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Warum ich nicht mehr schreibe und irgendwie doch wieder

Geschrieben von Johannis am 10. August 2015 um 16:55 Uhr

Früher war bekanntlich alles besser. Sehe ich auch so – vielleicht nicht alles, aber zumindest manches. Ich hab zum Beispiel in den 1980zigern in Bremen in einer WG gewohnt und wir hatten im ganzen Haus nur Ofenheizung. Im Bad – praktischerweise im zugigen Souterrain gelegen – stand ein kupferner Badeofen und an einer Wand hing ein schwächlicher Durchlauferhitzer, der reichlich Strom verschlang und wenig Warmwasser ausspuckte. Im Winter in einem eiskalten Badezimmer zu duschen war kein Vergnügen, deshalb nahmen wir es mit der Reinlichkeit nicht ganz so genau. Oder fütterten den Badeofen abends mit Feuerholz, bis er richtig schön bullerte. Nach einer halben Stunde reichte das Wasser sogar für ein Vollbad, das Badezimmer war kuschelig warm und es duftete nach Kiefernholz. Nie wieder habe ich so gern gebadet wie damals. Heute drehe ich den Hahn auf, die Gastherme springt an, duschen und fertig. Nix mit Lagerfeuerromantik. Schöne neue Welt.

Ebenfalls besser – zumindest für den kleinen Kreis meiner treuen Leserschaft – war die Zeit vor dem Sommer 2011. Eine zeitlang gab es dreimal wöchentlich Frischfutter für die Blogverrückten, immer montags, mittwochs und freitags. Damals habe ich in zwei Wochen mehr Beiträge geschrieben als in den letzten anderthalb Jahren, man konnte mich also mit Fug und Recht auch zu den Blogverrückten zählen. Gelegentlich finden sich auch heute noch liebenswerte Bitten um Lesefutter in der Kommentarspalte. Entweder antworte ich vor lauter Zerknirschtheit gar nicht oder schreibe eine Antwort, die lang genug wäre, um als Beitrag durchzugehen. So wie neulich, als Fettauge mich bat, ich möge doch mal wieder etwas Neues schreiben.  Die Antwort drehte sich um mein erschummeltes Großes Latinum, meinen Lateinlehrer Herrn Hille und die Vorzüge von hohen Mopedstiefeln. Fettauge war zufrieden.

Ob das hier weiterhin um Badeöfen und Mopedstiefel geht, willst du wissen? Na gut – dann Butter bei die Fische. Vor drei Jahren verschickte ich Exposé und Leseprobe für ein Buch mit dem Arbeitstitel „Ich war ein Gutmensch – 13 Jahre Entwicklungshilfe in Nepal“ an sechs Literaturagenturen. Drei antworteten nicht, drei waren interessiert, zwei davon boten mir schließlich einen Vertrag an. Einen Agenturvertrag wohlgemerkt, das heißt, sie wollten gegen Provision das Buchprojekt vermarkten. Nach Aussage von Branchenkennern war diese Resonanz, immerhin ein Drittel Erfolgsquote, ungewöhnlich positiv für einen Nobody unter den Schreiberlingen. Ich unterschrieb einen der beiden Verträge, fuhr kurz darauf zur Frankfurter Buchmesse und wähnte mich im Aufwind. Gudrun Hebel, Inhaberin von agentur-literatur.de, war freundlich, hilfsbereit und zuverlässig. Aber leider glücklos im Verkauf, kein Verlag wollte mein Buchprojekt herausbringen. Also nix mit Aufwind, Ruhm und Groupies, nur unerfüllte Hoffnungen.

Nach einem Jahr rief ich die andere Agentin an – ihr Name klingt ähnlich wie Bösewicht und die Agentur schreibt sich mit 2 z, mehr kann ich zum Selbstschutz nicht verraten – sie bat erneut um den Text, las ihn übers Wochenende und schrieb mir am Montag, sie hätte bereits einen Verlag mit großem Interesse. Wow! Also wechselte ich die Agentur (danke Frau Hebel, dass Sie auf meinen Wunsch klag- und fristlos den laufenden Vertrag auflösten) und war wieder guter Hoffnung. Exposé und die existierenden 150 Seiten des Manuskripts wurden von mir zusammen mit einem Lektor (den Frau Bösewicht drei Monate später feuerte) gründlich überarbeitet, und alles sah gut aus. Im Oktober 2013 fuhr ich nach Berlin, traf Frau Bösewicht und meinen Lektor, und am nächsten Tag hatten wir Termin beim Verlag.

Angeblich war der Vertrag für das Buch schon unterschriftsreif, alles nur noch Formsache – so redete jedenfalls Frau Bösewicht, als wir uns am Vorabend im Restaurant beim Wein gegenübersaßen. Am nächsten Morgen sah alles anders aus. Sie kam zu spät, die Verlagschefin war nicht da sondern in München, und das Treffen mit den Mitarbeitern verlief eher enttäuschend. Kein Wort von Vertragsunterzeichnung, stattdessen bestellten sie einen ausführlichen Strukturentwurf (jedes Kapitel planen und mit Überschriften versehen, dann inhaltlich beschreiben, das Ganze sprachlich sexy aber knapp gehalten – 4500 Wörter, eine Schweinearbeit!) und wollten weiter in engem Kontakt bleiben. Um es kurz zu machen: Ich hörte nie wieder von diesem Verlag und erfuhr Monate später erst auf hartnäckige Nachfrage von meiner Agentin, dass das Projekt wegen rechtlicher Bedenken abgelehnt worden sei. Also aus Angst vor einer Klage der Person, die jenen deutschen Verein leitete, für den ich 1998 als Freiwilliger nach Nepal ging. (Sie/er ist mittlerweile auch in Nepal angeklagt und hat Einreiseverbot.) Dort erfuhr ich, dass die hiesige Staatsanwaltschaft gegen den Vereinsvorstand bereits seit drei Jahren ermittelte. Wegen des Vorwurfs der Veruntreuung von Spendengeldern in Höhe von mindestens 150.000 DM. Medikamentenversuche an Schutzbefohlenen gab es angeblich auch, sogar mit Todesfällen. Trotzdem wurden die Ermittlungen nach fünf Jahren unter äußerst merkwürdigen Umständen eingestellt. Wie auch immer – dem Verlag war die Sache zu heiß, das Projekt verschwand in der Schublade und schlummert noch heute auf meiner Festplatte.

