnte ich nicht, denn leider bekam jemand anders den Job. Meine persönliche, vollkommen subjektive und somit irrige Wahrnehmung war hingegen, dass ich im Verlauf der Ausbildung zu viele unbequeme Fragen gestellt und die Methodik der CoachingAcademie angezweifelt habe. Dies ist und muss aber falsch sein, denn schließlich habe ich im November 2013 eine Unterlassungserklärung unterschrieben, derzufolge ich jedes Mal 1000 € zahlen muss, wenn ich solchen Unsinn behaupte. Was ich ausdrücklich nicht tue. Unsinn behaupten. (siehe unten)

Zweimal habe ich bisher in diesem Blog über die CoachingAcademie geschrieben, einmal eher am Rande im Beitrag Zwangscoaching und dann sehr detailliert vor gut einem Jahr unter der Überschrift Coaching in der Xxxxx? (Xxxxx = Schaumwein, deutsch, Mehrzahl). Beide Beiträge zusammen wurden etwa 15.000 mal gelesen. Am 6. November 2013 ging meine Besucherstatistik durch die Decke. Auslöser war ein Beitrag auf vice.com mit dem Titel „Wie ich beinahe von einer Coaching-Sekte transformiert wurde“ und ein Link zu meinem Blog. Der Autor Jan Vollmer beschrieb detailliert, anschaulich und durchaus kritisch eines jener Basisseminare, wie auch ich es im November 2002 besucht habe. Nach drei Tagen verschwand der Beitrag aus dem Netz und mir schwante nichts Gutes.

Kurz darauf kam die Abmahnung der Anwaltssozietät Dr. Becker aus Bielefeld, zusammen mit einer Kostenrechnung über 281,30 €. Vorgeworfen wurde mir eine Urheberrechtsverletzung, weil ich in meinem zweiten Beitrag über die CoachingAcademie ein Video eingebunden hatte, das auf der frei zugänglichen Facebookseite der CoachingAcademie für derzeit 1,2 Milliarden Facebook-User erreichbar ist. (Damals gab’s noch die Funktion Einbetten, heute gibt’s nur noch Teilen. Per copy&paste konnte man den HTML-Code kopieren, um Videos einzubauen, ähnlich wie YouTube es anbietet.) Weiterhin ging es um meine erklärtermaßen unsinnige Behauptung, man hätte mich wegen unbequemer Fragen von der Coachingausbildung ausgeschlossen, sowie den Vorwurf, ich hätte die Mandantin der Anwaltskanzlei in meinem Blogbeitrag mehrfach als „Sekte“ oder sektenähnliches Unternehmen bezeichnet. Letzteres bestreite ich ausdrücklich.

Ihr könnt euch meine Empörung wahrscheinlich vorstellen, ich habe geschäumt vor Wut. Wie warmer Schaumwein, unsachgemäß geöffnet. Hab an das Grundgesetz gedacht und mein Recht zur freien Meinungsäußerung, an Zensur und Unterdrückung, an Robin Hood und Che Guevara. Und mir dann einen Anwalt genommen, obwohl ich das eigentlich für überflüssig hielt. Der riet mir jedoch, die geforderte Unterlassungserklärung zu unterzeichnen und die Rechnung der Anwaltssozietät Dr. Becker zu bezahlen. Und seine natürlich. In Summe hat mich der ganze Quatsch fast 400 € gekostet, dazu eine Menge Nerven und unnütz verplemperte Zeit. Ob die jetzt mit Schreiben verbrachten Stunden ebenfalls dazu zählen, ist ungewiss. Tatsache ist jedenfalls, dass ich bezahlt und unterschrieben habe. Außerdem waren die beiden Blogbeiträge seitdem gesperrt, also nur mit Passwort lesbar. Was mir eine Reihe von interessanten Anfragen eingetragen hat. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die sich Gedanken über die CoachingAcademie, deren Geschäftsgebaren und Umgang mit Menschen machen. Und weil man im Netz seltsamerweise so gut wie keine kritischen Äußerungen über die CoachingAcademie findet, landen die Leute schließlich in meinem Blog.

