Aufruf zum Aufruhr
Geschrieben von Johannis am 12. Juni 2013 um 09:35 Uhr
Die Welt ist ein Dorf. Ein verdammt großes und unübersichtliches Dorf, aber trotzdem. In der Mitte, zwischen Kirche, Hindu-Tempel, Synagoge, Moschee und buddhistischer Pagode, zwischen Banken, Börsen und Botschaften, neben dem Supermarkt und der Tankstelle, liegt der Dorfplatz. Sein Name wechselt. Mal ist heißt er Tahrir, dann Zuccotti Park, Plaça de Catalunya oder Puerta del Sol. Im Moment trägt der globale Dorfanger den Namen Taksim-Platz. Vorletztes Wochenende lag der Taksim-Platz in Frankfurt, aber auch in vielen türkischen Städten, und sogar hier in Dortmund protestierten junge Menschen kürzlich gegen die Dummheit und Arroganz der Mächtigen.
Martin Luther King wurde unter anderem bekannt durch seine Rede mit dem berühmten Zitat I have a dream. In wenigen Wochen, am 28. August, sind fünfzig Jahre vergangen, seit er diese Rede hielt. Der charismatische Baptistenpriester und mutige Menschenrechtler träumte damals auch davon, dass sich die amerikanische Nation erheben und für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit einstehen möge. Zumindest teilweise wurde sein Traum wahr. Auch ich bin gelegentlich noch störrisch und unverzagt genug, um von einer besseren Welt zu träumen. Ich wünsche mir, dass jeder Ort in jedem Land bald seinen Taksim-Platz hat, wo die Leute friedlich zusammenkommen, um voller Begeisterung und Kreativität an einer neuen Ordnung für unsere Welt zu arbeiten. Ich träume davon, dass speziell die jungen Menschen überall auf diesem wunderschönen und geschundenen Planeten zusammenkommen und protestieren, damit ihre erschreckend vagen Chancen für eine lebenswerte Zukunft nicht vollends verspielt werden.
Martin Luther King wurde erschossen, genau wie Mahatma Gandhi und andere, die sich für das Gute und den Wandel einsetzten. Die negativen Kräfte scheinen unbesiegbar und sind, wie Dummheit und Gier, offenbar nicht auszurotten. Egal ob es um den Klimawandel, um Hunger und Armut auf diesem Planeten, oder um die ständig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich geht – das Gute hat es schwer und echte Veränderung scheint fast unmöglich. Die 100 reichsten Menschen besitzen zusammen weit mehr als zwei Billionen Dollar. Das ist genug, um alle Hungernden der Welt mindestens fünf Jahre lang zu sättigen, obwohl fast eine Milliarde Erdenbürger chronisch unterernährt sind. Warren Buffett, derzeit Nummer vier auf der Rangliste, spricht vom Klassenkampf der Reichen gehen die Armen: „Es ist nicht nur so, dass meine Klasse bei diesem Kampf dauernd gewinnt. Ich meine sogar, dass wir die Armen umbringen.“
Sein Sohn Howard Buffett sympathisiert offen mit der Occupy-Bewegung, deren deutscher Arm kürzlich mal wieder die volle Härte der Staatsgewalt zu spüren bekam. Bis zu 9 Stunden wurden friedliche Demonstranten in Frankfurt eingekesselt, nachdem man ihren genehmigten Protestmarsch brutal gestoppt hatte. Egal ob Ministerpräsident Erdoğan in Istanbul oder Polizeipräsident Achim Thiel in Frankfurt – sie sind beide Teil eines menschenverachtenden Systems der Herrschaft, das vor allem Profitinteressen verfolgt und bestehende Machtstrukturen um jeden Preis erhalten will. Solange man mit Umweltzerstörung Geld verdienen kann, wird eben weiter gebaut, gerodet, geplündert und vergiftet. Auch wenn der letzte Park Istanbuls dabei draufgeht, für eine weitere Shopping-Mall, obwohl die Stadt bereits über 80 große Einkaufszentren hat. Kleine Minderheiten machen fette Gewinne, der große Rest der Weltgemeinschaft zahlt die Zeche, heute oder in naher Zukunft. Es geht scheinbar immer so weiter wie bisher, unbeirrbar ins Verderben.