Für Frau Bösewicht schrieb ich im Dezember 2013 außerdem ein Exposé und die ersten sechs Kapitel einer Biografie über Mahatma Gandhi. Zielgruppe waren Jugendliche ab 14, der Jugendbuchverlag war angeblich wild entschlossen und ich einer von zwei Autoren in der Endausscheidungsrunde – das klang doch gut! Im Januar bekam der Verlag ein neues Management. Kostensenkung, Stellenabbau – der ganz normale kapitalistische Wahnsinn. Alle geplanten Projekte wurden auf Eis gelegt. Fazit: Die Biografie über den berühmten Inder mit der Nickelbrille wurde nie herausgebracht. Ich hatte wieder die Arschkarte gezogen.

So etwas passiert natürlich, Misserfolge gehören dazu, die Welt ist ja kein Ponyhof. Was mir aber nachdrücklich den Spaß am Schreiben verdorben hat, war Frau Bösewicht. Als die Aussicht auf schnelles Geld verflogen war – immerhin kassiert die Agentur fast ein Viertel des Autorenhonorars – ließ sie mich am ausgestreckten Arm verhungern. Auch extrem höfliche Mails wurden nicht beantwortet, bei Anrufen in der Agentur landete ich immer auf dem Anrufbeantworter, auf ihrem Handy war nur die Voicebox für mich zu sprechen. Rückrufe Fehlanzeige. So ging das vier Monate lang, bis ich irgendwann die Schnauze voll hatte. Von einem Telefon ohne Rufnummernübertragung rief ich in Berlin an und hatte plötzlich, oh Wunder, meine Agentin am Apparat. Ihren Tonfall pampig zu nennen, ist ungefähr so stimmig, als würde man ein tollwütiges Stachelschwein als ideales Kuscheltier für Kleinkinder bezeichnen. Was ich mir einbilden würde, wieso ich ständig angerufen hätte, mit mir würde sie ja eh kein Geld verdienen – in der Tour wurde ich abgekanzelt.

Ein dreiviertel Jahr vorher war ich noch ihr Liebling gewesen, hatte sie mich wie den Messias unter den Nachwuchsautoren behandelt und mir löffelweise Honig ums Maul geschmiert. Und ich war doof genug gewesen, der alten Hexe zu glauben und ihr die Nummer abzukaufen. Wochenlang musste ich um eine vorzeitige Auflösung des Vertrages betteln. Ich war bis Ende 2015 exklusiv an sie gebunden, mit automatischer Verlängerung, hatte also kein Recht, ohne ihre Zustimmung Bücher herauszubringen. Falls ich überhaupt einen Verlag gefunden hätte oder erneut eine Agentur. Sieht nicht gut aus, wenn man erfolglos ist und schon zweimal gewechselt hat. Irgendwann kündigte Frau Bösewicht mir fristlos per E-Mail, obwohl der Vertrag dies nicht vorsieht. Mit einem diplomatischen Trick – sie hatte sich wiederholt als Buddhistin bezeichnet, also appellierte ich in einem handgeschriebenen Brief an ihr Mitgefühl und warnte sie dezent vor schlechtem Karma – bekam ich schließlich den Auflösungsvertrag, den ich ihr samt frankiertem Rückumschlag geschickt hatte, zurück. Ohne Firmenstempel, aber immerhin unterschrieben.

So, genug gejammert. Was habe ich daraus gelernt? Es gibt gute und weniger gute Menschen, aber das wusste ich schon vorher. Musste wohl mal wieder daran erinnert werden. Ich bin zu gutgläubig und vertraue darauf, dass Menschen sich anständig verhalten. Weil auch ich das meistens tue. Manche Leute benehmen sich allerdings wie ein Schwein auf dem Sofa, scheißen einem die Bude voll und hinterlassen – wenn man sie endlich los ist – einen widerwärtigen Gestank, der partout nicht verschwinden will. Vermutlich, weil der Kopf keine Lüftungsklappen hat. Von wegen, die Gedanken sind frei. Bullshit. Und in der Literaturbranche geht es ähnlich zu wie beim Menschen- und Drogenhandel. Mittlerweile dreht sich auch dort fast alles ums Geld, statt um gute Bücher und Autoren, und das gegebene Wort zählt wenig. Vielleicht sogar weniger als bei Menschen- und Drogenhändlern, persönlich kenne ich aber keine. Meine Reisekosten für den Trip nach Berlin hat Frau Bösewicht nie erstattet, die Quittungen für Hotel, Taxis und Fernbusticket aber eingesackt. Steuersenkung auf Kosten des Autors. Egal.

Neuerdings schreibe ich für das Portal whicee.com, für ein bescheidenes Honorar. Immerhin. Die Betreiber sind auf mich zugekommen, sie mögen meinen Stil und wollten gerne, dass ich für sie schreibe. Hat mich gefreut. Die Seite läuft noch in der Betaversion und ist erst seit 1. August offiziell online. Vorerst werde ich viermal im Monat dort sogenannte Comments posten, Texte zwischen 100 und 800 Worten. Meine Beiträge findet ihr unter Kassandrus. Sie sind vielleicht kein vollwertiger Ersatz für einen typischen Perlenschweintext, aber doch besser als gar nichts, oder? Und da ich mittlerweile wieder Freude am Schreiben finde, erscheint vielleicht auch hier demnächst ab und zu mal wieder was. Ideen habe ich jedenfalls genug, und dass Schreiben oftmals brotlose Kunst ist, weiß ich ja.