H. schrieb beispielsweise „Hallo Kassandrus, verrätst du mir, wie ich Beiträge in deinem Blog lesen kann? Ich würde gerne über deine Erfahrungen mit der CoachingAcademie lesen. Ich wurde vor einigen Tagen zu einem Infoabend geschleppt und fühlte mich irgendwie unwohl. Jetzt versuche ich ein paar Meinungen zu finden, normalerweise keine Problem im Internet. Aber es gestaltet sich sehr schwierig, mehr über die Methoden dieser Firma herauszubekommen. Hättest du etwas dagegen, wenn ich deine Beiträge lese? Mit freundlichen Grüßen, H.“

Von M. kam folgende Mail:

„Hallo, Du hast hier (ich glaube) zwei Blogeinträge über die Coaching Academie geschrieben, die passwortgeschützt sind. Komme ich da irgendwie dran? Oder kannst Du sie mir einfach kopieren und per Mail schicken? Ich war letztes Wochenende da und bin an Erfahrungen interessiert, weil ich Teile der Arbeit da wirklich gut finde, aber den „shiny-happy-people“-Rahmen und das Multi Level Marketing eher fragwürdig finde. Maria Craemer hat übrigens gesagt, dass sie zwei Unterlassungserklärungen erwirkt hat, ich weiß nicht, ob Dich das betrifft.
Würde mich freuen! Einen schönen Tag wünscht M.“

Ich bin ziemlich sicher, dass sich das Würde mich freuen! nicht auf die Unterlassungserklärungen bezieht.

Ein anderer M. (hab versprochen, dass niemand beim Namen genannt wird) schrieb: „Hallo Johannis,
leider kann man deinen Artikel auf deinem Blog zur CA Bielefeld nur mit Passwort lesen. Ich habe 2004 auch mal bei denen ein paar Seminare gemacht, mich mittlerweile aber ziemlich von ihren Gedanken distanziert. Dürfte ich deinen Artikel lesen? Ich bin über deine Antwort bei gutefrage.net auf deinem Blog gelandet. Ich mache mir gerade ein Bild über das Unternehmen heute. Auf der Seite der Sektenbeauftragten scheinen sie mittlerweile nicht mehr zu sein!?
Herzl. Gruß aus Berlin, M.“

Solche und ähnliche Anfragen beantwortete ich mit dem Hinweis auf die Abmahnung und dem Versprechen, dass beide Beiträge in entschärfter Version demnächst wieder öffentlich zugänglich sein würden. Ergänzt um einen weiteren Text, und das ist dieser hier. Weiter unten findet ihr sowohl den Wortlaut der Abmahnung als auch der Unterlassungserklärung, die ich unterschreiben musste. Der gelöschten Beitrag von Jan Vollmer könnt ihr unter diesem Link nachlesen. Bis in Googles Cachegedächtnis hat der Text es nicht geschafft, dazu wurde er zu schnell gelöscht, vermutlich ebenfalls auf Betreiben der Anwaltssozietät Dr. Becker aus Bielefeld. Aber es gibt zum Glück Webseiten, die nichts anderes tun, als Inhalte von anderen Seiten zu archivieren. So blieb der Beitrag samt Fotos erhalten und ich muss hier keinen Screenshot einbauen und weiteren Ärger mit den Bielefelder Anwälten riskieren. Die residieren übrigens unter der gleichen Anschrift wie die CoachingAcademie, Hausnummer fünf in der Goldstraße. Schöne Adresse, echt goldig!