Aber der Schein mag trügen. In vielen Ländern gärt es, die Menschen sind unzufrieden und werden laut. Erst kam der arabische Frühling, auch wenn zwei Jahre später von Frühlingsgefühlen in Tunis und Kairo nichts mehr zu spüren ist. Dann die Proteste in New York, Griechenland, Spanien und anderswo. Im Februar gingen die Bulgaren bei klirrendem Frost auf die Straßen, in gerechter Wut entflammt, weil viele sich wegen deftiger Strompreiserhöhungen das Heizen nicht mehr leisten konnten. Statt drinnen allein zu sitzen, froren sie lieber gemeinsam draußen und schürten so das Feuer der Hoffnung. Jetzt haben die Türken genug, wollen sich nicht länger von einem religiös-konservativen Patriarchen bevormunden und für dumm verkaufen lassen. Und wieder vollzieht sich jenes Wunder, das wir bereits von Tahrir-Platz, Zuccotti Park, Puerta del Sol und der Plaça de Catalunyas kennen. Die angeblich asozialen Störenfriede und Randalierer organisieren ihr Zusammenleben friedlich und mit herzerwärmenden Kreativität. Sie sorgen liebevoll füreinander und ihre unmittelbare Umwelt, leisten gewaltfreien Widerstand im Sinne Mahatma Gandhis und lassen sich auch dann nicht entmutigen, wenn die Knüppelgarden mit Tränengas und Pfefferspray über sie herfallen.
Der türkische Talkmaster Beyazıt Öztürk rief seine Zuschauer neulich in einer Live-Übertragung auf, sich an den Demonstrationen gegen Erdoğan zu beteiligen, und verließ dann die laufende Show in Richtung Taksim-Platz. Die Fußballfans von Besiktas Istanbul waren seit Beginn der Proteste jede Nacht auf den Straßen, aber als am Montag vergangener Woche weit und breit keine Wasserwerfer und uniformierte Schlägertrupps zu sehen waren, riefen sie selbst per Notruf die Polizei. Arm in Arm, Seite an Seite, sind sie mit den Fans von Fenerbahçe und Galatasaray zu sehen, obwohl zwischen den Lagern traditionell eine erbitterte Feindschaft herrscht. Gegensätze verschwinden und Klüfte werden überbrückt, denn die Menschen eint der Wunsch nach Gerechtigkeit und Fairness. Sie wollen eine lebenswerte Zukunft, wie sie eine Gruppe Prominenter vor wenigen Tagen auch hier in Deutschland gefordert hat. Sie veröffentlichten das Generationen-Manifest und rufen nun zu wöchentlichen Montagsdemos vorm Berliner Kanzleramt auf, meiner Ansicht nach eine sinnvolle Idee.
Shiva ist einer der drei wichtigsten Götter im Hinduismus. Sein Name bedeutet „Der Glückverheißende“ und Shiva steht für den Neubeginn und das Prinzip der kreativen Zerstörung. Um ein neues Haus anstelle eines alten zu erreichten, muss der Altbau abgerissen werden. Manchmal kann man Fundamente und Teile des Baumaterials erneut verwenden, aber oftmals muss das Alte komplett weichen, um einer neuen Struktur Platz zu machen. Ich persönlich glaube nicht daran, dass sich das weltweit vorherrschende System reformieren lässt, denn es basiert auf Gier, ungehemmter Bereicherung, Eigennutz und Unterdrückung der Schwachen. An seine Stelle muss etwas komplett Neues treten, geboren aus Not und der Erkenntnis, dass wir schon viel zu lange immer dieselben Fehler machen. Die Dorfplätze dieser Welt können Brutkästen sein, in denen diese neue und humane Ordnung heranreift. Egal, ob Taksim, Tahrir, Zuccotti Park, Puerta del Sol, Plaça de Catalunyas oder irgendein namenloser Platz in einer scheinbar unwichtigen Stadt – dort wird die Saat gelegt, aus der ein neues und gerechtes System entstehen kann, in dem Menschlichkeit der zentrale Wert ist.
Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, doch leider stirbt auch sie oft. Aber vielfach ist sie alles, was wir haben. Hoffnung auf Wandel, auf ein Wunder. Ohne Hoffnung und den Glauben, dass sich die Dinge zum Besseren ändern können, sind wir wie Schlachtvieh, vegetieren nur dumpf vor uns hin, dem sicheren Tod entgegen. Mit Hoffnung können wir über uns selbst hinauswachsen, können Schranken überschreiten und Wunder vollbringen. Kleine Wunder, die aber zusammen einen Umsturz bewirken und den Neubeginn einläuten. Twitter, Facebook und andere Netzwerke werden zunehmend zu Werkzeugen der Veränderung, verbinden Menschen, die mutig aufbegehren und sich für den notwendigen Wandel einsetzen. Nicht zuletzt deshalb schmäht Erdoğan die Twitter-User als asoziale Unruhestifter und Volksfeinde, und würde sie am liebsten alle verhaften lassen. Für kommendes Wochenende hat er seine Anhänger zu Gegendemos aufgerufen und man kann nur hoffen, dass es nicht zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt.
Am Sonntag fand ich den Augenzeugenbericht des bekannten Autors und Dramatikers Moritz Rinke, der unter der Überschrift Für Eylem in der ZEIT erschien. Rinke geriet beim Kauf eines Anzugs für seine eigene Hochzeit zufällig in die Proteste am Taksim-Platz. Von Freitag, 31.05., bis zum folgenden Dienstag durchlitt er den Aufruhr zusammen mit türkischen Freunden und schrieb darüber. Ich las seine emotionalen Schilderungen mit einem dicken Kloß im Hals und fühlte mich nach Kathmandu versetzt, wo ich vor sieben Jahren den Volksaufstand der Nepalesen hautnah miterlebte. Rinkes türkische Verlobte war in Berlin, während sich in Istanbul der Volkszorn zeigte, fieberte mit und schrieb ihm per SMS “Wenn du mich heiraten willst, musst du die Revolution mitmachen!”. Ihr Name Eylem bedeutet im Türkischen Handlung, Tat, Aktion. In diesem Sinne soll „Für Eylem!“ als Aufruf über all die Dorfplätze der globalisierten Welt schallen, auf dass wir uns erheben und endlich den Beginn eines neuen Zeitalters der Vernunft und Gerechtigkeit einläuten.
PS: Dieser Beitrag war schon fertig geschrieben und für Mittwoch eingeplant, als gestern über die gewaltsame Räumung des Taksim-Platzes berichtet wurde. Erdoğan setzt also weiterhin auf Härte und Konfrontation, obwohl er am Montag Gespräche mit den Protestlern angekündigt hatte. Dazu fällt mir wieder Gandhi ein: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten“. Ob die Gespräche mit den Besetzern des Gezi-Parks nun tatsächlich heute stattfinden und wie viel dabei herauskommt, ist mehr als fraglich. Nach neuesten Berichten sind bisher mindestens vier Demonstranten getötet und weit über 2000 zum Teil schwer verletzt worden. Auf der uniformierten Gegenseite haben nach Angaben der Polizeigewerkschaft bereits sechs Polizisten Suizid begangen, weil sie den brutalen Druck und die unmenschlichen Einsatzbedingungen nicht ertragen konnten. Nach den Ereignissen der letzten Tage ist zu erwarten, dass die Unruhen in der Türkei sich eher verstärken als abebben werden.
PPS: Hab heute früh im Radio gehört, dass am Taksim-Platz letzte Nacht eine Demonstration mit mehreren Zehntausend Menschen brutal aufgelöst wurde und die Polizei auch das Zeltlager im Gezi-Park, anders als versprochen, zerstört hat. Erdoğan zeigt sein wahres Gesicht, eine hässliche Fratze, die stark an die von Mubarak erinnert. Er hält sich für unfehlbar und vergisst offenbar, dass nur ein Drittel der Türken seine AKP gewählt haben. Wegen des speziellen Wahlrechts mit einer 10%-Hürde regiert er das Land, obwohl zwei Drittel ihn nicht wollen. Bin gespannt, wie lange es dauert, bis die Capulcu ihn aus dem Parlament von Ankara vertreiben.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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