So, genug für heute. Der Text ist eh wieder länger geworden, als ich wollte, aber ein paar Leute werden sich vielleicht freuen. Bis dann, haltet die Ohren steif!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Du hast meine religiösen Gefühle verletzt!

Geschrieben von Johannis am 18. Januar 2015 um 10:01 Uhr

Quatsch, Blödsinn, bullshit, merde, gequirlte Kinderkacke. Gefühle kann man nicht verletzen. Punkt! Einem Körper oder einer Pflanze kann man Verletzungen zufügen, aber das war’s dann auch schon. Ein Gefühl ist – wie der Name sagt – etwas, das manfrau fühlt, und zum Fühlen benutzen wir unsere Sinnesorgane. Kälte, Hunger, Schmerz, eine liebevolle Umarmung, Sonnenwärme oder Wind auf der Haut – all dies fühlen wir. Es sind unangenehme oder angenehme Reize, die über unsere Nervenbahnen ans Gehirn gemeldet und dort verarbeitet werden. Und Reaktionen auslösen. Wer friert, will sich wärmen; wer Hunger hat, sucht Nahrung; wen eine Mücke gestochen hat, den juckt es.

Angst ist ein Sonderfall. Ich meine echte Angst, lebensbedrohliche Angst. Wenn dein Haus brennt, jemand dich mit dem Messer bedroht oder du ein dösendes sieben Meter langes Krokodil neben dir am Ufer entdeckst, geht es um Leben und Tod. Dann fühlst du echte Angst und in Sekundenbruchteilen wählt dein Hirn automatisch die Verhaltensweise mit der größten Überlebenschance. Flucht, Kampf oder sich tot stellen – das sind seit zigtausend Jahren die gängigen Alternativen. Adrenalin und andere Botenstoffe werden ausgeschüttet, Herzschlag, Atmung und Muskelspannung verändern sich radikal, um dein Überleben zu sichern. Aber solange dich kein Tiger angreift oder du mit dem Flugzeug abstürzt, sind fast alle deine Ängste Emotionen. Keine Gefühle. Auch Liebe ist eine Emotion, aber das würde heute zu weit führen.

Ein einfaches Beispiel: Du wachst mitten in der Nacht von einem seltsamen Geräusch auf, kannst es nicht einordnen. Knackt ein Balken im Dachstuhl oder schleicht jemand die Treppe herauf? Wurde nicht erst vorletzte Woche in der Nachbarschaft eingebrochen und ein älteres Ehepaar mit der Waffe bedroht? Sollst du die Polizei rufen? Aber was, wenn die Einbrecher dich am Telefon sprechen hören und dann auf dich losgehen? Und wie lange dauert es, bis ein Streifenwagen kommt – zehn Minuten oder eine Viertelstunde? Derweil liegst du in einer Blutlache, mit eingeschlagenem Schädel. So – viele Menschen würden jetzt sagen, dass sie Angst FÜHLEN. Aber es sind Emotionen, körperliche Reaktionen auf Gedanken, auf Kopfkino. Die physischen Prozesse, die sich in deinem Körper abspielen, unterscheiden sich nicht großartig von dem, was du vor einem Flugzeugabsturz empfinden würdest. Panik, Herzrasen, Schweißausbrüche, beschleunigte Atmung und so weiter.

Falls du dich traust, das Licht einzuschalten, kannst du dich der vermeintlichen oder realen Gefahr stellen. Und entweder sind wirklich Einbrecher im Haus, dein pubertierender Sohn schleicht nach einer Party bekifft zurück in sein Zimmer, oder die Hauskatze hat Langeweile und lebt ihren Spieltrieb aus. Jede Variante löst unterschiedliche Reaktionen aus – du schließt dich im Schlafzimmer ein und rufst tatsächlich die Polizei, der Bengel bekommt ’ne Standpauke, die Katze wird gekrault oder kriegt einen Tritt. Höchstwahrscheinlich war aber gar nichts Ungewöhnliches los. Der Dachstuhl hat geknarrt, weil Holz sich je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit ausdehnt oder zusammenzieht. Doch in deinem Kopf ist ein Film abgelaufen, ähnlich wie wenn die Sauerstoffmasken im Flugzeug herunterfallen und du durchs Fenster ein brennendes Triebwerk sehen kannst. Kopfkino vom allerfeinsten.

So, nun aber endlich zu den religiösen Gefühlen, die in letzter Zeit ständig und überall verletzt werden. Ich habe mir lange überlegt, ob ich nach dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo meine lange Schreibpause beenden soll. Mittwoch erschien die erste Ausgabe nach der barbarischen Bluttat, auf der Titelseite die Zeichnung eines weinenden Turbanträgers mit einem Schild “Je suis Charlie” und darüber der Satz “Alles ist vergeben”. Eine große, zu Herzen gehende Geste, fern jeder Provokation. Und trotzdem waren sich die Spezialisten für religiöse Gefühlsverletzungen – und in dieser Disziplin sind Muslime weltweit das, was der FC Bayern München für die deutsche Bundesliga ist – einig, dass auf der Titelseite mal wieder der Prophet Mohammed verunglimpft wird. Die Folge: Tote in Niger und Jordanien, in Pakistan gingen sogar die Parlamentsabgeordneten wutentbrannt auf die Straße. Borniertheit, Pawlowsche Reflexe, liebgewonnene Feindbilder – es gäbe viele Erklärungen für diese immergleiche Empörung.

Mich kotzt das an! Wie armselig muss ein Prophet sein – wohlweislich Überbringer der allein seligmachenden göttlichen Wahrheit – wenn man ihn durch Karikaturen beleidigen kann. Insbesondere, obwohl er schon seit fast 1400 Jahren tot ist. Falls es einen allwissenden, liebenden, allmächtigen und verzeihenden Gott gibt, dann hat er sicherlich auch Humor und grinst über Karikaturen wie die aus Charlie Hebdo. Wo übrigens seit Jahren regelmäßig auch Christen und Juden auf die Schippe genommen werden. Wie kleingeistig und engstirnig müssen jene Menschen sein, die an Allah und seinen Propheten Mohammed glauben und ständig behaupten, ihre religiösen Gefühle seien verletzt worden. Bullshit! Es geht nicht um den Propheten, sondern um ihr Ego, um unterentwickelten Selbstwert.