Bekanntlich ist nicht alles Gold was glänzt. Vom chinesischen Philosophen Laotse stammt das Zitat “Wahre Worte sind nicht angenehm, angenehme Worte sind nicht wahr.” Wer den Satz „Wenn du mit Scheiße schmeißt, hast du hinterher dreckige Hände” gesagt hat, weiß ich nicht, finde ihn aber treffend. Keineswegs möchte ich mit diesem Beitrag Fäkalien auf dem Luftweg nach Bielefeld entsenden. Ich erlaube mir aber einen kritischen Blick auf jene Apologeten der Selbstoptimierung und des grenzenlosen Machbarkeitswahns, die ähnlich wie weiland der Rattenfänger von Hameln durch die Lande ziehen und fleißig Schäfchen einsammeln. Ob das geschieht, um ihnen zu höherem Bewusstsein und mehr Lebensqualität zu verhelfen, oder ob man ihnen Geld aus der Tasche und das Fell über die Ohren ziehen will, mag jeder selbst beurteilen. Ein schrecklichschönes Beispiel von leider beängstigend vielen ist Veit Lindau und sein Living Master Club (schaut euch das Video bitte nur dann an, wenn ihr einen robusten Magen oder eine Kotztüte zur Hand habt). Leute wie er tragen dazu bei, dass Coaching leider keinen besonders guten Namen hat. Zurecht sollte manfrau sich ein gesundes Misstrauen bewahren, wenn manfrau sich in der Coachingszene bewegen will. Unabhängig davon gibt es in diesem Land ein große Anzahl anständiger und vertrauenswürdiger Trainer und Coaches, die sich kundig und zuallererst für das Wohl ihrer Klienten engagieren. In aller Bescheidenheit zähle auch ich mich zu dieser Gruppe.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Rentierwahnsinn

Geschrieben von Johannis am 25. Januar 2014 um 09:14 Uhr

Den schwersten Job im ganzen Universum – und das schließt ausdrücklich alle erdähnlichen Exoplaneten samt ihrer Bewohnerschaft aus trichterohrigen quietschgrünen Männchen, Weibchen und Neutren ein – hat eindeutig der Weihnachtsmann. Innerhalb von 24 Stunden muss er weltweit Gigatonnen von oftmals schlampig verpackten und nicht selten extrem geschmacklosen Geschenken an ihre vielfach undankbaren Empfänger zustellen. Auf einem achtspännigen Rentierschlitten. Da ihm für diese Aufgabe nur gut eine Millisekunde pro Haushalt zur Verfügung steht und die Anzahl der Präsente von Jahr zu Jahr wächst, vollbringt Father Christmas alljährlich eine logistische Meisterleistung. Und das unter extremer Lebensgefahr, denn wegen der hohen Reisegeschwindigkeit (gut 1040 Kilometer pro Sekunde) und der dabei entstehenden atmosphärischen Reibungshitze fliegen ihm permanent Brocken verdampfender Rentiere um die Ohren. Ein ebenso lästiger wie unappetitlicher Effekt, begleitet von widerlichen Geruchsentwicklung. Jeder kann sich wohl vorstellen, wie ein brennendes Rentier stinkt.

Kleinliche und rechthaberische LeserInnen mögen an dieser Stelle einwenden, dass in den englischsprachigen Ländern die Bescherung erst am ersten Weihnachtstag stattfindet (Boxing Day), orthodoxe Christen beispielsweise in Russland erst am 6. Januar feiern, und erhebliche Teile der Weltbevölkerung nicht jenem sozialkritischen Revoluzzer huldigen, der von den Römern blutüberströmt und sterbend ans Kreuz genagelt als symbolhafte Bildhauerarbeit unsere christlichen Gotteshäusern ziert. Ja, das reduziert den Stress des Weihnachtsmanns ein wenig, wurde aber bei der Berechnung der tatsächlichen Arbeitsleistung und Reisegeschwindigkeit bereits berücksichtigt. Und mitnichten beschränkt sich der anstrengende Job von Father Christmas auf drei oder vier Tage jährlich, denn den Rest des Jahres züchtet er Rentiere und trainiert den blitzschnellen Wechsel der treuen Paarhufer, damit er Heiligabend möglichst wenig Zeit verliert, wenn unterwegs schon wieder ein Gespann verdampft ist. Zum Glück muss der Weihnachtsmann in den unchristlichen Gegenden dieser Welt nicht auch noch all die Bombenpakete zustellen, mit denen sich verfeindete Sunniten und Schiiten gegenseitig vom rechten Gottverständnis überzeugen und gleichzeitig in Stücke sprengen wollen.

Auch die Arbeit bei ganzjährig tätigen Paketzustellunternehmen ist nicht leicht. Das liegt unter anderem daran, dass wir immer mehr im Internet einkaufen. Rund 10 Millionen Sendungen waren im Dezember unterwegs, pro Tag. Zalando-Partys sind zwar nicht mein Ding, aber auch ich bekenne mich schuldig die Weihnachtsgeschenke für meine beiden Nichten bei Amazon bestellt zu haben. Weil’s so praktisch ist. Dachte ich. Und weil der frühe Vogel bekanntlich den Wurm fängt (der frühe Wurm wird leider gefressen), bestellte ich die gewünschten DVDs und Hörbücher schon Anfang Dezember.

