Judenhass
Geschrieben von Johannis am 3. September 2010 um 09:46 Uhr
Na, hast du auch am Mittwoch „Hart aber Fair“ gesehen? Wer jetzt mit Nein antwortet, hat nichts verpasst. War langweilig. Das fanden offenbar eine Menge Zuschauer, was man aus den vielen Tweets schließen kann, die sich auf die Sendung bezogen. Anscheinend sitzen immer mehr Leute vor der Glotze und geben gleichzeitig bei Twitter per iPhone oder WLAN-Notebook ihre Gedanken und sinnlichen Wahrnehmungen in Echtzeit ein. Hoffentlich wird das nicht zur Mode, und die Leute twittern demnächst auch während sie auf den Klo hocken, beim Sex und wenn sie sich die Fußnägel schneiden.
Also es war langweilig. Plasberg hatte wie üblich fünf Figuren auf der Bühne und brühte zum soundsovielten Mal jenen Entrüstungsteebeutel auf, der diese Woche bereits auf fast allen anderen TV-Kanälen mit dem Wasser der gerechten Empörung übergossen wurde. Don Sarrazin, unser schnauzbärtiger Ritter von der traurigen Figur, stammelte sich durch seine Thesen und die Sendung, und ließ dabei durchblicken, dass er dem bevorstehenden Zwangsruhestand als schreibender Bundesbanker mit Gelassenheit entgegen sieht. Der silberhaarige Historiker Arnulf Baring machte zeitweise ein Nickerchen und ansonsten eine farblose Figur, ähnlich wie der Sozi Rudolf Dreßler. Die Journalistin Asli Sevindim gefiel mir ganz gut und zu Michel Friedman komme ich noch. Insgesamt waren Einsichtsfähigkeit und gesunder Menschenverstand in der Talk-Runde ähnlich verteilt wie bei den US-Republikanern. Bekanntlich glauben dort rund die Hälfte, dass Barack Obama ein Moslem ist.
Zu Thilo Sarrazin ist längst alles Sagbare gesagt. Er hat die Klappe sehr weit aufgerissen, außerdem dummes Zeug gefaselt und deshalb medienmäßig ziemlich was auf die Schnauze bekommen. Aber das Volk stimmt ihm grundsätzlich zu und findet, dass viele Muslime sich wenig Mühe geben und oftmals schlecht ins Land passen. Insgesamt hat er der dringend notwendigen Debatte um ge- oder misslungene Integration einen Bärendienst erwiesen und eine deutsche Schwäche gefördert: Probleme werden nicht gelöst, sondern diskutiert, bis das nächste Problem kommt. Außerdem hat Thilo bei vielen Satirikern, Bloggern und ernsthaften Autoren verschissen, weil man nun kaum noch gegen Parallelgesellschaftsmuslime stänkern kann, ohne wie ein Neonazi angekuckt zu werden. Finde auch ich schade.
Nicht zuletzt aus diesem Grund schlage ich nun etwas mühsam den Bogen zum in der Überschrift erwähnten Judenhass und Michel Friedman. Ich hasse ihn. Naja, ich finde ihn echt eklig. Er sollte ein lebenslanges Auftrittsverbot für alle Fernseh- und Radiosender bekommen und eine unwiderrufliche Onlinesperre. Warum wird dieser selbstverliebte und selbstgerechte Widerling mit der Optik eines Koksluden (nein, kein Koksjude – Lude, wie Zuhälter, Loddel, Pimp), der sein Jahresabo im Sonnenstudio deutlich überstrapaziert und sich trotzdem ständig im Scheinwerferlicht der Fernsehstudios nachbräunen muss, bloß andauernd in Talkshows eingeladen? Vollkommen unverständlich.
Friedman lieferte am Mittwoch Spitzenwerte bei den Parametern für aalglatte Schmierigkeit, aufgesetzte Empörung und akute Fremdschämnotwendigkeit. Neben ihm wirkte der trottelige Sarrazin sympathisch bis mitleiderregend. Wieso nehmt ihr statt dem nervigen Friedmanfritzen nicht mich? Reden kann ich auch, bin kameratauglich und wegen gewisser Vorfahren ein Sechzehnteljude, zumindest nach Adolfs Rassenarithmetik. Übrigens, wie alle anständigen Intellektuellen hab ich in meinem Leben einige Zeit auf der Psychotherapeutencouch verbracht, insofern ist auch mein gelegentlich aufflammender Selbsthass noch in Teilen Judenhass. 6,25 % um genau zu sein. Womit ich erneut und etwas bemüht die Kurve zur Überschrift kratze.
Wie bereits erwähnt war die Sendung ziemlich überflüssig. Das Beste waren Straßeninterviews mit Kölner Türken, die auch nach 20 Jahren im Land von Goethe und Schiller kaum ein Wort Deutsch verstehen oder sprechen, und Plasbergs Hinweis auf die WDR-Dokumentation „Hart und herzlich“. Sie wurde um 23:30 gesendet und ist leider nicht in der ARD-Mediathek abrufbar. Würde uns wohl zu sehr aufregen, deswegen auch der nervenschonende Sendetermin. Egal. 45 Minuten entgangener Schönheitsschlaf waren jedenfalls exzellent investierte Zeit, denn der Film zeigt, wie die türkische Lehrerin Betül Durmaz an einer Gelsenkirchener Schule ihren fast aussichtslosen Kampf um Integration und Chancengleichheit kämpft. Gleich zu Beginn erklärten ihre Schüler mit frappierender Offenherzigkeit, dass sie absolut keine deutschen Freunde haben. Zum Beispiel, weil Deutsche Schweinefleisch essen. Eine Schülerin sagte den Satz: „Wenn wir Ausländer alle bleiben würden, näh, und die Deutschen nur für einen Tag verschwinden würden, näh, das würd’ nicht auffallen.“ Darf man sich wundern, wenn mancher Deutsche genauso denkt, nur umgekehrt?
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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