Die lautstark beklagten vermeintlichen Verletzungen der religiösen Gefühle sind nichts anderes als Emotionen. Und wie ich weiter oben ausführlich erläutert habe, sind Emotionen nichts anderes als körperliche Reaktion auf Gedanken. Und wer denkt die Gedanken? Steuert die Redaktion von Charlie Hebdo etwa die Gedanken von 1,5 Milliarden Muslimen weltweit? Natürlich nicht. Aber es ist so viel einfacher, sich einen Sündenbock zu suchen, ein Hassobjekt, als Verantwortung für die eigenen Gedanken und das eigene aufgeblasene Ego zu übernehmen.

Ich gebe unumwunden zu, dass der Islam in meinen Augen die rückständigste und unattraktivste Weltreligion ist. In allen großen Religionen, auch im Buddhismus, haben Frauen leider weniger Rechte, gelten oftmals als Menschen zweiter Klasse. Als Feminist – und auch Männer können Feministen sein – bedauere ich dies und es macht mich wütend. Vielleicht irre ich mich, aber nirgendwo ist die Unterdrückung der Frauen so offenkundig wie im Islam, und irgendwo mangelt es derartig an Aufklärung und Erneuerung. Rückwärtsgewandte bärtige alte und junge Männer geben in vielen islamischen Ländern den Ton an, üben Macht aus, kontrollieren Volk und Medien. Oftmals mit Waffengewalt. Al Qaida, Al Schabaab, Boko Haram, IS – eine Liste der 20 wichtigsten islamistischen Terrororganisation findet sich hier. Terror ist heute oftmals gleichbedeutend mit fanatischem Islamismus. Man mag von den Dresdner Pegidisten halten was man will – und sicherlich ist das Abendland nicht von Islamisierung bedroht – aber tagtäglich werden in vielen Ländern barbarische Bluttaten ausgeführt von fanatischen Islamisten. Das schürt Unbehagen, auch bei mir.

In Deutschland erscheinen pro Jahr etwa 100.000 neue Bücher, in der arabischen Welt sind es einige hundert, es mangelt dort offenkundig an Meinungsvielfalt, Aufklärung, intellektueller Vielfalt und Bildung. Zum Verständnis unserer komplizierten Welt reicht es nicht, wenn Kinder den Koran auswendig herbeten können. Muslime sind sicherlich nicht dümmer als Juden, Christen, Hindus, Buddhisten, Jains, Daoisten, Bahais oder Atheisten. Bedauerlicherweise sind viele Muslime aber offenbar sehr empfindlich, was ihre sogenannten religiösen Gefühle angeht. Also ihre Emotionen, die körperlichen Reaktionen auf ihre Gedanken. Unangenehme Gedanken gleich unangenehme Emotionen, so einfach ist das. Und wer ist verantwortlich für deine Gedanken? Du. Niemand sonst.

Auffällig ist auch, dass ausgerechnet die Anhänger jener Religion, der alle Nichtmuslime als Ungläubige, als Heiden gelten, die man straflos töten darf, ständig über ihre verletzten Gefühle lamentieren. Im fünften Vers der 9. Sure (Surat at-Tauba) des Korans heißt es: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen!“ Beschweren sich Milliarden von Andersgläubigen etwa ständig darüber, dass ihre Götter nach Ansicht der Moslems nur Götzen sind? Beklagen Atheisten weltweit lautstark oder gar mit Waffengewalt die religiöse Arroganz der Muslime? Wohl kaum.

Wir haben auf diesem Planeten derartig viele und wirklich ernsthafte Probleme, die – wenn wir sie nicht sehr bald, gemeinsam und mit Entschlossenheit lösen – schon in wenigen Jahrzehnten den Lebensraum vieler Pflanzen, Tiere und Menschen unwiederbringlich zerstören werden. Es ist töricht, wenn Menschen einander töten, bloß weil sie an verschiedene Götter glauben. Wenn es einen Gott oder eine Göttin gibt, dann gilt ihnen jedes Lebewesen, gilt jeder Mensch gleich viel. Mir gefällt die Definition von Eckhart Tolle: “Gott ist das ewige Eine Wesen hinter allen Formen, die das Leben annimmt.”

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Hurra, die Russen kommen!

Geschrieben von Johannis am 23. August 2014 um 14:09 Uhr

Keine Ahnung, ob’s am Klimawandel liegt – aber in diesem Jahr fällt das Sommerloch aus. Ähnlich wie bei der Siebenschläferregel konnte man sich früher darauf verlassen, dass pünktlich mit dem Beginn der Parlamentsferien die große Nachrichtenflaute ausbrach. Ein paar Hinterbänkler nutzten diese langweiligen Wochen, um mit obskuren Thesen und hirnverbrannten Forderungen wenigstens kurzfristig ins Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Ansonsten drehten sich die Schlagzeilen um Schnappschildkröten oder Krokodile, die in irgendwelchen Baggerseen gesichtet wurden und nur darauf warteten, mit einem Biss ein Kinderärmchen zu durchtrennen oder männlichen Badegästen an die ungeschützten Meistweichteile zu gehen.