Zustellung durch DHL, früher Deutsche Bundespost. Kerstin – die ebenso liebenswerte wie kompetente DHL-Frau, die seit Jahren für meinen Kiez zuständig ist – war aber offenbar krank oder hatte Urlaub, jedenfalls lag feierabends eine Benachrichtigung in meinem Briefkasten, dass ich die Sendung vom Hauptpostamt abholen müsse. Nicht etwa bei einem meiner Nachbarn, wie das sonst hier im Hause üblich ist. Was ich in den folgenden Tagen mit DHL erlebte – wo offenbar eine größere Anzahl von Weihnachtsmännern beschäftigt ist, die ausgemustert wurden, weil sie nicht durch Schornsteine passen oder ungeschickt im Umgang mit brennenden Rentiergespannen sind – habe ich chronologisch aufgeschrieben und an den Kundenservice der DHL gemailt. Lest selbst:

Sehr geehrte Damen und Herren,
zu Ihrer Information oder Unterhaltung kommt hier eine detaillierte Schilderung meiner neuesten und wirklich haarsträubenden Erfahrung mit DHL:

Donnerstag, 5. Dezember: Eine an mich adressierte Paketsendung konnte nicht zugestellt werden, im Briefkasten liegt eine Benachrichtigungskarte.

Freitag, 6. Dezember: Da ich beruflich stark eingespannt bin und weder Zeit noch Lust habe das Paket abends nach Feierabend in der völlig überfüllten Hauptfiliale abzuholen, beantrage ich telefonisch eine erneute Zustellung. 7 Minuten Warteschleife, dann ein längeres Gespräch mit einer Mitarbeiterin, die mir zum Schluss die Auftragsnummer 918884816 mitteilt. Die erneute Zustellung ist vorgesehen für Montag, den 9. Dezember.

Montag, 9. Dezember: Abends gegen 18:30 Uhr schaue ich in meinen leeren Briefkasten und wundere mich. Kein Hinweis, wer mein Paket angenommen haben könnte. Der Zettel mit den Namen jener Nachbarn, bei denen die Sendung bitte abgegeben werden sollte, klebt unangetastet am Klingelbrett. Ich überprüfe den Status der Sendung online und stelle fest, dass mein Paket immer noch in der Hauptfiliale liegt.

Dienstag, 10. Dezember: Auf telefonische Nachfrage erklärt mir eine Ihrer Mitarbeiterinnen, dass die genannte Auftragsnummer nicht existiert und im System unter der Sendungsnummer kein Auftrag für erneute Zustellung zu finden ist. Auf meine Frage, wie das denn bitte angehen könne, antwortet sie: “Keine Ahnung, das habe ich nicht zu verantworten.” Sie fragt dann umständlich alle Details für einen Auftrag zur erneuten Zustellung ab und gibt den Auftrag zum zweiten Mal ins System ein, seltsamerweise unter der gleichen Auftragsnummer wie zuvor. Das ganze Prozedere dauert fast eine Viertelstunde, inklusive Wartezeit in der Hotline. Auf meine Anregung, dass frustrierte Kunden sicherlich erfreut auf irgendeinen Ausdruck des Bedauerns reagieren würden (zumindest mir geht es so), würgt sie widerwillig ein “Tut mir leid” hervor. Der zweite Versuch zur erneuten Zustellung soll am Mittwoch stattfinden.

Mittwoch, 11. Dezember: Zu Feierabend grüßt mich hämisch grinsend das Murmeltier. Alles wie am Montag – keine Benachrichtigung, kein Paket, keiner der Nachbarn hat irgendwas gehört oder gesehen. Ich überprüfe den Status der Sendung online und stelle fest, dass mein Paket unverändert bei der Hauptpost liegt.