Dieses Jahr ist alles anders. Pythons sind zwar angesagt (beim Sonntagsfrühstück oder im Auto), aber die Medien bräuchten eigentlich keine entflohenen Reptilien, um Sendezeit und Seiten zu füllen. Im Gegenteil, das Angebot an Krisen, Katastrophen und Kalamitäten ist derartig groß, dass viel Haarsträubendes hinten runterfällt. Wer erinnert sich noch an #Bringbackourgirls und die gut 200 Schülerinnen christlichen Glaubens, die vor nunmehr 131 Tagen im Norden Nigerias von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram entführt wurden? Die Leichen dieser Kinder verwesen wahrscheinlich schon längst irgendwo im Dschungel oder die unschuldigen Mädchen wurden solange vergewaltigt, bis sie Jesus freiwillig abschworen und gehorsam zum Islam konvertierten. Auch über den Krieg in Syrien wird kaum noch berichtet, irgendwie verständlich, denn schließlich findet dort unter den Augen der Weltöffentlichkeit seit fast 3 Jahren ein grauenvoller Völkermord statt.

Nein, die Schnappschildkröten und Krokodile dieses Jahres heißen Wladimir Putin, Benjamin Netanjahu oder Abu Bakr al-Baghdadi. Letzter ist selbsternannter Kalif des kürzlich ausgerufenen islamischen Staats, der sich von Syrien bis weit in den Irak hinein erstreckt. Dort köpfen, kreuzigen, morden, vergewaltigen und brandschatzen fanatische Rebellen im Namen von Allah und Mohammed mit einer Brutalität, wie man sie sonst nur aus Videospielen der neuesten Generation kennt. Hunderttausende sind auf der Flucht und die Welt schaut weitgehend hilflos zu. Völkermord und Vertreibung, religiöser Fanatismus und marodierende Rebellenbanden – das gehört leider mittlerweile zum Alltag wie Nutella auf den Frühstückstisch.

Gaza, Irak, Ukraine, Syrien – Außenminister Walter Steinmeier kennt keinen Urlaub. Er ist ständig unterwegs zwischen Mossul, Bagdad, Kabul, Kiew oder Kairo – immer unterwegs als diplomatischer Feuerwehrmann und mit dem Ziel, seinen Gesprächspartnern Kompromissbereitschaft und Entscheidungen abzuringen, die wenigstens ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand erkennen lassen. Eigentlich kein Wunder, dass Guido Westerwelle an Leukämie erkrankt ist. Nach der verheerendsten Wahlniederlage aller Zeiten und der Implosion jener Partei, die sich früher erfolgreich für Hoteliers, Architekten, Zahnärzte und andere Besserverdiener einsetzte, muss der unpopuläre Guido nun mit ansehen, wie ein weißhaariger Nierenspender seinen ehemaligen Job souverän, mit Sachkenntnis und bei steigender Beliebtheit meistert. Das und der Sturz der FDP in die Bedeutungslosigkeit haben Herrn Westerwelle offenbar bis ins Mark getroffen, und dort entstehen ja bekanntlich die Blutzellen. Nein, ich spotte nicht über einen Krebskranken, ich weise nur auf mögliche psychosomatische Zusammenhänge hin.

Für die Generation unserer Eltern (oder Großeltern, bei den jüngeren Lesern) waren die Russen der Inbegriff der Bedrohung, das Böse an sich. Ob geflohen aus Ostpreußen, Pommern und anderen Teilen des Großdeutschen Reichs oder Jahre nach Kriegsende ausgemergelt aus russischer Gefangenschaft entlassen, ob man in der zur Reparation und Rache ausgeplünderten sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR) in Angst und Mangel aufgewachsen war oder in Westberlin während der russischen Blockade nur mithilfe amerikanischer Rosinenbomber überlebt hatte – Millionen Menschen machten schlechte Erfahrungen mit der UdSSR, ihren Herrschern und Soldaten. Dann Wettrüsten, Kubakrise und Kalter Krieg – erst mit Gorbatschow und der Wiedervereinigung begann der eisige Ostwind zu drehen, wurde das Klima milder. 25 Jahre ist das nun her und noch bis vor kurzer Zeit erschien ein friedliches Miteinander von Ost und West auf Dauer selbstverständlich.

Vorbei. Erst hat der Lügenbaron aus Moskau trickreich die Krim annektiert, dann schickte er Waffen und Kämpfer in den Osten der Ukraine. Es herrscht wieder Krieg in Europa, die Abendnachrichten beweisen es Tag für Tag. Die Wirtschaft schwächelt nach den zögerlich verhängten Sanktionen, Aktienkurse sinken und keiner weiß, ob wir im kommenden Winter genug Gas zum duschen, heizen und kochen haben werden, wenn Putin den Ukrainern die Pipelines abdreht. Was ist sein nächster Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung des angeknacksten russischen Nationalstolzes? In der Heimat schwimmt er auf einer Welle der Popularität, alles scheint möglich. Wird er Waffen und Soldaten nach Lettland schicken, wo ebenfalls viele Russen leben? Dann müsste die NATO einschreiten und das wäre der Beginn eines Krieges, den viele von uns schon seit Jahrzehnten für fast undenkbar halten.

Unvorstellbar? Nichts scheint unmöglich in diesem Sommer ohne Loch. Freuen können sich höchstens Journalisten und andere Medienmacher, weil sie nicht wie sonst mühsam kleine Nachrichtenbröckchen aus der dünnen Suppe des Sommerlochs fischen müssen, sondern täglich ein reichhaltiges Angebot an Schockthemen zur freien Auswahl präsentiert bekommen. Man darf gespannt sein, was dieses vermaledeite Jahr noch bringen wird. Steigt womöglich demnächst ein Atompilz gen Himmel, die Bombe gezündet von jenen technisch überforderten prorussischen Separatisten, die auch mit Putins Boden-Luft-Raketen nicht klar kamen und versehentlich ein malaysisches Verkehrsflugzeug vom Himmel schossen? Oder werden die IS-Rebellen den Mossul-Staudamm zurückerobern und dann sprengen, um hunderttausende Iraker im Schlaf zu ersäufen? Breitet sich die Ebola-Epidemie weiter aus, bis ganz Afrika unter Quarantäne gestellt werden muss? Der Schrecken kennt keine Grenzen und mit zunehmend mulmigem Gefühl fragt sich mancher, ob dies bereits der Beginn der Apokalypse ist. Angesichts der Gewissenlosigkeit, mit der gierige oder gleichgültige Erdlinge diesen wundervollen Planeten ausbeuten und verwüsten, hätten wir’s vermutlich verdient.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Galoppierende Volksverblödung

Geschrieben von Johannis am 12. August 2014 um 12:12 Uhr

Mein eh schon stark geschwächtes Vertrauen in die Demokratie wurde dieser Tage erneut schwer erschüttert. Auf der nach oben offenen Reichtmir-Skala schlugen die Zeiger bis 7,9 aus, als die Türken ihren zweitobersten Schnauzbartträger zum neuen Staatspräsidenten wählten. Erdogan im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit, wie deprimierend! Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber – das hat entweder Berthold Brecht oder Wilhelm Busch gesagt, die Quellenlage ist nicht eindeutig. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral – der Satz hingegen stammt eindeutig von Brecht und könnte heute zu „Hauptsache Kohle, alles andere is egal“ verkürzt werden. Definitiv bescheuert sind offensichtlich viele Türken, die den nur mühsam als demokratisch legitimierten Staatschef getarnten Quasidiktator Erdogan nach elfjähriger Amtszeit als Ministerpräsident (seine Wiederwahl war nicht möglich) nun ins höchste Amt der Türkei hoben.

Insgeheim hoffe ich ja darauf, dass in den kommenden Tagen eine Verschwörung ungeheuerlichen Ausmaßes enthüllt wird und die Schlagzeilen von Hürriyet bis BILD gleich lauten: Trinkwasser überall in der Türkei vergiftet – Vor den Wahlen wurden Drogen beigemischt – Ein Volk im kollektiven Wahnsinn! Eine Enthüllung zur Ehrenrettung der Türken und als Beweis, dass die Menschen auf beiden Seiten des Bosporus genug gesunden Menschenverstand haben und übel ausgetrickst wurden. Aber es ist sicher, dass die Türken völlig freiwillig für jenen autoritären Übervater stimmten, der überall in der Türkei riesige Einkaufszentren hinklotzen lässt, auf Kritik mit Tränengas und Gummigeschossen reagiert, gut dreihundert tote Bergleute schon mal mit einem lakonischen „Tja, sowas passiert halt, eine Kohlemine ist schließlich kein Ponyhof!“ kommentiert, die Islamisierung rasant vorantreibt und auch deshalb bald den Frauen das Lachen auf der Straße verbieten wird. Und wenn er es nicht tut, dann sein Amtsnachfolger, mit Sicherheit auch so ein frömmelnder AKP-Scherge.

Auch hierzulande durften Exil-Türken erstmals ihren zukünftigen Präsidenten wählen. Nach dem Urnengang wurden Wähler interviewt und fast alle hatten für Erdogan gestimmt. Nahezu einhellige Begründung: Weil er der Beste ist. Offenbar habe ich die Rückkehr des Messias, diesmal auf der anderen Seite des östlichen Mittelmeers, schlicht verpennt. Eine durchaus intelligent und gebildet wirkende Frau, das dunkle Haar sorgsam unter einem champagnerfarbenen Kopftuch verborgen, reagierte auf die Nachfrage des Reporters, was sie denn von der Kritik an Erdogan hielte, extrem unwillig: „Ich lese schon lange keine Zeitungen mehr und höre nicht auf die Medien. Das ist doch alles Propaganda, was man ihm vorwirft.“ Jau, dachte ich und verzog von Schmerzen gepeinigt das Gesicht. Wer kontrolliert denn die Medien und verdummt das türkische Volk? Wieso bekamen Erdogan und seine herrschende AKP an drei Tagen im Wahlkampf insgesamt über 9 Stunden Sendezeit im türkischen TV, während die Opposition an denselben Tagen gerademal 4 Minuten auf den Bildschirmen zu sehen war?

Wenn jemand mit seinen Kumpels und Söhnen reihenweise gigantische Immobilien- und Industrieprojekte umsetzt, der Klan sich dabei augenscheinlich frech die Taschen füllt und dadurch Polizei und Staatsanwaltschaft gegen sich aufbringt, wenn die Justiz dann ermittelt und der Verdächtige namens Erdogan entlässt mal eben über tausend Beamte oder strafversetzt sie irgendwo in die entlegensten Winkel des osmanischen Reichs – dann könnte man doch mutmaßen, dass der Kerl zu recht verdächtigt wird und tatsächlich Dreck am Stecken hat. Aber nein – alles üble Nachrede, böswillige Verleumdung und verlogene Propaganda, wahrscheinlich sogar vom islamfeindlichen Westen gesteuert. Entweder sind die Amis schuld oder die Deutschen, so ist es ja auch bei Putin, dem lupenreinen Demokraten.

Winston Churchill hat gesagt, das beste Argument gegen die Demokratie sei ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler. Ich bin überzeugter Demokrat, finde es aber bedenklich, dass leider auch Idioten wählen und abstimmen dürfen. Und wenn bei einer Wahlbeteiligung von rund 70% mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf Erdogan entfallen, ist das ein unwiderlegbarer Beweis für die moralische und politische Unreife vieler Türken. Solange die Wirtschaft boomt und die Infrastruktur besser wird, kann man gern einen ultrakonservativen Drecksack zum Präsidenten wählen. Auch wenn der selbsternannte Tugendwächter die türkischen Frauen unters Kopftuch, zum fleißigen Gebären ins Kindsbett oder an den Herd verbannt und ihnen das Lachen in der Öffentlichkeit verbietet, auch wenn er das Internet zensiert, Proteste brutal niederknüppeln lässt, unabhängige Medien unterdrückt und kritische Journalisten ins Gefängnis sperrt, auch wenn er sich dreist an Steuergeldern bedient und offensichtlich korrupt ist. Selbst gewählte Leiden eines Volkes, das es offenbar nicht besser verdient hat.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Hier coacht der Anwalt

Geschrieben von Johannis am 28. Februar 2014 um 17:19 Uhr

Alles hat seinen Preis, auch die Wahrheit. Bei Letzterer kostet es oft schon einen hohen Preis, sie auszusprechen oder sonst irgendwie publik zu machen. Deshalb wurde kürzlich in China der Bürgerrechtler Xu Zhiyong zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er Transparenz bei Politiker-Vermögen gefordert hatte. Die durch und durch korrupte Führungsclique der kommunistischen Partei bereichert sich seit Jahrzehnten in dreistester Weise und versteckt Summen in Milliardenhöhe auf Offshore-Konten in Steueroasen. Als Reaktion auf den Skandal, der als Offshore-Leaks bekannt wurde, verschwinden Bürgerrechtler wie Xu Zhiyong im Gefängnis oder Arbeitslager, werden Webseiten gesperrt und die Zensoren löschen Tweets im Akkord.