Donnerstag, 12. Dezember: Mittelschwer genervt rufe ich vormittags wieder bei der Hotline an und erfahre, dass unter der genannten Auftragsnummer auch diesmal kein Auftrag existiert, das Paket setzt nach wie vor in der Hauptfiliale Staub an. Die ziemlich hilflos wirkende Mitarbeiterin erklärt mir dann, dass eine erneute Zustellung nicht mehr möglich sei, das Paket hätte schon zu lange in der Filiale gelegen. Auf der Benachrichtigungskarte steht aber 7 Werktage für Sie aufbewahrt! Nach meiner Rechnung ist der siebte Werktag noch nicht rum, fällt jedoch auf Freitag den 13. Kein gutes Omen! Auf den Widerspruch hingewiesen korrigiert sie sich und behauptet, in manchen Teilen Deutschlands würden Sendungen nur sechs Werktage aufbewahrt. Klingt wenig plausibel. Nochmals einen Auftrag zur erneuten Zustellung will sie nicht aufnehmen, ich solle den Auftrag doch bitte online erteilen. Sie würde den Vorgang jetzt an das Beschwerdemanagement weiterleiten, von dort erhielte ich umgehend Feedback. Meine sauertöpfische Bemerkung, dass ich kein Feedback sondern mein Paket wolle, quittiert sie mit gestammelten Worten der Hilflosigkeit.

Kurz nach diesem Telefonat gehe ich während meiner Arbeitszeit auf die Webseite der DHL, um zum dritten Mal die erneute Zustellung zu beantragen. Völlig idiotisch finde ich, dass man dort sämtliche Angaben von Hand eintippen muss, obwohl das System alle Details des Empfängers unter der Sendungsnummer gespeichert hat. Nach einigen Minuten bin ich fertig und klicke auf Senden. Abends zuhause angekommen finde ich eine Mail mit folgendem Inhalt vor:

Sehr geehrter Kunde,
vielen Dank für Ihren Auftrag. Ihren Wunsch nach einer erneuten Zustellung haben wir erhalten und unter der Auftragsnummer 918973499 erfasst. Wir werden Ihnen Ihre Sendung voraussichtlich am Freitag, dem 13.12.2013 zustellen.

Sollten Sie noch Fragen haben, senden Sie uns einfach eine E-Mail. Bitte belassen Sie zur besseren Zuordnung Ihrer Anfrage den bisherigen Schriftverkehr in der Mail. Herzlichen Dank! Unsere Kundenberater stehen Ihnen aber auch unter der unten aufgeführten Serviceline gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Ines Mann
Kundenservice
DHL Vertriebs GmbH
Weidestr. 122 d
22083 Hamburg
Deutschland

Freitag, 13.12.2013: Zum dritten Mal klebe ich morgens den Zettel mit den Namen sämtlicher Nachbarn, bei denen die Sendung abgegeben werden kann, ans Klingelbrett und fahre zur Arbeit. Frohen Mutes. Abends ist alles wie Montag und Mittwoch. Im Vorgarten wälzt sich das Murmeltier feixend auf dem Rasen und bepisst sich vor Lachen – keine Benachrichtigung, kein Paket, keiner der Nachbarn hat irgendwas gehört oder gesehen. Ich kann es nicht glauben, raufe mir die letzten verbliebenen Haare und würde am liebsten Amok laufen, weiß aber nicht, wen ich erschießen soll. Mit dieser Performance hat DHL wahrhaftig den Mount Everest der Inkompetenz erklommen, ganz ohne Sherpas und Sauerstoffflaschen.

Erneut überprüfe ich den Status der Sendung online und stelle fest, dass mein Paket angeblich um 14:00 Uhr zugestellt wurde. An mich persönlich. Völlig unmöglich, da ich erst um 18:00 Uhr Feierabend hatte. Ich fühle mich zwar gelegentlich innerlich zerrissen, halte mich aber meines Wissens nie an zwei Orten gleichzeitig auf. Ungläubig und fassungslos wähle ich zum vierten Mal die Rufnummer 0228-28609898 und höre mir in der Warteschleife die mehrsprachigen Beteuerungen an, dass DHL sofort für mich da sein wird. Dieses Gespräch mit der Mitarbeiterin der Service Hotline dauert fast zehn Minuten. Anfänglich behauptet sie, das Paket sei zu Amazon zurückgegangen. Erst nachdem ich ihr die Details der Sendungsverfolgung vorlese, wird sie unsicher und schaltet dann die Leitung für etwa fünf  Minuten stumm. Als sie schließlich wieder zu hören ist, erklärt mir die junge Frau, das Paket wurde einem unbekannten Empfänger ausgehändigt, die Unterschrift sei nicht lesbar. Ich müsse jetzt bei Amazon anrufen und darum bitten, dass Amazon einen Nachforschungsauftrag erteilt. Nein, sie könne den Nachforschungsauftrag nicht annehmen, darum müsse ich mich kümmern. Bei Amazon. Fassungslos lege ich auf.