Vor Gericht und auf hoher See ist manfrau bekanntlich in Gottes Hand, aber oft genug scheint es, als sei der Allmächtige an Kinderlähmung erkrankt oder als hätte die Mutter Gottes während der Schwangerschaft Contergan genommen. Justitia wird meist mit verbundenen Augen dargestellt, das ist wenig vertrauenserweckend und lässt nicht auf großen Durchblick schließen. Auch deshalb habe ich zähneknirschend bezahlt, als mir im November eine Abmahnung ins Haus flatterte, statt mich vor Gericht auf einen Kampf David gegen Goliath einzulassen. Doch lasst mich die Geschichte von Anfang an erzählen.

2002 bis 2004 investierte ich viel Zeit und Geld für Seminare und in eine Ausbildung bei der CoachingAcademie Bielefeld. Von der Ausbildung wurde ich nach vier von sieben absolvierten Modulen ausgeschlossen. Bereits gezahlte Gebühren wurden mir anteilig erstattet, aber das ist ein bisschen so, als würde manfrau auf einer einsamen Insel leben, selbst nicht nähen können und beim einzigen Schneider einen Mantel in Auftrag geben. Wenn der Inselschneider dann überraschend den halbfertigen Mantel und einen Teil des für seine Arbeit vereinbarten Lohns zurückgibt, nützt einem das wenig. Etwa so viel wie mir die Teilnahmebescheinigungen der CoachingAcademie.

Offizielle Begründung für den Ausschluss war, dass ich ein mir selbst gesetztes Ziel (nämlich den erhofften Job bei einer Menschenrechtsorganisation zu bekommen, bei der ich mich beworben und ein einstündiges, sehr angenehmes Vorstellungsgespräch absolviert hatte) nicht erfüllte. Konnte ich nicht, denn leider bekam jemand anders den Job. Meine persönliche, vollkommen subjektive und somit irrige Wahrnehmung war hingegen, dass ich im Verlauf der Ausbildung zu viele unbequeme Fragen gestellt und die Methodik der CoachingAcademie angezweifelt habe. Dies ist und muss aber falsch sein, denn schließlich habe ich im November 2013 eine Unterlassungserklärung unterschrieben, derzufolge ich jedes Mal 1000 € zahlen muss, wenn ich solchen Unsinn behaupte. Was ich ausdrücklich nicht tue. Unsinn behaupten. (siehe unten)

Zweimal habe ich bisher in diesem Blog über die CoachingAcademie geschrieben, einmal eher am Rande im Beitrag Zwangscoaching und dann sehr detailliert vor gut einem Jahr unter der Überschrift Coaching in der Xxxxx? (Xxxxx = Schaumwein, deutsch, Mehrzahl). Beide Beiträge zusammen wurden etwa 15.000 mal gelesen. Am 6. November 2013 ging meine Besucherstatistik durch die Decke. Auslöser war ein Beitrag auf vice.com mit dem Titel „Wie ich beinahe von einer Coaching-Sekte transformiert wurde“ und ein Link zu meinem Blog. Der Autor Jan Vollmer beschrieb detailliert, anschaulich und durchaus kritisch eines jener Basisseminare, wie auch ich es im November 2002 besucht habe. Nach drei Tagen verschwand der Beitrag aus dem Netz und mir schwante nichts Gutes.

Kurz darauf kam die Abmahnung der Anwaltssozietät Dr. Becker aus Bielefeld, zusammen mit einer Kostenrechnung über 281,30 €. Vorgeworfen wurde mir eine Urheberrechtsverletzung, weil ich in meinem zweiten Beitrag über die CoachingAcademie ein Video eingebunden hatte, das auf der frei zugänglichen Facebookseite der CoachingAcademie für derzeit 1,2 Milliarden Facebook-User erreichbar ist. (Damals gab’s noch die Funktion Einbetten, heute gibt’s nur noch Teilen. Per copy&paste konnte man den HTML-Code kopieren, um Videos einzubauen, ähnlich wie YouTube es anbietet.) Weiterhin ging es um meine erklärtermaßen unsinnige Behauptung, man hätte mich wegen unbequemer Fragen von der Coachingausbildung ausgeschlossen, sowie den Vorwurf, ich hätte die Mandantin der Anwaltskanzlei in meinem Blogbeitrag mehrfach als „Sekte“ oder sektenähnliches Unternehmen bezeichnet. Letzteres bestreite ich ausdrücklich.