Etwa eine dreiviertel Stunde später logge ich mich in mein Amazon-Konto ein, finde schnell die Seite für Kundenservice und Reklamationen, und klicke auf den Button “Bitte um einen Rückruf”. Dreißig Sekunden später klingelt mein Telefon und ein freundlicher, kompetenter und verständnisvoller Mitarbeiter bearbeitet den Fall in wenigen Minuten. Um 22:37 Uhr werde ich per Mail informiert, dass die kostenlose Ersatzlieferung bereits per Express verschickt wurde. Als ich am Samstagabend heimkomme, liegt eine Benachrichtigung in meinem Briefkasten. Die Sendung ist bei einer Nachbarin abgegeben worden und wird mir zwei Minuten später unversehrt ausgehändigt.

Keine Ahnung, wofür das Akronym DHL steht. Ich werde die 3 Buchstaben zukünftig mit D für dümmlich, H für hochnäsig und L für lahmarschig besetzen. Irren ist menschlich und jeder macht mal Fehler, aber denselben Fehler dreimal nacheinander zu machen ist wirklich ausgesprochen peinlich. Fail oder Fuckup sagt man heute wohl. Was Ihr Unternehmen und seine Mitarbeiter sich mit mir geleistet haben, lässt sich allerdings nur unter Megafuckup verbuchen. Vielleicht sollten Sie sich ein Beispiel am Service und der Performance von Amazon nehmen, insbesondere wo Sie zum kommenden Jahr wieder die Preise für Paketdienstleistungen anheben. Übrigens – das versprochene Feedback von Ihrer Abteilung für Beschwerdemanagement kam bisher nicht. Aber auch das passt wunderbar ins Gesamtbild eines Unternehmens, das tolle Werbefilm macht, aber unfähig ist, ein Paket korrekt zuzustellen.

Ein PDF vom Status der Sendungsverfolgung hänge ich an und bin gespannt, ob ich von Ihrem Unternehmen nochmal höre. Idealerweise so etwas wie eine Entschuldigung. Ein Gutes hatte die Geschichte auf jeden Fall, denn die Leser meines Blogs werden sich sicherlich freuen und hämisch über DHL lachen. DHL wie dämliche hilflose Loser.

Mit freundlichen Grüßen…

Die Antwort fiel etwas schmallippig aus. Claudia Seidel vom Kundenservice schrieb mir:

Sehr geehrter Kunde,
vielen Dank für Ihre E-Mail. Es tut uns sehr leid, dass wir mit der Ausführung unserer Dienstleistung Ihre Erwartung verfehlt haben. Umso mehr schätzen wir, dass Sie sich Zeit genommen haben, uns über den genauen Sachverhalt Ihrer Unzufriedenheit zu informieren. Für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten bitten wir um Entschuldigung. Ihre E-Mail wurde in den laufenden Vorgang aufgenommen.

Bitte haben Sie jedoch Verständnis dafür, dass wir auf Anfragen in der von Ihnen gewählten Form nicht weiter eingehen werden. Gern stehen wir Ihnen künftig bei sachlichen Anfragen weiterhin zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen…

Wie ich heute weiß, ist die Sendung tatsächlich an Amazon zurückgeschickt worden. Sie kam dort in der ersten Januarwoche an (DHL füttert seine Rentiere offenbar nicht mit Kraftfutter) und der fiese steuerflüchtige Onlinehändler hat mir mittlerweile sogar drei Euro für Porto erstattet, obwohl die versehentliche Rücksendung mich kein Geld gekostet hat, sondern nur Nerven. Danke. Und die Moral von der Geschicht? Diese Welt (und besonders DHL) braucht mehr echte Weihnachtsmänner. Unerschrockene bärtige Kerle, die mit 3000facher Schallgeschwindigkeit durch die Lüfte sausen, um Pakete pünktlich abzuliefern. Auch wenn vorm Schlitten die Rentiere schneller verglühen als Raketen in der Silvesternacht, Father Christmas ist nicht zu stoppen. Gut so!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Sendezeitverschwendung

Geschrieben von Johannis am 3. Januar 2014 um 13:49 Uhr

Hinter uns liegt der schlimmste Jahreswechsel aller Zeiten. Tragische Tage der Trauer und Sorge, schmerzhafte Stunden des Bangens und Zagens. In der Silvesternacht war es totenstill, kein Gläserklingen, kein Feuerwerk, nirgendwo knallten die Sektkorken. Ein ganzes Land gelähmt vom Kummer, vereint im Gebet, hoffend auf ein Wunder. Und für das neue Jahr gab es nur einen einzigen Wunsch – möge unser heldenhafter Heilsbringer bald genesen.

„Schlimmster Jahreswechsel aller Zeiten“, höre ich nun manch herzlosen Menschenfeind fragen, „was war denn 2004? Da sind am zweiten Weihnachtstag in den Monsterwellen des Tsunamis fast eine Viertelmillion Menschen ersoffen.“ Ja, stimmt, das war auch nicht schön. Aber es handelte sich bei den Opfern überwiegend um unbekannte Menschen in der Dritten Welt, und die sind bekanntlich Kummer gewöhnt. Und auch jene Touristen, die in Thailand oder anderswo ihr finales Wellenbad nahmen, kannte kaum jemand. Anders bei Schumi, er ist wie ein Bruder für uns, wird von allen geliebt. Der sechsfache Formel-1-Weltmeister ist eine Lichtgestalt, ähnlich wie Boris Becker. Beide sind vielleicht nicht besonders helle, aber nun ist der Rennfahrer auch noch auf den Kopf gefallen. Beim Skifahren abseits der Piste.

Doch er stürzte nicht etwa wegen überhöhter Geschwindigkeit und halsbrecherischer Fahrweise, wie seine Managerin eilig verlautbaren ließ, sondern wurde durch die grausame Hand des Schicksals zu Fall gebracht. Michael Schumacher ist das erste und prominenteste Opfer des Klimawandels, denn in den französischen Alpen liegt zu wenig Schnee. Und unter diesem Schnee lauern tödliche Felsbrocken. Scharfkantig und steinhart. Typisch, diese fahrlässige Schlamperei der Rotwein trinkenden Froschfresser – als könne man so ein Alpenpanorama nicht ebenso gut aus Glasfaser, Kunstharz und grauen Schaumstoffklötzen bauen. Benutzerfreundlich eben. Es würde mich nicht wundern, wenn die neidzerfressenen Franzmänner es insgeheim auf unseren Weltmeister abgesehen haben, denn die Tage von Jean Alesi und Alain Prost sind längst vorbei.

Am Silvesterabend und auch tags zuvor gab es in den Nachrichten nur ein einziges Thema – Schumi. ZDF-heute und auch die Tagesschau widmeten leider nur jeweils ein Drittel ihrer abendlichen Hauptsendungen den Hämatomen und Hirnprellungen unseres Weltmeisters der Herzen. Beschämenderweise verzichtete man sogar auf Sondersendungen à la Brennpunkt und ZDF-Spezial. Ziemlich instinktlos, finde ich. Zumindest unsere Kanzlerin, die ostdeutsche Moppelelse und opportunistische Fähnchennachdemwindedreherin, schaltete schnell und schickte Steffen Seibert vor die Kameras. Der professionelle Aussagenvermeider und Worthülsendrescher trieb dem Volk salbadernd bittersalzige Tränen in die Augen und wünschte Schumis Familie Kraft, Zuversicht und Zusammenhalt. Zusammenhalt? Bahnen sich etwa schon Erbschaftsstreitigkeiten an? Nicht ohne Grund lebt Michael Schumacher – geschätztes Jahreseinkommen zu aktiven Zeiten 150 Millionen – seit langem als Steuerflüchtling in der Schweiz.