Ihr könnt euch meine Empörung wahrscheinlich vorstellen, ich habe geschäumt vor Wut. Wie warmer Schaumwein, unsachgemäß geöffnet. Hab an das Grundgesetz gedacht und mein Recht zur freien Meinungsäußerung, an Zensur und Unterdrückung, an Robin Hood und Che Guevara. Und mir dann einen Anwalt genommen, obwohl ich das eigentlich für überflüssig hielt. Der riet mir jedoch, die geforderte Unterlassungserklärung zu unterzeichnen und die Rechnung der Anwaltssozietät Dr. Becker zu bezahlen. Und seine natürlich. In Summe hat mich der ganze Quatsch fast 400 € gekostet, dazu eine Menge Nerven und unnütz verplemperte Zeit. Ob die jetzt mit Schreiben verbrachten Stunden ebenfalls dazu zählen, ist ungewiss. Tatsache ist jedenfalls, dass ich bezahlt und unterschrieben habe. Außerdem waren die beiden Blogbeiträge seitdem gesperrt, also nur mit Passwort lesbar. Was mir eine Reihe von interessanten Anfragen eingetragen hat. Es gibt erstaunlich viele Menschen, die sich Gedanken über die CoachingAcademie, deren Geschäftsgebaren und Umgang mit Menschen machen. Und weil man im Netz seltsamerweise so gut wie keine kritischen Äußerungen über die CoachingAcademie findet, landen die Leute schließlich in meinem Blog.

H. schrieb beispielsweise „Hallo Kassandrus, verrätst du mir, wie ich Beiträge in deinem Blog lesen kann? Ich würde gerne über deine Erfahrungen mit der CoachingAcademie lesen. Ich wurde vor einigen Tagen zu einem Infoabend geschleppt und fühlte mich irgendwie unwohl. Jetzt versuche ich ein paar Meinungen zu finden, normalerweise keine Problem im Internet. Aber es gestaltet sich sehr schwierig, mehr über die Methoden dieser Firma herauszubekommen. Hättest du etwas dagegen, wenn ich deine Beiträge lese? Mit freundlichen Grüßen, H.“

Von M. kam folgende Mail:

„Hallo, Du hast hier (ich glaube) zwei Blogeinträge über die Coaching Academie geschrieben, die passwortgeschützt sind. Komme ich da irgendwie dran? Oder kannst Du sie mir einfach kopieren und per Mail schicken? Ich war letztes Wochenende da und bin an Erfahrungen interessiert, weil ich Teile der Arbeit da wirklich gut finde, aber den „shiny-happy-people“-Rahmen und das Multi Level Marketing eher fragwürdig finde. Maria Craemer hat übrigens gesagt, dass sie zwei Unterlassungserklärungen erwirkt hat, ich weiß nicht, ob Dich das betrifft.
Würde mich freuen! Einen schönen Tag wünscht M.“

Ich bin ziemlich sicher, dass sich das Würde mich freuen! nicht auf die Unterlassungserklärungen bezieht.

Ein anderer M. (hab versprochen, dass niemand beim Namen genannt wird) schrieb: „Hallo Johannis,
leider kann man deinen Artikel auf deinem Blog zur CA Bielefeld nur mit Passwort lesen. Ich habe 2004 auch mal bei denen ein paar Seminare gemacht, mich mittlerweile aber ziemlich von ihren Gedanken distanziert. Dürfte ich deinen Artikel lesen? Ich bin über deine Antwort bei gutefrage.net auf deinem Blog gelandet. Ich mache mir gerade ein Bild über das Unternehmen heute. Auf der Seite der Sektenbeauftragten scheinen sie mittlerweile nicht mehr zu sein!?
Herzl. Gruß aus Berlin, M.“

Solche und ähnliche Anfragen beantwortete ich mit dem Hinweis auf die Abmahnung und dem Versprechen, dass beide Beiträge in entschärfter Version demnächst wieder öffentlich zugänglich sein würden. Ergänzt um einen weiteren Text, und das ist dieser hier. Weiter unten findet ihr sowohl den Wortlaut der Abmahnung als auch der Unterlassungserklärung, die ich unterschreiben musste. Der gelöschten Beitrag von Jan Vollmer könnt ihr unter diesem Link nachlesen. Bis in Googles Cachegedächtnis hat der Text es nicht geschafft, dazu wurde er zu schnell gelöscht, vermutlich ebenfalls auf Betreiben der Anwaltssozietät Dr. Becker aus Bielefeld. Aber es gibt zum Glück Webseiten, die nichts anderes tun, als Inhalte von anderen Seiten zu archivieren. So blieb der Beitrag samt Fotos erhalten und ich muss hier keinen Screenshot einbauen und weiteren Ärger mit den Bielefelder Anwälten riskieren. Die residieren übrigens unter der gleichen Anschrift wie die CoachingAcademie, Hausnummer fünf in der Goldstraße. Schöne Adresse, echt goldig!

Bekanntlich ist nicht alles Gold was glänzt. Vom chinesischen Philosophen Laotse stammt das Zitat “Wahre Worte sind nicht angenehm, angenehme Worte sind nicht wahr.” Wer den Satz „Wenn du mit Scheiße schmeißt, hast du hinterher dreckige Hände” gesagt hat, weiß ich nicht, finde ihn aber treffend. Keineswegs möchte ich mit diesem Beitrag Fäkalien auf dem Luftweg nach Bielefeld entsenden. Ich erlaube mir aber einen kritischen Blick auf jene Apologeten der Selbstoptimierung und des grenzenlosen Machbarkeitswahns, die ähnlich wie weiland der Rattenfänger von Hameln durch die Lande ziehen und fleißig Schäfchen einsammeln. Ob das geschieht, um ihnen zu höherem Bewusstsein und mehr Lebensqualität zu verhelfen, oder ob man ihnen Geld aus der Tasche und das Fell über die Ohren ziehen will, mag jeder selbst beurteilen. Ein schrecklichschönes Beispiel von leider beängstigend vielen ist Veit Lindau und sein Living Master Club (schaut euch das Video bitte nur dann an, wenn ihr einen robusten Magen oder eine Kotztüte zur Hand habt). Leute wie er tragen dazu bei, dass Coaching leider keinen besonders guten Namen hat. Zurecht sollte manfrau sich ein gesundes Misstrauen bewahren, wenn manfrau sich in der Coachingszene bewegen will. Unabhängig davon gibt es in diesem Land ein große Anzahl anständiger und vertrauenswürdiger Trainer und Coaches, die sich kundig und zuallererst für das Wohl ihrer Klienten engagieren. In aller Bescheidenheit zähle auch ich mich zu dieser Gruppe.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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