Enttäuschend fand ich, dass unsere stets in einfarbige Sakkos (ist die phonetische Ähnlichkeit zum Sack zufällig?) gehüllte Regierungschefin das Leiden des pensionierten Rennfahrers in ihrer Neujahrsansprache mit keinem Wort erwähnte. Ganz schlechter Stil, so etwas kann man sich nur kurz nach der Bundestagswahl erlauben. Zumindest der unbekannte Vereinsvorsitzende eines von zigtausend Schumi-Fanclubs fand zwischen Pokal-Imitationen und knallroter Ferrari-Bettwäsche die richtigen Worte: Sechs Weltmeistertitel hat Michael bereits gewonnen, nun fährt er um den siebten und wichtigsten, um sein Leben. Gut – fahren stimmt nicht ganz, wenn man im künstlichen Koma liegt, da wird man wohl eher geschoben. Von den Krankenschwestern in den OP und zurück. Jammerschade, dass er auf solch tragische Weise das Steuer aus der Hand geben muss.

Mitleid habe ich aber auch mit den vielen hundert Journalisten aus aller Welt, die ihre Ü-Wagen im Schneematsch vor der Klinik in Grenoble aufgebaut haben und frierend neben den Kameras auf Neuigkeiten warten. Nix passiert. Einmal täglich stottert die nervöse blonde Managerin von Schumi ein paar Zeilen in die Mikrofone, das war’s dann. Kackjob! Angeblich wollen Fans heute Abend Glückwünsche und Grüße an die Krankenhausfassade projizieren, hoffentlich gibt das wenigstens ein paar sendetaugliche Bilder.

Nur wirklich böse und hartherzige Menschen mögen sich fragen, womit dieser ganze Zinnober gerechtfertigt wird. Menschen wie ich beispielsweise. Welche Verdienste hat Schumacher sich erworben, wenn man von den Millionen absieht, die er als rundendrehender Werbeträger gemacht hat. Wäre die Welt ärmer ohne Formel-1-Rennen? Müssen wirklich 14-tägig irgendwo in der Welt Hunderttausende Fans klimaschädlich anreisen, um ein paar Typen zuzuschauen, die besonders talentiert im Verbrennen von Sprit und Gummi sind? Ist das tatsächlich Sport? Eigentlich geht es doch nur um Kohle, um Werbung mit Nervenkitzel.

Wie auch immer, schön zu sehen, dass die Menschheit zusammensteht in Bestürzung, Hoffnung und Mitgefühl. Auf Twitter kann man unter dem Hashtag #PrayForSchumi viel Herzerwärmendes lesen, zum Beispiel Glückwünsche zu Schumis 45. Geburtstag. Allerdings auch manch kitschigen Eintrag, der Übelkeit und Würgreiz auslöst. Die Welt ist offenbar voll von Menschen, deren Leben derartig leer und belanglos ist, dass sie ihr Dasein ohne einen Helden kaum ertragen. Offenbar hilft vielen die Identifikation mit einem Kerl, der besonders gut im Kreis herumfahren und Champagner verspritzen kann. Vom karmischen Standpunkt betrachtet ist es übrigens nicht weiter verwunderlich, dass jemand, der sein halbes Leben halsbrecherisch durch die Welt gerast ist, im Rollstuhl landet. Man kann nur hoffen, dass Schumi wieder ganz gesund wird. Damit er nicht demnächst sonntagabends vor der Tagesschau im Wechsel mit Monika Lierhaus die Gewinnzahlen der Glücksspirale in die Kamera stammelt.

Gestern wurde der blonde Recke aus Kerpen in den Abendnachrichten schnöderweise mit keinem Wort erwähnt, das wird heute an seinem Geburtstag wohl anders sein. Stattdessen ging es um Pofalla, dessen hässliche Hackfresse wir zukünftig zwar seltener auf den Bildschirmen erdulden müssen, weil er den Job im Kanzleramt los ist. Erleichterung und  Freude währten jedoch nur kurz, denn bald verdient sich der prinzipienlose Mistkerl eine goldene Nase im Vorstand der Deutschen Bahn. Verdient ist das falsche Wort, ergaunert wäre richtiger. Aber so ist die Welt eben, ungerecht und voller Tragik. Ich wünsche euch trotzdem ein frohes neues Jahr.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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